BGH-Urteil stärkt den DFB: Auch Werder muss weiter für Pyro zahlen

Werder-Fans zünden Pyrotechnik beim Spiel gegen Mainz
Bild: Imago | Nordphoto
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Bei Krawallmachern im Fanblock bittet der Deutsche Fußball-Bund (DFB) stellvertretend die Vereine zur Kasse. Das ist rechtens, sagt der BGH. Werder ist nicht begeistert.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) darf gegen Vereine weiterhin teils hohe Geldstrafen verhängen, wenn deren Anhänger oder Zuschauer Spiele stören. Rechtlich seien die Strafen als reine Präventivmaßnahmen zu bewerten, entschied der Bundesgerichtshof (BGH) am Donnerstag in Karlsruhe.

Damit seien sie auch dann zulässig, wenn den Vereinen kein eigenes Verschulden vorzuwerfen sei. Die Praxis verletze keine elementaren Grundsätze der Rechtsordnung. Geklagt hatte der Regionalligist FC Carl Zeiss Jena.

Vereine können sich Geld zurückholen – aber wie?

Die Rechts- und Verfahrensordnung des DFB sieht vor, dass die Vereine für das Verhalten ihrer Anhänger und Zuschauer verantwortlich sind. Sie haften "im Stadionbereich vor, während und nach dem Spiel für Zwischenfälle jeglicher Art". Das bedeutet, dass sie zum Beispiel wegen Bengalos und anderer Pyrotechnik im Fanblock zur Kasse gebeten werden.

Je nach Schwere des Vorfalls und Finanzkraft des Vereins kann es um bis zu sechsstellige Summen gehen, das Geld fließt an Stiftungen und Projekte. Die Idee dahinter: Die Fans sollen sich zusammenreißen, um ihrem Verein nicht zu schaden. Nach einem früheren Urteil aus Karlsruhe können sich die Vereine zwar von den Krawallmachern das Geld als Schadenersatz zurückholen. Dafür müssen diese aber erst einmal ausfindig gemacht werden.

Hess-Grunewald: "Entscheidung ist diskutabel"

Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald auf dem Podium einer Pressekonferenz.
Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald sieht das BGH-Urteil kritisch. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Auch für Werder Bremen bedeutet das, dass sie weiterhin bezahlen müssen, wenn in der Ostkurve von Fans Pyrotechnik gezündet wird. Allein zwischen Juni 2015 und Juni 2017 hatte der Verein 147.500 Euro an den DFB überweisen müssen.

Geld, das die Bremer schmerzt und ärgert und das man sich gerne sparen würde, doch durch das BGH-Urteil muss Werder weiterhin haften. Präsident Hubertus Hess-Grunewald teilt die Begründung der Richter jedenfalls nicht.

Ich bin mir sicher, dass dieses Urteil bei den DFB-Verantwortlichen für große Erleichterung gesorgt hat. Juristisch betrachtet, empfinde ich die Entscheidung als diskutabel.

Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald

"Dieses Urteil ist auch eine politische Entscheidung"

Dass das Gericht die Geldstrafen des DFB rechtlich nicht als Strafe betrachtet, sieht der Jurist Hess-Grunewald anders: "Wenn eine Strafe nicht als Sanktion, sondern als Präventivmaßnahme betrachtet wird, kann ich gut verstehen, wenn es auch andere Einschätzungen dazu gibt." Der Werder-Präsident hält das Urteil für politisch motiviert.

Ich glaube, dass dieses Urteil auch eine politische Entscheidung ist, wird sich der Bundesgerichtshof sicherlich die Frage nach den weitreichenden Konsequenzen eines anderslautenden Urteils gestellt haben.

Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald

DFB-Geldstrafen sind rechtlich keine Strafen

Tief saß am Donnerstag auch der Frust beim FC Carl Zeiss, der zu Beginn der Klage noch in der 3. Liga spielte. Der Verein muss nun endgültig für Störungen von zwei Heimspielen und einer Auswärtspartie 2018 insgesamt knapp 25.000 Euro zahlen. Der Klub hatte das als ungerecht empfunden: Man treffe alle notwendigen Vorkehrungen und werde für etwas bestraft, das sich nicht beeinflussen lasse.

Die obersten Zivilrichterinnen und -richter des BGH ließen sich davon aber nicht überzeugen. Der Grundsatz, dass jede Strafe oder strafähnliche Sanktion Verschulden voraussetze, habe sogar Verfassungsrang, sagte der Vorsitzende Richter Thomas Koch. Anders, als der Name vermuten lasse, handele es sich bei den Geldstrafen gegen die Vereine aber rein rechtlich gar nicht um Strafen.

Vereine sollen auf ihre Anhänger einwirken

Koch erläuterte, dass allein der Zweck entscheidend sei. Hier gehe es nicht darum, ein Fehlverhalten der Vereine zu ahnden. Durch die Geldstrafen sollten diese angehalten werden, einen ordnungsgemäßen Spielbetrieb zu gewährleisten und auf ihre Anhänger einzuwirken. Damit seien die Strafen eigentlich eine Präventivmaßnahme.

Jena hatte sich vor den Zivilgerichten gegen einen Schiedsspruch des zuständigen Sportgerichts gewehrt. Koch sagte, so ein Schiedsspruch könne nur aufgehoben werden, wenn er gegen die öffentliche Ordnung verstoße. "Das ist eine sehr hohe Hürde." Im Juni 2020 war der FCC auch schon vor dem Frankfurter Oberlandesgericht (OLG) gescheitert. Der BGH entschied nun in letzter Instanz. Jetzt ist nur noch eine Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht denkbar.

Ich hätte Verständnis dafür, wenn die Verantwortlichen von Carl Zeiss Jena nach dieser Entscheidung noch den nächsten Schritt zum Bundesverfassungsgericht gehen würden, um eine endgültige Klärung zu erreichen.

Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald

Rückblick 2017: Das Pyro-Problem von Werder Bremen

Video vom 12. April 2017
Aufschrift Ostkurve vor leeren Stehplätzen im Weser-Stadion
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Rundschau, 4. November 2021, 12 Uhr