Kommentar

Werder muss aufpassen, seine Fans nicht zu vergraulen

Werder Bremen steht nach der schlechtesten Hinrunde aller Zeiten am vorläufigen Tiefpunkt – und muss aufpassen, seine Fans nicht vollends gegen sich aufzubringen.

Claudio Pizarro hält auf dem Spielfeld flehend die Hände zusammen.
Da hilft auch kein Flehen von Claudio Pizarro: Werder muss sich die Gunst der Fans mit besseren Leistungen und der richtigen Einstellung zurückverdienen. Bild: Imago | RHR-Foto

Werder-Spiele sind gerade so beliebt wie Socken unterm Weihnachtsbaum. Die Bremer verkauften sich in den vergangenen Partien teils so schauerlich, dass sich so mancher Fan die Selbstqual nicht länger antun wollte und abschaltete. "Ich gehe jetzt lieber Kekse backen", kommentierte einer beim Spiel in Köln. Die Alternative dürfte auch weit schmackhafter gewesen sein, als das, was Werder beim Jahresabschluss wieder anbot. Auf ein Festtagsmahl wagte nach den desolaten Auftritten schon keiner mehr zu hoffen, doch die Grün-Weißen bekommen nicht mal mehr ein Fertiggericht hin. Gütesiegel: ungenießbar.

Werder spielte beim letzten 0:5-Heimspiel-Debakel gegen Mainz nicht nur grottenschlecht, die Bremer spielten sogar das Weser-Stadion leer. Jenes Stadion, das stets als Festung im Bundesligavergleich gepriesen wurde, mit dem Publikum als 12. Mann. Jenes Stadion, in dem die Fans so penetrant genügsam sind, dass es ihnen erst in den Sinn kommt, mal zu pfeifen, wenn der Tannenbaum längst lichterloh in Flammen steht. Doch jetzt ist wohl dieser prekäre Moment gekommen, an dem Werder aufpassen muss, seine Fans nicht zu vergraulen.

Was heißt hier "wir"?

Werder-Spieler mit enttäuschten Gesichtern und hängenden Köpfen nach der Niederlage.
Trostlos: Nach dem 0:1 in Köln beendete Werder die Hinrude mit historisch schlechten 14 Punkten. Bild: Imago | RHR-Foto

"Wir schaffen das!", hat Florian Kohfeldt am Samstagabend kämpferisch gesagt. Doch wer ist dieses "wir"? In jedem Fall meint der Trainer den Schulterschluss zwischen der Mannschaft und den Fans. Wir, die Grün-Weißen mit der Raute im Herzen. Aber wer die in Massen zum Ausgang strömenden Zuschauer beim Mainz-Spiel gesehen hat, fragt sich schon, ob dieses "wir" noch die unerschütterliche Einheit ist. Schon beim Abschlusstraining am Freitag hatten die Fans Werder die kalte Schulter gezeigt. Von der Handvoll Zuschauer gab es keine Aufmunterung, keine Transparente. Nichts. Die Fans wollen das Elend nicht mehr mitansehen. Die Mannschaft muss sich die Gunst erst wieder verdienen, ist in der Bringschuld.

Der Rückrundenauftakt muss klappen

Werder steht also am vorläufigen Tiefpunkt erst einmal recht alleine da, doch ohne die Grün-Weiße-Wand im Rücken wird der Aufschwung nicht gelingen. Da nützt es dann auch nichts, wenn beim Saisonfinale wieder Hashtags in Umlauf gebracht werden. Und der Mannschaftsbus singend und mit Luftballons empfangen wird. Denn dann könnte es schon zu spät sein. Aber dass vielen die Lust auf Werder vergangen ist, ist nachvollziehbar. Sexy sind Socken unterm Weihnachtsbaum eben wirklich nicht. Bei vielen Genügsamen und Leiderprobten ist die Unlust aber wohl nur temporär und sie sind nach Silvester doch wieder zu Grün-Weißer Vergebung bereit.

Und noch sind die Krakeeler im Netz, die Zeter und Mordio wettern und personelle Konsequenzen fordern, in Unterzahl. Sollte in der Winterpause der Wille aber nicht auch beim hintersten Bankdrücker erkennbar sein oder gar der Rückrundenauftakt vergeigt werden, könnte sich das schnell ändern. Dann müsste Kohfeldt doch um seinen Job zittern. Und es bliebe wirklich die Frage, wer mit dem "wir schaffen das" dann eigentlich noch gemeint ist.

Tristesse bei Werder vor dem Schickssalsspiel in Köln

Florian Kohfeldt schaut ernst seinen Spieler beim Warmmachen zu.
Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

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Autorin

  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: ARD, Sportschau, 21. Dezember 2019, 18:45 Uhr