Kohfeldt nordet seine Spieler ein: "Seid ein Team!"

Gleich nach dem Abpfiff gab es auf dem Spielfeld die erste, energische Analyse des Werder-Coaches. Nach der 0:2-Schlappe gegen Dortmund nahm er sein Team in die Pflicht.

Florian Kohfeldt schwört nach dem Spiel seine Spieler lautstark ein, die eng im Kreis um ihn herumstehen.
Energische Ansprache nach der Dortmund-Schlappe: Werder-Trainer Florian Kohfeldt (Mitte) schwor seine Spieler am Mittelkreis auf Teamgeist ein. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Florian Kohfeldt saß auf dem Podium in den Katakomben des Weser-Stadions und hatte gerade sachlich die 0:2-Niederlage gegen Dortmund analysiert. Doch als der Werder-Coach dann sein Pendant Lucien Favre verabschiedete, ließ ein Halbsatz von ihm kurz aufhorchen. "Wir sehen uns im nächsten Jahr", sagte Kohfeldt zu Favre. Ging Kohfeldt also davon aus, dass er in der kommenden Saison nicht mehr in der Bundesliga an der Seitenlinie stehen würde? Und man sich als Trainer von Werder und Dortmund dann erst im Jahr 2021 wiederbegegnet? Nein, sagte Kohfeldt lächelnd – natürlich hatte er die nächste Saison gemeint, in der man sich wiedersieht. In der Bundesliga, Punkt.

Und diese Überzeugung wiederholte Kohfeldt am Samstagabend in jedem Interview, obwohl er mit seiner Mannschaft gerade die sechste Heimpleite in Folge kassiert hatte und mit fünf Punkten Rückstand auf einen Nichtsabstiegsplatz auf Tabellenrang 17 liegt. "Ich bin weiterhin voller Kraft und voller Energie, diese Situation zu bewältigen", betonte der Coach: "Das versuche ich allen auszustrahlen." Und besonders seinen Spielern.

"Wir haben viel zu viel liegen gelassen"

Davy Klassen und Ömer Toprak stehen deprimiert auf dem Rasen, während die Dortmunder Spieler hinter ihnen jubeln.
Enttäuschung pur: Jubeln durften am Samstag im Weser-Stadion nur die Dortmunder Spieler. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Wie immer nach einem Spiel holte Kohfeldt alle Spieler und den Betreuerstab am Mittelkreis eng zusammen, Arm in Arm umringten sie den Trainer und der schwor sie ein. Erst einmal aber nordete er sie ein. "Ich habe meine Unzufriedenheit zum Ausdruck gebracht, weil wir zu viel haben liegen lassen." Spiele wie gegen Dortmund, in denen man recht lange ebenbürtig ist, fügte Kohfeldt hinzu, müsste man eben auch mal über die Zeit bringen. Das hatte Werder wieder nicht geschafft, obwohl in der ersten Halbzeit zumindest die sonst so bröckelige Abwehr recht sicher agierte.

Ich weigere mich, nach einem Spiel gegen Borussia Dortmund davon zu sprechen, dass wir heute eine ganz schlechte Leistung gebracht haben. Aber wir haben offensiv uns nicht im letzten Drittel durchgespielt, das ist Fakt.

Werder-Trainer Florian Kohfeldt

Mit Teamgeist gegen den Frust

Doch zum Ende der Motivationsansprache sagte Kohfeldt seinen Spielern etwas durchaus Bemerkenswertes: "Und als letztes habe ich ihnen gesagt: 'Seid ein Team.'" Waren sie das etwa nicht? Der Trainer hatte den guten Teamgeist seiner Mannschaft immer wieder betont, stetig wiederholt, dass in der Kabine und auf dem Platz alles in bester Ordnung sei. Dass man abends mal gemeinsam Essen ginge, aber sich auch mal ein bisschen die Meinung gegeigt hätte. Zuletzt im Kurz-Trainingslager in Leipzig. Das wiederholte Kohfeldt auch jetzt wieder: "Teamgeist ist nie das Problem dieser Mannschaft gewesen." Warum dann dieser Apell?

Ich weiß, wie es ist. Ich mache jetzt Interviews und versuche, etwas zu erklären. Und dann fahre ich aber genau wie jeder andere nach Hause und setze mich wie meine Spieler gleich auf die Couch und werde gegen eine Wand gucken. Und dann bin ich erstmal richtig enttäuscht.

Werder-Trainer Florian Kohfeldt

Wieder kassiert Werder ein Standard-Gegentor

Und genau das, führte Kohfeldt weiter aus, sei der "Nährboden", dass er ein oder andere vielleicht ein bisschen ausschert: "Persönliche Enttäuschungen dürfen jetzt keine Rolle spielen." Deshalb sei jetzt das Team gefordert, um jeden einzelnen ein- und aufzufangen, bei dem der Frust nun doch zu tief sitzt. Darüber, dass sie wieder ein Standard-Gegentor kassiert hatten – das elfte nach einem Eckball. "Das nehme ich auf meine Kappe", sagte Davie Selke, der den Zweikampf gegen Dan-Axel Zanadou verloren hatte.

Dortmund hatte in der zweiten Halbzeit seine Qualität ausgespielt, Werder sackte nach dem Rückstand wieder in sich zusammen. Das machen sie tatsächlich im Kollektiv, doch das war mit Teamsein sicher nicht gemeint. Werder hatte die fünfte Niederlage in Folge eingefahren, in diesem Jahr noch kein einziges, selbstgeschossenes Tor zustande gebracht und dazu 53 Gegentreffer kassiert. "Es wird für uns ganz eng, aber wichtig ist, dass wir weiter zusammenbleiben", mahnte auch Vizekapitän Davy Klaassen. Doch mit reinem Zusammenhalt Richtung zweite Liga zu marschieren, hilft auch nicht. Die Mannschaft muss endlich zeigen, dass sie ihren Trainer verstanden hat – auch um seinetwillen.

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Video vom 21. Februar 2020
Jan Delay trägt eine dunkle Sonnenbrille und eine schwarze Baselball-Kappe und hält einen Werderschal und ein Mikrofon in den Händen.
Bild: Wumms

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Autorin

  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: ARD, Sportschau, 22. Februar 2020, 19:30 Uhr