Exklusiv

Anfang vor Rückkehr nach Darmstadt: "Pfiffe würden nichts verändern"

Video vom 15. Oktober 2021
Markus Anfang sitzt in einem Sessel während des Interviews. Hinter ihm ist das Werder-Logo zu sehen.
Eine Reise in die Vergangenheit: Mit Werder spielt Markus Anfang am Sonntag bei seinem Ex-Klub Darmstadt 98. Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Am Sonntag (13:30 Uhr) trifft Werder-Coach Markus Anfang auf seinen Ex-Klub Darmstadt 98. Im Interview spricht er über den Knatsch um seinen Wechsel nach Bremen im Sommer.

Für Werder geht es am Sonntag beim Auswärtsspiel in Darmstadt um drei wichtige Punkte im Rennen um den Aufstieg. Besonders wird das Spiel für Markus Anfang sein. In der vergangenen Saison trainierte er noch die Darmstädter, jetzt ist er Coach der Bremer. Die Begleitumstände des Wechsels werden ihm bei den Hessen weiterhin teilweise krumm genommen. Vor der Partie äußert sich Anfang selbst im Interview mit dem Sportblitz.

Herr Anfang, mit welchen Gefühlen kehren Sie am Sonntag nach Darmstadt zurück?
Mit Freude, ich habe dort ja ein Jahr lang gearbeitet und viele Menschen kennengelernt. Im Umfeld war ich viel mit dem Fahrrad unterwegs und habe in vielen Restaurants gegessen. Mit den Menschen dort und im Verein hatte ich einen guten Kontakt. Wir hatten eine schwere Zeit, das muss ich so sagen. Es war die Corona-Zeit und in der Mannschaft gab es viele Themen, die wir abhandeln mussten. Die waren nicht leicht und hatten weniger mit dem Fußball zu tun. Am Anfang hatten wir auch ergebnistechnisch eine schwere Zeit. Hinten raus sind wir dann für unsere Arbeit belohnt worden.
Welche Probleme gab es in der Mannschaft?
Das sind Themen, die dort bleiben. Das gehört sich so, denn die Themen waren sehr privat.
Es ist das Gefühl entstanden, dass Sie in Darmstadt durch Ihren Abgang ein wenig in Ungnade gefallen sind. Haben Sie Angst vor Pfiffen?
Angst habe ich prinzipiell nicht. Ich habe in Darmstadt im Vorhinein kommuniziert, dass das so passieren kann. Das weiß in Darmstadt, glaube ich, auch jeder. Der Zeitpunkt des Wechsels war vielleicht ein bisschen ungewöhnlich, weil die Saison schon vorbei war, aber darauf hatten weder ich noch Darmstadt oder Bremen einen Einfluss. Die Situation ist so entstanden, das passiert im Fußball nun mal. Ich habe den Verein direkt informiert, die wussten über alles Bescheid. Falls es am Sonntag Pfiffe gibt, kann ich das nicht ändern. Das würde mein Gefühl für Darmstadt aber nicht verändern.
Markus Anfang im Stadion mit der Kleidung von Darmstadt 98.
Markus Anfang war in der vergangenen Saison noch der Cheftrainer von Darmstadt 98. Bild: Imago | Jan Huebner
Sie haben in Darmstadt nur ein einziges Spiel vor Publikum bestritten. Inwieweit hatten Sie dort überhaupt eine Bindung zu den Fans?
Wie gesagt, ich war in Darmstadt viel unterwegs und habe häufig mal irgendwo etwas gegessen. Dabei habe ich viele Leute kennengelernt, die ansonsten ins Stadion gehen. Das war durchweg positiv.
Ist es richtig, dass Sie sich in Darmstadt mit einem gemeinsamen Pizza-Essen verabschiedet haben?
Genau. Die Spieler waren alle im Urlaub, das war natürlich ein bisschen schwieriger. Als alles über die Bühne gegangen ist, habe ich den Jungs bereits eine Nachricht geschickt. Dann bin ich nach Darmstadt gefahren und habe meinen gesamten Staff plus viele von der Geschäftsstelle zum Italiener eingeladen. Dort haben wir einen wunderschönen Abend gehabt und uns vernünftig voneinander verabschiedet. Es waren auch alle da. Das zeigt dann auch, dass das Verhältnis absolut gestimmt hat.
Und wie ist jetzt das Verhältnis zu den Verantwortlichen in Darmstadt?
Mit einigen der Verantwortlichen habe ich telefoniert und danach noch Kontakt gehabt. Das war jetzt in keiner Weise böse.
Was ist in Bremen anders als in Darmstadt?
Die Tradition von Werder Bremen sagt schon einiges aus. Der Klub kommt aus der Bundesliga und hat damit eine ganz andere Voraussetzung als Darmstadt. Darmstadt ist ein Verein, der auch schon in der Bundesliga war, aber nicht so lange wie Werder. Wenn man die Historie der beiden Vereine nimmt, sieht man schon einen Unterschied.
Vermissen Sie das etwas ruhigere Arbeiten in Darmstadt?
Ich weiß gar nicht, ob es in Darmstadt so viel ruhiger war. Wir sind damals dort hingekommen, als Dimitrios Grammozis vorher Fünfter geworden ist. Da waren schon Erwartungen da. Wir haben viele Sachen verändert, das sieht man jetzt auch. Es sind viele Spieler da, die wir noch geholt haben. Und man sieht ja auch, dass es funktioniert und sie eingeschlagen haben.
Was trauen Sie Ihrem Ex-Team in dieser Saison zu?
Jedes Team kann in der 2. Liga eine gute Rolle spielen. Jahn Regensburg spielt gerade ganz oben mit. Das kann Darmstadt auch. Die Qualität haben sie. Ich glaube auch, dass Torsten Lieberknecht ein super Trainer ist, der das auch schon in der Vergangenheit gezeigt hat. Der Verein hat definitiv Potenzial. Ich glaube, dass man allein mit dem Stadionumbau ein Signal gesetzt hat.
Torsten Lieberknecht auf dem Platz aus Trainer von Darmstadt 98.
Torsten Lieberknecht hat in Darmstadt die Nachfolge von Markus Anfang angetreten. Bild: Imago | Foto2press
Hätten Sie angesichts des Kaderumbaus und der finanziellen Situation des Klubs erwartet, dass der Start in Bremen so schwierig sein würde?
Mir war klar, dass es einen Umbruch im Kader geben wird. Dass wir aufgrund der wirtschaftlichen Situation einen gewissen Rahmen schaffen müssen, hatten wir im Vorfeld besprochen. Wie lange wir dafür brauchen und wieviele Spieler wir dafür abgeben müssen, konnte keiner wissen. Dann hätten wir auch gewusst, zu welchem Zeitpunkt wir Spieler verpflichten hätten können. Aber wir wussten nicht, wann wir Spieler auch verkaufen können und damit den Rahmen geschaffen haben, den wir für Verpflichtungen schaffen mussten. Deshalb war die Situation schon sehr speziell.
Mit Nicolai Rapp und Lars-Lukas Mai haben Sie bereits in Darmstadt zusammengearbeitet. Inwieweit waren Sie in die beiden Verpflichtungen involviert?
Als wir hier hingekommen sind, haben wir darüber gesprochen, welche Spieler wir auf welchen Positionen brauchen. Da muss man auch immer ein bisschen aufpassen. Es gibt ja in jedem Verein, vor allem in großen Vereinen wie Werder, eine Scouting-Abteilung. Wenn man dann sieht, welche Spieler uns verlassen und welche Positionen wir neu besetzen müssen, gibt es auch Spieler, die diese Abteilung schon gescoutet hat. Dann kommen auf einmal zwei Namen, die ich kenne. Da kann ich natürlich viel zu sagen, aber am Ende des Tages verpflichtet sie Werder Bremen. Und die Spieler kommen von Union Berlin und Bayern München, nicht von Darmstadt 98. Das ist auch ein bisschen verkannt worden.
Lars-Lukas Mai und Nicolai Rapp auf dem Feld während eines Spiels für Darmstadt 98.
Lars-Lukas Mai und Nicolai Rapp haben in der vergangenen Saison noch für Darmstadt 98 gespielt. Bild: Imago | Jan Huebner
Was für eine Partie erwarten Sie am Sonntag?
Darmstadt kommt aus einem 6:1 gegen den SV Sandhausen. Da ist zu sehen, welch ein Potenzial sie nach vorne besitzen. Mit Luca Pfeiffer und Philipp Tietz haben sie zwei Stürmer, die treffen. Mit Tobias Kempe haben sie zudem einen Spieler, der aus dem offensiven Mittelfeld für Torgefahr sorgt. Er war im letzten Jahr einer unser besten Scorer. Mit Mathias Honsak und Benjamin Goller haben sie auf den Außenbahnen Spieler, die ein hohes Tempo und eine hohe Qualität besitzen. Es wird schon schwierig, das zu verteidigen. Wir werden nicht versuchen, nur nach vorne zu spielen und hinten ist dann alles offen. Es geht schon darum, auch gut zu verteidigen. Das wichtigste ist, dass wir gut gegen den Ball arbeiten. Lösungen nach vorne haben wir immer. Sonst wären wir nicht die Mannschaft mit den meisten Torschüssen. Da könnte vielleicht noch der ein oder andere mehr reinrutschen (lacht).

(Das Interview führte Dino Bernabeo. Aufgeschrieben wurde es von Karsten Lübben.)

Mehr zum Thema.

Autor

  • Dino Bernabeo Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 15. Oktober 2021, 18:06 Uhr