Kommentar

Werder ist für den großen Wurf noch zu grün

Die Bremer trauten sich, vor der Saison zu sagen, dass sie nach Europa wollen. Fast hätten sie es auf Anhieb geschafft, doch am Ende passierten ein paar Fehler zu viel.

Kohfeldt nachdenklich mit der Hand vor dem Mund am Spielfeldrand.
Woran hatte es gelegen? Gegen Düsseldorf ging Werder zuletzt die Puste aus, das musste Trainer Florian Kohfeldt eingestehen. Bild: Imago | Team2

Zum Saisonbeginn wurde Werder Bremen ein wenig belächelt. Da stellte sich jener Klub, der jahrelang gegen den Abstieg gekämpft hatte, einfach hin und verkündete ganz kess das neue Vereinsmotto: #wedare – wir trauen uns. Und Werder wollte sich also trauen, in dieser Saison den europäischen Wettbewerb anzusteuern. Hört, hört.

Es klang zunächst wie ein hübsches Werbeversprechen für den neuen Ausrüster, doch Florian Kohfeldt füllte den Slogan schnell mit Leben. Es ist das große Plus des jungen Werder-Coaches, dass er bisher in allem, was er tut, authentisch rüberkommt. Und so schien sein Plan vom mutigen, offensiven Spiel mit der "Immer-gewinnen-wollen-Einstellung" bald auch gar nicht mehr so verwegen. Die Spieler hatte er für sich und seine Idee eingenommen – bei Werder bewegte sich in dieser Saison wieder etwas und das war auch gut so.

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Alles hätte optimal laufen müssen – tat es aber nicht

Doch sich ein heeres Ziel zu setzen birgt immer auch die Möglichkeit des Scheiterns. Das wusste Kohfeldt von Anfang an. Dass der Traum von Europa erst drei Spieltage vor dem Saisonende nicht mehr realistisch ist, zeigt aber, wie weit er es mit Werder schon gebracht hat. Alles hätte dafür optimal laufen müssen und das tat es eben nicht. Es sind Fehler passiert, besonders gegen jene Mannschaften, die hinter Werder stehen. Da war man oft nicht clever, nicht abgeklärt genug. Ein bisschen zu grün eben. Doch diese Punkte fehlen nun auf den letzten Metern der Saison. Jetzt, wo jeder Punkt Gold wert gewesen wäre.

Gegen Düsseldorf war der Akku leer und das hätte eigentlich nicht passieren dürfen. Emotional verausgabt hätten sich seine Spieler im Doppelpack gegen die Bayern, resümierte Kohfeldt. Doch sich in diese beiden Spiele derart hineinzusteigern, war eben auch nicht abgezockt genug. Ein bisschen grün. Beim Tabellenführer in München maximal punkten zu können, schien so oder so wenig wahrscheinlich. Warum also nicht befreit aufspielen und Kräfte sparen? Auch im Pokal-Halbfinale, Flutlicht hin oder her, wäre schon das geballte Quäntchen Glück nötig gewesen, um die Bayern rauszuwerfen. Fest mit dem Einzug ins Finale konnte Werder in keinem Fall rechnen, das glaubten nur die ewigen Fußball-Romantiker.

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Die gefühlte und die echte Wahrheit über die Saison

Kohfeldt hätte bei allem Siegeswillen im Pokal doch realistisch an die Alternativ-Route nach Europa denken und vor allem davon ausgehen müssen, dass der Fall eintreten und der Liga-Endspurt entscheidend für das ersehnte Ziel werden würde. Den Bayern einen großen Kampf bieten – na klar. Sich aber emotional komplett auslaugen zu lassen und dadurch dann saft- und kraftlos in den Ligaspielen dazustehen, wenn es um alles oder nichts geht – das bitte nicht.

Kohfeldt und Werder werden es unter Erfahrung verbuchen und bald nicht mehr so grün sein. Auch das lässt sich als Errungenschaft dieser Saison verbuchen. Doch in der Bilanz wird es am Ende eine gefühlte und echte Wahrheit geben. In der gefühlten lassen die spektakulären Highlights wie der Pokal-Krimi gegen Dortmund, die doppelte Eggestein-Euphorie, die Dauer-Tormaschinerie oder die Wohlfühlmomente mit Evergreen Pizarro die Saison etwas besser erscheinen, als sie wirklich war.

Erfolg kommt selten über Nacht

Tatsächlich aber hatte es auch viele Tiefpunkte und Rückschläge gegeben, an der Konstanz arbeitet Werder weiterhin. Aber der Weg, den Kohfeldt eingeschlagen hat, ist richtig. In der kommenden Saison könnte es bei dieser Entwicklung für Europa reichen. Und das ist bereits jetzt positiv, denn Erfolg kommt selten über Nacht, sondern braucht Zeit.

Doch nach dieser Saison muss Kohfeldt wohl erst einmal damit leben, dass durch die gefühlte Wahrheit bei vielen Fans das schale Gefühl der Enttäuschung zurückbleiben wird. Ganz so, als wäre ihnen gerade der Bus vor der Nase weggefahren. Dabei könnten sie eigentlich glücklich sein, dass sie ihn beinahe erreicht hätten.

Wie man sieht, ist es auch noch zu früh für Werder Bremen. Im europäischen Wettbewerb erwarten die Bremer ganz andere Kaliber als Düsseldorf. Da gibt es mehrere englische Wochen; und so wie sie gespielt haben, wirken sie ausgepowert. Es fehlt wie immer noch die konstante Leistung.

Claudia Schernewsky - 27. April 2019, 17:28 Uhr.

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  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: ARD, Sportschau, 27. April 2019, 19 Uhr