Interview

Ex-Bremer Vogt: "Werder war ein maximal lehrreiches halbes Jahr"

Gegen Werder fehlt Kevin Vogt den Hoffenheimern am Sonntag (18 Uhr) aufgrund einer Gelbsperre. Obwohl seine Zeit in Bremen hart war, denkt er gerne an sie zurück.

Video vom 18. Februar 2021
Kevin Vogt lacht während des Skype-Interviews
Bild: Radio Bremen
Herr Vogt, am Sonntag gegen Werder fehlen Sie aufgrund einer Gelbsperre. Gegen die Ex-Kollegen aus Bremen wären Sie doch sicher gerne dabei gewesen?
Ja, ich habe mich sehr auf das Spiel gefreut. Die Gesichter mal wiederzusehen und auf dem Platz gegen die Jungs zu spielen, wäre schon schön gewesen. Für mich ist es ein sehr unangenehmer Zeitpunkt für eine Sperre. Aber manchmal kann man es nicht beeinflussen.
Wie werden Sie das Spiel verfolgen?
Ich hoffe, ich darf ins Stadion. Ich muss aber sagen, dass ich nicht weiß, wie da die Regularien genau aussehen, wenn man am Spieltag kein Aktiver ist. Vielleicht kratze ich mich da irgendwie noch rein (lacht).
Halten Sie noch einen engen Draht nach Bremen?
Ich habe mich mit allen Leuten im Verein gut verstanden. Vom Zeugwart bis zum Trainerteam. Und ich habe auch mit allen noch Kontakt.
Kevin Vogt behauptet den Ball im Zweikampf. Niklas Moisander schaut ihm zu.
Bei Werder etablierte Kevin Vogt sich auf Anhieb als Stammspieler. Im Kampf gegen den Abstieg verlieh er der Defensive Stabilität. Bild: Gumzmedia / Nordphoto
Bei Werder haben Sie die schlimmste Saison seit dem Abstieg 1980 miterlebt. Mit welchen Gefühlen schauen Sie mit ein wenig Abstand auf Ihr halbes Jahr in Bremen zurück?
Sehr positiv, weil es für mich ein maximal lehrreiches halbes Jahr war, in dem ich viele Erfahrungen sammeln konnte. Ich kam ja aus einer sehr komfortablen Situation, weil ich mit Hoffenheim in den letzten Jahren viele Schritte nach oben gemacht hatte und international spielen durfte. Dann musste ich in Bremen den Schalter sehr, sehr schnell umlegen (lacht). Die Entscheidung für Werder fiel aber ganz bewusst, weil ich mir diese Aufgabe zugetraut habe. Mir war wichtig, mich mit einem Lächeln aus Bremen verabschieden zu können. Und ich bin froh, dass es so gekommen ist.
Die Verantwortlichen von Werder hätten Sie wohl gerne behalten.
Das höre ich natürlich gerne, denn das heißt, dass ich in diesem halben Jahr auch ein bisschen was richtig gemacht habe und helfen konnte. Aber das haben wir danach nicht thematisiert. Für alle Parteien war klar, dass es zurück nach Hoffenheim geht. Dort hat sich ja auch das Rad gedreht, als ich in Bremen war.
Mit Ihrem Ex-Coach Alfred Schreuder lagen Sie bei der TSG zuvor im Clinch. Jetzt sind Sie wieder Stammspieler und auch in der Europa League dabei.
Für mich war meine Reise hier noch nicht beendet. So ein Abgang nach der Hinrunde war nicht das, was ich mir vorgestellt habe, wenn ich einmal "Tschüss Hoffenheim" sage. Ich war hier noch nicht fertig. Natürlich war die neue Trainer-Konstellation im Sommer auch für mich wichtig. Mit dem damaligen Trainer, das ist ja kein Geheimnis, hätte es höchstwahrscheinlich nicht mehr funktioniert.
Kevin Vogt und Florian Kohfeldt laufen nebeneinander auf dem Weg zum Trainingsplatz.
Kevin Vogt (rechts) und Werder-Coach Florian Kohfeldt haben seit ihrer gemeinsamen Zeit in Bremen einen guten Draht zueinander. Bild: Imago | Nordphoto
Haben Sie aus Ihrer Zeit im Norden die Erkenntnis mitgenommen, dass in der Krise nicht immer automatisch der Trainer gewechselt werden muss?
Die Bremer haben mit dem Festhalten an Flo (Florian Kohfeldt, Anm. d. Red.) meiner Meinung nach alles richtig gemacht. Am Ende des Tages war es für alle Beteiligten eine heftige Saison. Ich habe das natürlich auch gemerkt. Obwohl ich mittendrin war im Geschehen, konnte ich das ein bisschen "durch die Glaskugel" betrachten. Von Woche zu Woche wurde der Druck nur größer. Da musste man schon ein breites Kreuz haben, um performen zu können. Die Zeit hat mich schon geprägt. Es ging am Ende ja auch nicht mehr nur um Fußball. Wir wussten, dass auch Arbeitsplätze da dranhängen. Es wäre schon eine Kettenreaktion gewesen, wenn so ein Traditionsverein wie Werder runtergegangen wäre.
Wie bewerten Sie Werders Entwicklung unter Kohfeldt seit dem Sommer?
Für Flo und die Mannschaft war es wichtig, stabil zu punkten. Wenn auch nicht immer im Dreier-Schnitt. Positiv muss man auf jeden Fall hervorheben, dass sie defensiv deutlich kompakter stehen und weniger Gegentore kriegen.
Kevin Vogt im Zweikampf mit einem Spieler von Roter Stern Belgrad.
Mit der TSG Hoffenheim ist Kevin Vogt (hier im Spiel gegen Roter Stern Belgrad) in der Europa League dabei. Bild: Imago | PR
In Hoffenheim haben Sie sich in dieser Saison mit dem Coronavirus infiziert. Wie haben Sie die Zeit in der Quarantäne erlebt?
Zu Beginn hat es mich nur genervt, auch weil ich keine Symptome hatte. Zumindest an den ersten drei, vier Tagen. Dann hat der Hammer mich getroffen. Drei, vier Tage lang ging nichts bei mir. Wenn ich runtergegangen bin und ein Paket geholt habe, war anschließend erstmal für eine halbe Stunde die Couch angesagt. Das war schon extrem. Ich mache mein Leben lang Sport. Dass der Körper so schnell abbaut und dieser Virus mich so aus den Schuhen haut, war schon speziell.
Im Europapokal reisen die Teams derzeit kreuz und quer durch Europa. Mit Hoffenheim spielen Sie im spanischen Villareal gegen Molde FK aus Norwegen. Wie nehmen Sie die Branche Profifußball aktuell wahr?
Wir sind sehr privilegiert. Wenn ich sehe, was rechts und links, auch im engeren Umfeld, passiert, bin ich ganz weit weg davon, mich zu beschweren. Wir dürfen unter strengen Auflagen unserem Job nachgehen und darüber freuen wir uns.
Am Sonntag geht es für Ihr Team dann gegen Werder weiter. Wie geht das Spiel aus?
Das ist eine fiese Frage, weil ich wirklich große Sympathien für den Verein und alle drumherum hege. Ich hoffe, dass die Bremer ein super Spiel machen und knapp gegen uns verlieren (lacht). Ein 1:0 würde ich auch nehmen. Zu Null spielen wäre toll. Und drei Punkte wären auch toll.

(Das Gespräch führte Janna Betten, aufgezeichnet von Karsten Lübben.)

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Autorin

  • Janna Betten Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 18. Februar 2021, 18:06 Uhr