Interview

Werders Maximilian Eggestein: "Ich kann auch dreckig"

Bremens Shootingstar erzählt im Interview mit dem Sportinformationsdienst SID von seiner Rolle nach dem Kruse-Abgang, was er an Trainer Kohfeldt schätzt und warum er seinen Traumverein nicht verraten will.

Maximilian Eggestein beim Torjubel.
Maximilian Eggestein hält einen eigenen Auftritt bei Instagram & Co. bisher für verzichtbar und erträgt dafür auch schon mal Sprüche der Mannschaftskameraden. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz
Herr Eggestein, diese Bling-Bling-Attitüde einiger Kollegen geht Ihnen völlig ab. Was ist Ihre größte Extravaganz?
Hmm, gute Frage. Ich gehe ab und zu gerne lecker Essen. Zu Hause öfter mal griechisch, hier in Bremen mediterran – ohne genaue Richtung.
Markenbildung wird gerade unter jüngeren Spielern ein immer größeres Thema, viele nutzen dazu die sozialen Netzwerke. Warum verzichten Sie auf Instagram und Co.?
Ich habe für mich noch nicht den Moment gehabt, in dem ich sage: 'Das brauche ich unbedingt'. Es kann noch kommen, dass ich irgendwann auch einen Account haben will, aber bisher war das noch nicht der Fall. Natürlich gibt es da auch mal häufiger einen Spruch von Kollegen, aber bis jetzt konnte ich da ganz gut drauf verzichten.
Sie werden stets als bodenständig und freundlich beschrieben. Können Sie auch ein Drecksack sein?
Man muss immer unterscheiden, was auf und neben dem Platz im Fußball geschieht. Neben dem Platz ist es mir wichtig, mit meinen Mitmenschen vernünftig umzugehen. Auf dem Platz herrscht Wettkampf und dann kann man auch mal etwas dreckiger werden – und das kann ich auch. Aber neben dem Platz sehe ich keinen Grund dazu.

Auch mit Max Kruse hatten wir verschiedene Verantwortungsträger. Das werden wir auch so weiterführen.

Maximilian Eggestein
Werder hat mit Max Kruse ein Gesicht der Mannschaft verloren. Wie interpretieren Sie vor diesem Hintergrund Ihre Rolle in der kommenden Saison?
Auf jeden Fall will ich noch mehr Verantwortung übernehmen. Darüber kann man immer viel reden, aber in erster Linie geht das über die Leistung auf dem Platz. Zudem ist sicher ein Aspekt, in dem ich besser werden kann, noch mehr zu kommunizieren und lauter zu werden. Es ist aber auch wichtig, dass man die Verantwortung untereinander teilt. Es hat immer so gewirkt, als hätte Max alles gemacht, aber auch mit ihm hatten wir verschiedene Verantwortungsträger. Das werden wir so auch weiterführen.
Fordert Ihr Trainer Florian Kohfeldt das auch von Ihnen, lauter zu werden?
Er versucht nicht, mich in eine Rolle reinzuzwingen. Ich finde, das macht auch keinen Sinn, das muss ganz intuitiv kommen. Aber er hat schon hin und wieder versucht, diesen Prozess auch anzuregen.
Sie kennen Kohfeldt schon sehr lange, unter ihm ist der Marktwert des Teams enorm gestiegen. Wie schafft er es, einen Spieler besser zu machen?
Ich glaube, gerade mit jungen Spielern braucht man auch viel Geduld. Wenn ich zum Beispiel meinen Bruder Johannes oder Milot Rashica anschaue, dann haben sie am Anfang nicht so die große Rolle gespielt, sind aber immer im Gespräch mit Flo geblieben. Und haben immer geduldig gearbeitet und sich entwickelt. Und als sie dann ihre Einsätze bekamen, haben sie einen echten Schuss gemacht. Wenn man Milot sieht, der ist in der Rückrunde ja explodiert. Da braucht man einen Trainer, der Vertrauen und Geduld hat – ich glaube, das zeichnet Flo aus. Er fordert natürlich auch viel von den Spielern ein, lässt sie aber nicht direkt fallen. Und deshalb haben sich viele Spieler so gut entwickelt.

Vertrauen und Geduld zeichnen Florian Kohfeldt aus.

Maximilian Eggestein
Kohfeldt will auch sehr viel aus dem Privatleben seiner Spieler wissen. Wo sie essen gehen, was sie bei Netflix schauen, ob sie sich für Kultur interessieren. Nervt das nicht auch manchmal?
Es ist ja nicht so, dass er in die Kabine kommt und uns beim Begrüßen fragt, was wir am Abend zuvor bei Netflix geschaut haben. Das entsteht ja im Gespräch. Er hockt halt nicht die ganze Zeit nur in seiner Trainerkabine, um 15 Uhr zum Trainingsbeginn steht er dann auf dem Platz und um 16:30 Uhr, wenn das Training zu Ende ist, verschwindet er wieder in seiner Trainerkabine. Er will diesen Prozess, der in der Kabine entsteht, mit begleiten und erleben. Und da geht er natürlich mit vielen Spielern ins Gespräch und es entwickeln sich Themen über den Fußball hinaus.
Wie wichtig war er bei Ihrer Vertragsverlängerung?
Er war schon ein großer Faktor bei meiner Entscheidung. Ich spüre bei ihm einfach das Vertrauen und habe gemerkt, dass der Weg, den wir mit Werder unter ihm gehen, einfach gut ist. Was er auch immer vorlebt, ist, dass wir nie zufrieden sein wollen. In meiner Anfangszeit in Bremen hatte man immer das Gefühl, Platz acht sei eigentlich ganz gut für unsere Verhältnisse. Wir haben nicht die Möglichkeiten wie andere Klubs, also ist das in Ordnung. Dieses Gefühl vermittelt er halt gar nicht. Er will immer mehr. Deshalb haben wir auch wieder das Saisonziel Europa ausgegeben. Das finde ich gut und will das weiter vorantreiben. Wir wollen nicht damit zufrieden sein, in der Grauzone der Tabelle zu landen. Wir möchten um etwas mitspielen.
Sie haben in Bremen langfristig verlängert. Aber gibt es diesen einen Traumklub, bei dem Sie schwach werden könnten und um eine vorzeitige Freigabe bitten würden?
Den gibt es, aber den werde ich nicht kundtun, weil mir das irgendwann um die Ohren fliegt.
Ist es wahrscheinlicher, dass Sie es mit Werder nach Europa schaffen oder Ihr Debüt in der Nationalmannschaft feiern?
Das kann ich nicht einschätzen. Natürlich würde ich gerne wieder eine Einladung erhalten und dann hoffentlich irgendwann mein Debüt geben – aber dafür muss ich erst einmal meine Leistung bringen.
Was will Joachim Löw von Ihnen sehen, damit Sie regelmäßig berufen werden?
Er hat mir ähnliche Dinge gesagt, die ich mir auch selber schon als Ziel gesetzt habe. Dass ich im Verein mehr Verantwortung übernehmen kann und konstant weiterspielen muss. Die Konkurrenz im Mittelfeld ist sehr groß – deswegen muss ich schauen, wie es weitergeht.

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Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 12. August 2019, 23:30 Uhr