Interview

Bremer Legende Burdenski wird 70: "Für Werder war ich immer speziell"

Dieter Burdenski feiert seinen 70. Geburtstag. Mit seinem Herzensklub Werder will der Bremer Rekordspieler auch weiterhin manchmal hart ins Gericht gehen.

Video vom 26. November 2020
Dieter Burdenski bei einem Interview in seinem Büro mit einem Bild des Weserstadions hinter seinem Schreibtisch.
Bild: Radio Bremen

Imposante 444 Mal stand Dieter Burdenski für Werder in der Bundesliga zwischen den Pfosten. Damit ist der legendäre Torwart der Rekordspieler der Bremer, bei denen er nach der Deutschen Meisterschaft 1988 seine Karriere beendet hat. Dem Klub blieb "Budde", wie er in Bremen liebevoll genannt wird, auch danach verbunden.

Doch die "grün-weiße Brille" trägt er keineswegs. Wenn es etwas zu kritisieren gibt, legt Burdenski – der seit 35 Jahren als Selbstständiger Sportevents organisiert und Sportausrüstung für Teams anbietet – schonungslos den Finger in die Wunde. Burdenski feiert nun seinen 70. Geburtstag und blickt im Interview mit dem Sportblitz auf seine Karriere und sein bisheriges Leben zurück und spricht über die aktuelle Situation bei Werder und seine Pläne für die Zukunft.

Herr Burdenski, wie werden Sie Ihren 70. Geburtstag feiern?
Es ist aktuell nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Im Grunde genommen ist es aber auch ganz schön. Ich habe meine Familie um mich herum, also meine Frau, meine Tochter und meinen Sohn. Ich glaube, dass es ein schöner Tag wird, weil ich meine Kinder nicht so häufig sehe. Meine Tochter lebt in München, mein Sohn in Frankfurt. So oft kommen wir im Jahr also nicht zusammen. Das ist jetzt ein guter Anlass, um viel voneinander zu haben. Wenn du etwas größer feierst, geht ja meistens vieles unter.
Torwart Dieter Burdenski im blauen Trikot gestikuliert seinen Teamkollegen.
Eine Persönlichkeit zwischen den Pfosten: Bei Werder Bremen beendete Dieter Burdenski 1988 mit dem Meistertitel seine aktive Karriere. Bild: Imago | Kicker/Liedel
Trotz Ihres Alters arbeiten Sie weiterhin. Haben Sie schon einmal an den Ruhestand gedacht?
Nein, eigentlich nicht. Beruflich bin ich jetzt seit 35 Jahren selbstständig. In meinem Leben hatte ich immer das Glück, das machen zu können, was mir Spaß bereitet und das Leben lebenswert macht. Und das möchte ich noch sehr lange tun.
Für Werder haben Sie in der Bundesliga 444 Spiele bestritten. Was bedeutet es für Sie, der Rekordspieler bei den Bremern zu sein?
Bei den 444 Spielen sind ja nicht die Spiele in der 2. Liga dabei, in der wir ja auch ein Jahr lang gespielt haben. Wenn ich diese dazurechne und auch meine Bundesliga-Spiele für Arminia Bielefeld und Schalke 04 dazurechne, dann komme ich auf weit über 500 Spiele. Das ist schon eine stolze Zahl. Vor allem, wenn man bedenkt, dass du in einer Saison nur 34 Spiele absolvieren kannst. Dann ist das schon ein Gigantismus. Ich habe unwahrscheinlich gute Gene. Und früher gab es auch nicht so viele Ärzte, die mir erklärt haben, dass ich heute mal aussetzen muss (lacht). Diese 444 Spiele machen mich also schon stolz. Ich habe es aber nicht gemacht, um diese Zahl zu erreichen, sondern weil ich Spaß am Fußball habe.

Rückblitz 1988: Dieter "Budde" Burdenski sagt Tschüss

Video vom 27. Juli 1988
Auf der Anzeigetafel leuchtet der Schriftzug "Tschüß Budde!" auf
Bild: Radio Bremen
War so etwas nur bei Werder Bremen möglich?
Das ist hypothetisch. Ich hätte ja noch viel mehr Bundesliga-Spiele machen können. Selbst als ich 1988 nach der Deutschen Meisterschaft aufgehört habe, hatte ich Angebote von Schalke 04 und vom Hamburger SV. Das habe ich nicht mehr gemacht, weil es irgendwann ja auch eine Grenze gibt. Zudem habe ich 1985 angefangen, meine Firma aufzubauen. Damals war ich der Erste in Deutschland, der in Fußballschuhe gemacht, Hallenturniere organisiert und Trainingslager in Andalusien oder der Türkei auf die Beine gestellt hat. Ich habe schon so viele Dinge gemacht und glaube, dass dies einfach meine Mentalität ist. Und so soll es auch bleiben.
Torwart Dieter Burdenski absolviert mit 51 Jahren ein Regionalligaspiel für die Amateure von Werder Bremen.
Comeback mit 51 Jahren: Für Werders Regionalligamannschaft sprang Dieter Burdenski noch einmal für eine Partie ein. Bild: Imago | Picture Point
Hätten Sie im Nachhinein in Ihrem Leben denn auch etwas anders gemacht?
Im Großen und Ganzen bin ich absolut zufrieden damit, wie mein Leben bisher abgelaufen ist. Ich würde nicht sagen, dass ich irgendwas versäumt habe. Mein Wunsch ist es, in den nächsten Jahren in dieser körperlichen Verfassung weiterzumachen und Spaß an meinem Beruf zu haben. Wenn du Spaß hast, bist du auch zufrieden und ausgeglichen. Das ist das Wichtigste im Leben.
Ist der Abstieg in die 2. Liga mit Werder 1980 der größte Makel in Ihrer Karriere?
Zu dem Zeitpunkt war ich die Nummer eins in der Nationalmannschaft und habe alle Qualifikationsspiele zur Europameisterschaft 1980 gemacht. Leider hatte ich im Jahr des Abstiegs ein sehr, sehr schlechtes Jahr und habe weit unter meinen Möglichkeiten gehalten. Das war schon eine traurige Zeit. Wenn du Tore reinbekommst oder absteigst, hinterfragst du dich natürlich auch. Dann wird es nicht nur auf den Trainer oder die Mitspieler geschoben. In dem Jahr war ich nicht gut und habe meinen Status als Nummer eins in der Nationalmannschaft an Toni Schumacher verloren.
Trainer Otto Rehhagel auf der Bank im Gespräch mit Torwart Dieter Burdenski 1988.
Coach Otto Rehhagel (links) versetzte Dieter Burdenski zur Meistersaison 1987/88 auf die Ersatzbank, um den jungen Oliver Reck spielen zu lassen. Bild: Imago | Werek
Die große Zeit der Bremer Meisterschaften kam mit Ihrem Karriereende. Oliver Reck hatte Ihnen bereits beim Titel 1988 den Stammplatz abgenommen. Hat Sie das damals getroffen?
Mit Otto Rehhagel war das damals so abgestimmt. Oliver Reck war die Nummer eins und ich die Nummer zwei. Das war zur Sicherheit, falls es mit Reck nicht so klappen sollte. Weil es damals noch keinen Torwarttrainer gab, habe ich Reck mehr oder minder auch trainiert. Und er hat das beste Jahr seiner gesamten Karriere gespielt. Er war fehlerlos und hat extrem wenig Gegentore bekommen. Natürlich war ich nicht so glücklich, Deutscher Meister zu werden, aber nur drei Spiele in der Bundesliga gemacht zu haben. Aber Reck hat eben so hervorragend gehalten, dass ich ihm nur ein Kompliment aussprechen konnte.
Werder verfolgen Sie weiterhin und nehmen bei öffentlicher Kritik kein Blatt vor den Mund.
Der Fußball ist eben mein Leben und es gehört für mich dazu, mal meine Meinung zu sagen. Wenn ich etwas sage, geht es ja auch nicht unter die Gürtellinie. Und die Kritik in Bremen ist ja ohnehin nicht vorhanden. In dieser Stadt ist es schon sehr extrem, wenn Werder überhaupt einmal kritisiert wird. Als Ehrenspielführer des Klubs muss ich mal etwas sagen dürfen. Ich bin nicht dafür da, den Mund zu halten und nur das zu sagen, was der Verein gerne hören möchte. Und was ich sage, ist nicht aus dem Bauch heraus, sondern immer fundiert.
Werder-Coach Florian Kohfeldt läuft mit einem Ball am Fuß über den Trainingsplatz.
An Werder-Coach Florian Kohfeldt übte Dieter Burdenski in der vergangenen Saison scharfe Kritik. Bild: Imago | Nordphoto
Letzte Saison haben Sie gesagt, es sei schwer zu vermitteln, dass Florian Kohfeldt weiterhin der beste Trainer für Werder sei. Ist er heute noch der richtige Trainer?
Zu dem Zeitpunkt habe ich gesagt, dass er nicht der richtige Trainer ist. Man hat sehr viel Glück gehabt, dass es am Ende wirklich noch zum Klassenerhalt gekommen ist. Ob es mit einem anderen geklappt hätte, wäre eine andere Sache gewesen. Wenn es am Ende mit Kohfeldt nicht geklappt hätte, hätte man sagen müssen: "Warum habt ihr nichts getan?" Werder hat an ihm festgehalten und im Nachhinein muss ich sagen: "Kompliment, ihr habt es richtig gemacht." Momentan ist die Mannschaft körperlich wieder in einer wesentlich besseren Verfassung als in der vergangenen Saison. Die Leistung in dieser Saison ist top. Und ich habe auch nichts gegen Herrn Kohfeldt. Aber manchmal gibt er mir zu viele Statements ab.
Hätten Sie bei Werder nach Ihrer Spielerkarriere gerne einmal Verantwortung übernommen?
Hätte ich mit Sicherheit, gar keine Frage. Das wäre eine interessante Aufgabe gewesen. Ich glaube, ich hätte diese Aufgabe auch umsetzen können. Ich würde nur nicht in den Aufsichtsrat gehen. "Was wollen Sie im Aufsichtsrat?", sage ich immer. Da sitzen sechs Leute und Sie können kritisch sein und auch recht haben, haben aber trotzdem keine Chance, etwas zu bewegen. Es geht nur, wenn man in einer Position sitzt, in der man Entscheidungen treffen darf.
Dieter Burdenski gut gelaunt auf dem Freimarkt vor dem Hansezelt.
Natürlich dabei, wenn die Grün-Weißen zu "Ischa Werder" aktuelle und ehemalige Spieler zum Freimarkt bitten: Dieter Burdenski vor einem Jahr. Bild: Imago | Nordphoto
Sind Sie traurig, niemals gefragt worden zu sein?
Für Werder war ich immer speziell. Ich habe meine eigene Loge und dafür immer Geld bezahlt. Im Laufe der Jahre habe ich Werder immer Geld gebracht. Das ist ungewöhnlich für ehemalige Spieler.
Was planen Sie für das nächste Lebensjahr? Oder schauen Sie sogar schon auf Ihren 80. Geburtstag voraus?
Ich glaube, wenn man diese Altersstufe erreicht hat, muss man schauen, die körperliche Fitness zu behalten. Wichtig ist auch, im Alter noch Ziele und etwas zu tun zu haben. Ich habe viele Leute kennengelernt, die ihren Beruf altersbedingt aufgeben mussten, obwohl sie noch fit waren. Zwei, drei Jahre später habe ich sie dann wiedergesehen und sie waren überhaupt nicht mehr dynamisch. Im Leben musst du immer Aufgaben haben, sodass du nicht morgens bis um zehn Uhr im Bett liegst. Man muss immer etwas tun, um auch kreativ zu sein. Aber das ist meine Einstellung. Andere sind froh, wenn sie mit 55 Jahren in den Vorruhestand gehen können. Mein Leben ist das nicht. Mein Leben ist so, wie ich es jetzt lebe. Und das hoffe ich noch lange so durchziehen zu können.

Das Gespräch führte Jan-Dirk Bruns, aufgezeichnet von Karsten Lübben.

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Autor

  • Jan-Dirk Bruns Redakteur und Moderator und Autor

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 26. November 2020, 18:06 Uhr