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Lemke über Werder: "Bei denen anfangen, die das große Geld verdienen"

Lange war Willi Lemke der Macher bei Werder. Nun muss sich der Verein verschulden und auf Geisterspiele hoffen – für Lemke darf das nicht auf Kosten der Fans passieren.

Video vom 26. April 2020
Willi Lemke gestikuliert als Studiogast mit einem Mikrofon in der Hand.
Bild: Radio Bremen

In den 80er und 90er Jahren war Willi Lemke Manager und Macher bei Werder Bremen, schied erst Ende 2016 aus dem Aufsichtsrat aus. Im Herzen ist der 73-Jährige weiterhin Grün-Weißer, umso besorgter ist Lemke nun über die finanziell so prekäre Lage des Vereins.

Als Studiogast bei buten und binnen mit Sportblitz sprach Lemke am Sonntag mit Moderator Stephan Schiffner darüber, warum er Geisterspiele bescheuert findet, sie aber unbedingt im Free-TV laufen müssten und wen man für Werders Probleme zur Kasse bitten sollte.

Herr Lemke, Werder wird zum ersten Mal Schulden machen. Wie groß ist Ihre Sorge um die Existenz des Klubs?
Seitdem ich vorgestern die Zahlen mitbekommen habe, habe ich einen tüchtigen Schreck bekommen. Da müssen wir uns alle, die Werder Bremen lieben, große Sorgen machen.
Kommt Werder da durch?
Das ist Kaffeesatzleserei, das weiß ich nicht. Ich hoffe es natürlich von Herzen. Das muss man schrittweise abarbeiten. Und das größte Problem ist jetzt: Klappt das mit den für uns alle so verhassten Geisterspielen? Das will niemand, jeder findet das absolut bescheuert. Da fehlt jegliche Emotion und Freude. Das ist nicht der Fußball, den wir kennen und den wir lieben.
Trotzdem haben Sie sich zum Thema Geisterspiele bereits eingebracht und gefordert, dass diese dann im Free-TV laufen sollten. Warum?
Da gibt es einen ganz wichtigen Grund, der im Moment überhaupt noch nicht diskutiert worden ist: Ganz viele Menschen, die interessiert sind und die Spiele gerne sehen wollen, aber kein Sky- oder DAZN-Abo haben, würden dann wohlmöglich zu Freunden, Bekannten und Kollegen gehen.
Das heißt, das private Wohnzimmer wird zu einer Art Ersatzkneipe?
Ja, natürlich. Die Kneipen sind zu und deshalb gehen die in die Wohnzimmer ihrer Freunde, die diese Abos haben. Und das ist schlecht, denn dann kommt es zu ganz ganz vielen Kontakten, die wir nicht wollen. Das wird zu Infektionen führen. Das können die Fachleute zehnmal besser ausrechnen, was das bedeutet als ich. Ich mache mir nicht so viele Sorgen um die einzelnen Spieler, die werden sehr gut abgesichert und geschützt werden. Aber die fußballbegeisterten Menschen, die gehen auf einmal in Wohnungen, die sie zur Zeit nie betreten würden.
Das würde dem Pay-TV-Sender Sky aber die Grundlage entziehen. Wer entschädigt Sky denn dann?
Logischerweise die Sender, die sagen, wir würden gerne an so etwas teilhaben. Ich kann mir vorstellen, dass die großen Sender bereit wären, ordentlich dafür in die Tasche zu greifen. Und ich sage, Sky würde ein unglaublich positives Feedback der Bevölkerung bekommen. Denn in wie vielen Altenheimen sitzen Rentnerinnen und Rentner, die sagen: 'Endlich mal wieder Fußball!' Und die haben nicht alle Sky in ihren Heimen.

Von daher glaube ich, dass es vernünftig ist, wenn man es mit den Geisterspielen schon machen muss – wie gesagt, ich finde das total scheiße – aber wenn man es machen muss, um einige Vereine zu retten – wie ich jetzt erfahren habe, gehört auch Werder Bremen dazu – dann muss man in diesen sauren Apfel beißen.
Werder muss ja auch Fans entschädigen, die ihre Tickets schon bezahlt oder Dauerkarten haben. Jetzt möchte der Verein die Leute vermutlich dazu bringen, das Geld nicht zurückzufordern und über Gutscheine die Sache regeln. Ist das das richtige Signal?
Wenn es darum geht, dass die Zuschauer auf ihre Eintrittskarten, die sie schon bezahlt haben, verzichten sollen, dann ist es das falsche Signal und unangemessen. Wenn Sie wissen, dass circa 58 Millionen Euro ausgewiesen sind für die Gehälter der Spieler und man hört, dass auf etwa zehn Prozent des Gehalts verzichtet wird. Wenn man jetzt die zehn Prozent auf die drei Monate umrechnet, sind das 2,5 Prozent des Jahreseinkommens eines Bundesligaprofis.
Das heißt, erst einmal viel weiter runter mit den Spielergehältern, um glaubwürdig zu bleiben?
Also bevor ich einem Studenten oder Rentner sage: 'Kannst du mal die 15 oder 20 Euro zurückgeben, damit wir den Laden hier am Laufen halten?', würde ich erstmal bei denen anfangen, die das ganz große Geld verdienen. Stellen Sie sich mal vor, Sie kriegen von Ihrem Friseursalon, wo Sie jetzt in dieser Zeit einen Termin gebucht hatten, die Aufforderung, für den Termin zu bezahlen. Da würden Sie doch auch sagen: 'Ticken Sie nicht ganz sauber? Ich habe doch gar keine Dienstleistung erfahren.'

Wenn das der einzelne Fan macht oder Sponsoren und Förderer, die genug Geld haben und sagen: 'Wir stehen jetzt in so einer schweren Zeit natürlich hinter unserem geliebten SV Werder', dann finde ich das klasse. Aber dem einzelnen Zuschauer jetzt zu sagen: 'Du, wir müssen die Gehälter bezahlen, sonst kriegen wir ein Problem' – das finde ich unangemessen.

Das Gespräch wurde vor der Ausstrahlung der Sendung aufgezeichnet.

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Autor

  • Stephan Schiffner Redakteur und Moderator und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen mit Sportblitz, 26. April 2020, 19:30 Uhr