Werder trottet dem Abgrund entgegen

Nur noch Platz 14 statt Europa-Träumen – Werders offensive Spielweise begeistert zwar, doch sie ist nicht effektiv genug. Und die Defensive fällt zu oft in Tiefschlaf.

Werder-Spieler um Davy Klaassen und Maximilian Eggestein trotten nach der Niederlage mit hängenden Köpfen über den Rasen.
November-Blues bei den Bremern: Nach der 1:3-Niederlage gegen Gladbach rutscht Werder auf Rang 14 ab. Bild: Imago | Jan Huebner

Irgendwann hat selbst Florian Kohfeldt einfach die Nase voll. Denn da kam es nach dem Abpfiff wieder, das böse Wort, das Werder seit Monaten wie ein fieser Albtraum verfolgt: Standardgegentore. Gegen Borussia Mönchengladbach hatten die Bremer tatsächlich das zehnte der Saison kassiert – eine trübe Ligabestmarke. "Nee, ich habe keine Lust mehr darauf", wiegelte Kohfeldt nach der 1:3-Schlappe bei DAZN ab: "Ich beantrage, dass wir künftig ohne Standards spielen." Der Werder-Coach scherzte zwar, doch aus seiner Frustration klang auch eine Spur Ernst heraus. Vielleicht war es einfach Wunschdenken.

"Ich habe ein bisschen das Gefühl, bei 'Täglich grüßt das Murmeltier' zu sein", schob Kohfeldt ernüchtert hinterher. Woche für Woche die gleiche Leier, immer wieder sehen seine Bremer bei Ecken und Freistößen alt aus. Gegen den Tabellenführer aus Gladbach erwischte es Werder in der 20. Minute, durch einen Freistoß von der rechten Außenlinie in Höhe des 16 Meterraums. Ramy Bensebaini stieg höher als Theodor Gebre Selassie und alle übrigen und netzte ein.

"Wir kriegen aus dem Nichts Gegentore"

Keeper Pavlenka schaut dem Ball nach, der nach einem Freistoß für Gladbach auf sein Tor zusegelt.
Da ist es drin, das 10. Standard-Gegentor: Keeper Pavlenka (links) ist machtlos. Bild: Imago | Jan Huebner

Es wurde der Beginn einer bitteren Partie, in der so manches für die Bremer schief lief: Jiri Pavlenka patzte beim zweiten Gegentor, ein Treffer von Yuya Osako wurde nicht anerkannt und Davy Klaassen verschoss einen Foulelfmeter. Irgendwann stand es 3:0 für Gladbach und das Spiel war gelaufen. Bitter dabei: Alle drei Gegentore waren vermeidbar. "Wir kriegen aus dem Nichts Gegentore", monierte Kohfeldt bei DAZN: "Ich hatte nicht das Gefühl, dass wir hergespielt wurden. Es ist wieder ein Standard, dann ist es ein Kettenverhalten beim zweiten Gegentor und beim dritten Gegentor verteidigen wir viel zu passiv."

Beim 0:3 überhaupt von verteidigen zu sprechen, war allerdings übertrieben. Werders komplette Hintermannschaft hatte Patrick Herrmann ehrfürchtig bei seinem Treffer zugeschaut. "Ich weiß nicht, ob die bessere Mannschaft heute gewonnen hat", fragte sich Kohfeldt: "Definitiv hat die effektivere Mannschaft gewonnen." Werder kam auch zu guten Torchancen, traf allerdings nur in der Nachspielzeit durch Leonardo Bittencourt zum 1:3, als es keine Relevanz mehr hatte.

"Wir sollten schleunigst anfangen zu punkten"

Milot Rashica beugt sich nach dem Abpfiff enttäuscht nach vorne und stützt sich auf seinen Oberschenkeln ab.
Frust pur: Seit sieben Spielen warten Milot Rashica und Werder nun auf einen Sieg in der Bundesliga. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Kohfeldt aber gefällt es, dass sich seine Jungs, wie er sie nennt, nach den Nackenschlägen nicht aufgegeben hätten. Dass sie weiter mutig und offensiv gespielt hätten, kämpferisch waren. "Das freut mich riesig, dass wir weitermachen", meinte der Werder-Coach, "aber wir haben die Tore nicht gemacht. Deshalb ist Gladbach Erster und wir 14. mit elf Punkten. Wir sollten schleunigst anfangen zu punkten."

Werder muss es dringend, denn der Relegationsplatz ist nur noch zwei Punkte entfernt. Vom Ziel Europa wollen die Bremer dennoch nicht abrücken. Die Gefahr ist jedoch da, sich irgendwo zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu verlieren und sich von der offensiven, oft mitreißenden Spielweise der Grün-Weißen einlullen zu lassen und dabei zu verkennen, wie nah der Tabellenkeller schon ist. Werder stürmt zwar mutig auf dem Spielfeld los, merkt aber gar nicht, dass man durch die vielen liegengelassenen Punkte dem Abgrund entgegen trottet. Vorne die Chancen verballern und hinten zu oft im kollektiven Tiefschlaf – es reicht nicht, zu betonen, dass die Mannschaft eigentlich besser ist, als ihr Punktestand. Denn plötzlich ist man mittendrin im Abstiegskampf.

Werder-Sportchef Baumann: "Spüre keine Verunsicherung"

Frank Baumann im Interview

Mehr zum Thema:

Autorin

  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: NDR, Bundesliga am Sonntag, 10. November 2019, 19:30 Uhr