Erster Werder-Sieg nach 126 Tagen: Befreiungsschlag oder Strohfeuer?

Nach dem 1:0-Erfolg in Freiburg können Kohfeldt und Werder kurz durchatmen – aber können sie den Schwung am Dienstag endlich ins nächste Spiel mitnehmen?

Jiri Pavlenka und Niklas Moisander bejubeln gemeinsam den Sieg für Werder gegen Freiburg.
Jubel und Erleichterung: Werder-Kapitän Niklas Moisander (links) und Keeper Jiri Pavlenka feiern ihren lang ersehnten Sieg gegen Freiburg. Bild: Pool/gumzmedia/nordphoto

Es wäre am Samstag sehr leicht gewesen für Florian Kohfeldt, nun genüsslich zu kontern. All jenen Kritikern direkt – oder zumindest via TV-Kamera – ins Gesicht zu sagen: 'Seht her, ich hab's euch gezeigt.' Wer hätte es ihm verdenken wollen? Vielleicht hatte es der Werder-Coach zumindest innerlich getan nach der harschen Kritik, die in dieser Woche von allen Seiten auf ihn eingeprasselt war.

Der 1:0-Sieg, der erste nach 126 Tagen Flaute, dazu die kämpferische Leistung seiner Mannschaft – Kohfeldt hätte Grund genug gehabt, Genugtuung zu spüren. "Nein", wiegelte Kohfeldt ab, die verspüre er "überhaupt nicht". Es gehe ihm schließlich "einzig und allein um den Verein, um den Klassenerhalt".

Bisher verpuffte der Schwung direkt wieder

Und dem waren er und seine Mannschaft in Freiburg zumindest einen Schritt näher gekommen. Nur ein Schritt, mehr nicht, sei es gewesen, dämpfte Kohfeldt gleich die Erwartungen – und wohl zu recht. Denn obwohl der Auftritt in Freiburg für Kohfeldt persönlich ein Befreiungsschlag war, so ist noch offen, ob er es auch für die Werder-Profis gewesen ist. Denn bisher hatte es die Bremer Mannschaft nie geschafft, den Schwung von positiven Erlebnissen in das nächste Spiel hinüber zu retten.

Allzu viele hatte es in der Rückrunde auch nicht gegeben, seit dem 1:0-Sieg in Düsseldorf am 18. Januar konnte Werder zuvor nicht mehr gewinnen. Nun wartet am Dienstagabend um 20:30 Uhr im Weser-Stadion mit Borussia Mönchengladbach ein schwerer Brocken auf die Bremer. Kohfeldt muss darauf hoffen, dass der Rückenwind aus Freiburg seine Spieler dieses Mal weiter trägt. Die Vorzeichen, dass es mit dem Beginn einer kleinen Serie am Dienstag etwas werden könnte, stehen zumindest nicht schlecht.

Auch Mertesacker fieberte mit Werder mit

Denn die Werder-Profis hatten sich in Freiburg erstmals sichtbar gegen den Abstieg gewehrt, hatten sich "überall reingehauen", wie Torschütze Leonardo Bittencourt bestätigte, und "101 Prozent Emotionen gezeigt", so stellte es Marco Friedl klar. Zudem hatte endlich einmal das Quäntchen Glück auf Werders Seite gestanden, als per Videobeweis der vermeintliche Ausgleich in der Schlussphase revidiert wurde. Die dünne 1:0-Führung hatten die Bremer kollektiv über die Zeit gearbeitet und sich den Sieg dadurch erkämpft.

Für schwache Nerven war das Spiel nichts. "Ich habe sehr, sehr mitgezittert, da ging doch schon einiges ab in meinem Wohnzimmer", sagte der 2014er-Weltmeister Per Mertesacker im ZDF-Sportstudio, der die Partie in London mitverfolgt hatte. In den Reigen der kritischen Stimmen von Ex-Werderanern wollte Mertesacker nicht einstimmen, im Gegenteil. Die Treue seines ehemaligen Vereins gegenüber Kohfeldt sei "sehr mutig", meinte er. Auch Mertesacker hat nur einen Wunsch: "Ich will, dass Werder in der Liga bleibt."

Ob dieses Ziel mit nun 21 Punkten bei noch acht verbleibenden Spielen für Werder tatsächlich noch realistisch ist oder der Auftritt in Freiburg nur ein Strohfeuer war, wird sich vielleicht schon am Dienstag andeuten. Ob die Totgesagten tatsächlich langlebiger sind, ob sie genug neues Selbstvertrauen getankt haben und nicht bei nächster Gelegenheit wieder einknicken und in alte Fehler verfallen – Kohfeldt ist von seiner Mannschaft und seiner Mission weiter fest überzeugt. "Öffentlich waren wir gefühlt ja schon abgeschrieben", sagte er, "nun haben wir uns wieder zurückgekämpft." Ein kleiner Schuss Genugtuung durfte zum Schluss dann doch sein.

Florian Kohfeldt kämpft: "Ich bin der Beste auf der Position"

Video vom 22. Mai 2020
Werder Bremens Trainer Florian Kohfeldt im Interview.

Mehr zum Thema:

Autorin

  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: ARD, Sportschau, 23. Mai 2020, 19 Uhr