Interview

Frankfurt-Reporter Hofmeister: "Werders glorreiche Zeiten verblassen“

Für die ARD hat Philipp Hofmeister die Eintracht fest im Blick. Vor dem Spiel sprach er über den Frankfurter Lauf und den Blick der Hessen auf die Bremer.

Die Werder-Spieler Milos Veljkovic, Maximilian Eggestein Marco Friedl, Leonardo Bittencourt und Josh Sargent stehen enttäuscht auf dem Rasen des Weser-Stadions.
Für Philipp Hofmeister spielt Werder in dieser Saison einen schlechten Fußball. Seiner Meinung nach haben die Bremer für die gezeigten Leistungen zu viele Punkte auf dem Konto. Bild: Imago | Noah Wedel
Herr Hofmeister, an Weihnachten lag Eintracht Frankfurt nur drei Punkte vor Werder. Jetzt hat das Team neun der letzten zehn Spiele gewonnen, am Wochenende die Bayern geschlagen und liegt auf dem 4. Platz. Wie konnte es zu so einer Leistungsexplosion kommen?
Die Eintracht hat in den letzten Wochen und Monaten ihre eigene Identität wiederentdeckt. Trainer Adi Hütter hatte, wie ich finde, zu Beginn der Saison ein paar Probleme, weil er den Charakter dieser Mannschaft falsch eingeschätzt hat. Die Frankfurter waren in den vergangenen Jahren keine Mannschaft, der es zugesagt hat, einfach abzuwarten. Deshalb hat sie sich in Hütters vorsichtiger Ausrichtung auf dem Platz zu Beginn der Saison nicht wohlgefühlt. Dann wurde an ein paar Stellschrauben gedreht, sodass jetzt wieder mehr Fußball gespielt wird. Dazu kommt die extreme Formstärke einiger wichtiger Leistungsträger.
Die Frankfurter haben zuletzt gegen die Bayern gewonnen, Werder 0:4 in Hoffenheim verloren. Ein größerer Favorit könnte die Eintracht am Freitagabend kaum sein, oder?
Genau diesem Braten trauen viele Frankfurt-Fans nicht. Du bist vermeintlich im Flow und kannst gegen einen angeschlagenen Gegner ganz oben angreifen. Das ist seit Jahren die Konstellation, in der die Eintracht dann nicht mehr so performt hat wie noch in den Wochen zuvor.
Könnte die Eintracht die Aufgabe in Bremen zu leicht nehmen?
Meiner Meinung nach ist das unabhängig vom Gegner. Es ist vielmehr die Angst vor der eigenen Selbstprophezeiung. Die Eintracht hat aktuell die Chance, etwas Historisches zu schaffen. Viele Leute in Frankfurt sagen: "Wenn diese Mannschaft sich tatsächlich für die Champions League qualifiziert, wäre das eine gefühlte Meisterschaft." Und das kann natürlich auch lähmen.
Zwischen Werder und der Eintracht gab es in den vergangenen Jahren einige Male Knatsch. Hat sich mittlerweile eine kleine Rivalität aufgebaut?
Diesen Eindruck habe ich in der vergangenen Saison tatsächlich auch gewonnen. In den letzten Jahren kam schon häufiger das Gefühl auf, dass auf dem Platz zwischen diesen beiden Teams die Luft angehalten werden muss. Vom Rasen hat sich das mittlerweile auch auf die Verantwortlichen übertragen.
Beide Klubs trafen 2016 im Abstiegsendspiel am letzten Spieltag aufeinander. Seitdem hat die Eintracht den DFB-Pokal gewonnen, stand im Europa-League-Halbfinale und hält jetzt Kurs auf die Champions League. Was wird am Main so viel besser gemacht als an der Weser?
Niko Kovac war als Trainer ein echter Glücksgriff und Adi Hütter war dann direkt der nächste. Mit Fredi Bobic hat der Klub meiner Meinung nach den derzeit besten Manager der Bundesliga, der gemeinsam mit seinen Scouts Rohdiamanten wie Abwehrspieler Evan N’Dicka entdeckt hat. Dazu kommen Jungs, die scheinbar schon in ihrer Karriere gescheitert waren. Filip Kostic ist zuvor mit Stuttgart und dem HSV abgestiegen. Amin Younes war in Neapel völlig in der Versenkung verschwunden. Auch Torjäger André Silva war beim AC Mailand auf dem Abstellgleis, nachdem er zuvor in Portugal schon als Nachfolger von Cristiano Ronaldo gehandelt wurde. Diese Jungs prägen jetzt die Offensive der Eintracht. Und die Marke "Eintracht Frankfurt" hat durch diese wunderbare Europa-League-Saison vor zwei Jahren natürlich einen wahnsinnigen Push bekommen.
Filip Kostic, André Silva und Amin Younes bejubeln ein Tor.
Filip Kostic, André Silva und Amin Younes waren bei ihren Ex-Klubs nicht mehr erwünscht. In der Frankfurter Offensive dreht das Trio jetzt mächtig auf. Bild: Imago | Sven Simon
Und Werder?
Bei den Bremern verwundert mich, dass ihre Entwicklung so stagniert, weil ich Florian Kohfeldt für einen guten Trainer halte. Ich höre ihm unheimlich gerne zu, wenn er über Fußball spricht. Aber mich überrascht, wie schlecht Werder in dieser Saison Fußball spielt. Da hat es in Bremen alles andere als eine Weiterentwicklung gegeben.
Dabei stand Werder lange für begeisternden Offensivfußball. Macht der Klub sich so auch sein Image kaputt?
Werders glorreiche Zeiten verblassen aktuell. Das wird auch in Frankfurt wahrgenommen. Vor zehn oder 15 Jahren waren die Europapokalabende mit Werder Pflicht. Da haben sich alle getroffen, um die Spiele zu schauen, weil immer Spektakel geboten wurde. Mit Johan Micoud oder Diego hatten die Bremer unter Thomas Schaaf eine überragende Mannschaft, die tollen Hurra-Fußball gespielt hat. Das vermisse ich. Mit der Eintracht war ich ja schon bei ein paar Auswärtsspielen in Bremen dabei. Ich weiß, wie fußballverrückt diese Stadt und wie großartig das Publikum im Weser-Stadion ist.
Johan Micoud setzt gegen Ronaldinho vom FC Barcelona zur Grätsche an. Im Hintergrund schaut Torsten Frings zu.
Mit Johan Micoud bot Werder einst begeisternde Europapokalnächte. Das Spiel gegen den FC Barcelona um Superstar Ronaldinho ging im September 2005 allerdings mit 0:2 verloren. Bild: Imago | Contrast
Im Tabellenkeller hat Werder aktuell ein kleines Punktepolster. Sind die Bremer für Sie noch ein akuter Abstiegskandidat?
Werder hat für diese Art von Fußball nach meinem Geschmack ein paar Punkte zu viel auf dem Konto. Das meine ich gar nicht despektierlich, aber gefühlt haben die Bremer eben weniger Punkte, als es tatsächlich der Fall ist. Ich glaube aber, dass Werder noch richtig unten reinrutschen kann, weil die Mainzer derzeit ihre Spiele gewinnen und Hertha BSC mit dieser hohen individuellen Qualität auch wieder Siege holen wird. Bielefeld ist ein unangenehmer Gegner, auch die Augsburger machen immer mal wieder gute Spiele. Das kann schon nochmal kniffelig werden. Da müssen die Bremer aufpassen.
Florian Kohfeldt haben Sie bereits gelobt. Würden Sie ihm den Trainerjob bei einem Topklub wie Borussia Mönchengladbach zutrauen?
Florian Kohfeldt hat sich vor allem in seiner Anfangszeit einen Namen gemacht. Ich kann mich noch an sein Debüt als Werder-Trainer hier in Frankfurt erinnern. Da hat diese Mannschaft von jetzt auf gleich zwei Klassen besser gespielt. Danach habe ich ihn zum ersten Mal hier im Stadion in der Medien-Runde erlebt. Bei der Art und Weise, wie er über Fußball gesprochen hat, habe ich direkt gedacht: "Okay, wow, das ist einer aus der Generation um Julian Nagelsmann und Co." Seine Popularität in Bremen kann ich verstehen, weil ich ihn auch als extrem sympathisch wahrnehme. Was seine Weiterentwicklung angeht, steht er sich mit diesem pragmatischen Fußball aber selbst im Weg.
Florian Kohfeldt steht mit verschränkten Armen bei seinem Debüt als Werder-Trainer auf dem Rasen des Frankfurter Stadions.
Florian Kohfeldt gab 2017 sein Debüt als Werder-Coach beim Auswärtsspiel in Frankfurt. Die Partie verloren die Bremer mit 1:2. Bild: Imago | Fotostand
Und versperrt sich somit den Sprung nach Mönchengladbach?
Die Mönchengladbacher haben in den vergangenen Jahren auf jeden Fall einen anderen Fußball spielen lassen als die Bremer zuletzt. Da hat Kohfeldt mit dem derzeitigen Werder-Stil also nicht das ultimative Bewerbungsschreiben abgegeben. Dass er grundsätzlich aber auch bei anderen Bundesligisten im Gespräch ist, kann ich schon nachvollziehen.
Frankfurts Verteidiger Martin Hinteregger hat sich im September ein wenig über Davie Selke lustig gemacht und gesagt, dass er gerne gegen Selke spiele, weil er einfach wisse, dass er besser als dieser sei. Eine Aktion, die er sich hätte kneifen können?
Bei Davie Selke ist es so, dass er hier in Frankfurt in den vergangenen Jahren mit seinem Auftreten und seiner Körpersprache nicht gerade positiv angekommen ist. Martin Hinteregger wiederum ist ein Typ, der seine überragenden Leistungen auch daraus zieht, sich in den 90 Minuten auf dem Platz ein kleines Feindbild aufzubauen, um sich an diesem reiben zu können. Das gehört zu seinem Spiel. So war es zuletzt gegen die Bayern auch bei Robert Lewandowski. Die Geschichte um Selke sollte aber auch nicht überdramatisiert werden. Sowas gehört im Fußball auch mal dazu.

Werder-Coach Kohfeldt muss gegen Frankfurt die Balance finden

Video vom 25. Februar 2021
Werder-Trainer Florian Kohfeldt geht über einen Parkplatz.
Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

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  • Karsten Lübben Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 25. Februar 2021, 23:30 Uhr