Interview

Werder-Coach Anfang: "Wir müssen jetzt nicht alles über Bord werfen"

Steckt Werder in der Krise? Das sagt Trainer Markus Anfang dazu

Video vom 28. September 2021
Markus Anfang schaut auf dem Weg zum Trainingsgelände in die Kamera.
Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz
Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Nach zwei Pleiten in Folge stehen die Bremer enorm unter Druck. Coach Markus Anfang bittet um einen realistischen Blick auf die Lage. Wellentäler hält er für normal.

Zwei Spiele, zwei bittere Niederlagen: Auf das 0:2 im Derby gegen den Hamburger SV folgte für die Bremer mit dem 0:3 beim Aufsteiger Dynamo Dresden eine noch größere Enttäuschung. Vor der nächsten Partie am Freitag (18:30 Uhr) gegen den 1. FC Heidenheim stellt Coach Markus Anfang sich im Gespräch mit dem Sportblitz.

Herr Anfang, am Sonntag in Dresden wirkten Sie an der Seitenlinie ziemlich sauer. Was hat Sie am meisten aufgeregt an der Niederlage?
Dass wir so viele einfache Fehler gemacht haben. Wenn du tagtäglich mit einer Mannschaft arbeitest, weißt du ja, was die Spieler können. Wenn du dann im Spiel bist und siehst, wie ihnen so viele einfache Fehler unterlaufen, ärgert das einen, denn daraus können immer wieder gute Aktionen entstehen. Die haben wir uns am Ende selber kaputtgemacht.
Auf der Busfahrt zurück haben Sie viele Einzelgespräche geführt. Und bereits nach dem HSV-Spiel haben Sie gesagt, dass Sie das Spiel knallhart analysieren werden. Wieviel Klartext haben Sie jetzt gesprochen?
Es ist insofern hart, dass man ja zeigen muss, was am Ende nicht gut war. Wenn man dies schon im Spiel gesehen hat, weiß man auch, dass das nicht angenehm ist. Wir machen das aber ja nicht, um die Spieler oder die Mannschaft niederzumachen. Darum geht es nicht. Es geht darum, dass wir es, so ehrlich wie es war, der Mannschaft auch transportieren. Das haben wir jetzt genauso gemacht. In Dresden haben ganz viele einfache Fehler dazu beigetragen, dass wir unsere Chancen nach vorne nicht so herausgespielt haben. Und durch individuelle Fehler haben wir dem Gegner die Chance gegeben, Tore zu schießen. Das ist hart am Ende und tut auch weh, aber es ist halt die Wahrheit.
Werder-Spieler stehen gegen Dresden in einer Spielpause auf dem Platz.
Beim 0:2 gegen den HSV und dem 0:3 in Dresden haben die Bremer um Milos Veljkovic zuletzt enttäuscht. Aktuell sind sie nur Mittelmaß in der 2. Liga. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz
Seit dem ersten Tag predigen Sie, wie hart diese 2. Liga ist. Da verwundert es, dass bei einem Spiel am 8. Spieltag noch die Einstellung der Mannschaft nicht wirklich vorhanden war. Woran liegt das?
Ich würde nicht sagen, dass die Einstellung nicht ganz da war. Wir müssen auch aufpassen. Wir haben eine junge und entwicklungsfähige Mannschaft. Ich habe natürlich vom ersten Tag an gesagt, dass die 2. Liga sehr schwer ist. Ich glaube, das sieht man auch. Es ist vollkommen klar, dass sich unsere Transferphase auf die Saison auswirkt. Wir wussten, dass es eine sehr schwere Saison wird. Wir müssen mit einer jungen Mannschaft einen Wiederaufbau starten. Dass dann auch mal eine Delle reinkommt und ein Wellental dabei ist, ist etwas ganz Normales.
Niclas Füllkrug hat nach dem Spiel gesagt, dass er das Gefühl hatte, die Mannschaft sei in der 1. Halbzeit gar nicht darauf eingestellt gewesen, in Dresden zu spielen. Hat die Mannschaft den nötigen Einsatz vermissen lassen?
Das finde ich jetzt ein bisschen überspitzt. Es ist nicht so, dass die Jungs fahrlässig diese Ergebnisse aufs Spiel setzen. Es ist eine junge Mannschaft, die sich auch entwickeln wird. Ich glaube, dass sie auch Fehler machen müssen, um daraus zu lernen. Ob es dann diese Fehler sind, die am Ende auch das Resultat beeinflussen, können wir dahingestellt sein lassen. Sie haben ja auch die Qualität, in den entscheidenden Phasen die Dinge gut zu lösen. Aber dass gegen Dresden keiner wollte, ist mir zu viel. Genauso ist es mir zu viel, wenn wir Spiele gewinnen und dann zu viel Gutes geredet wird, wenn es nicht wirklich so gut war. Wir müssen schon versuchen, eine gewisse Objektivität reinzubringen.
Ihre ersten drei Kapitäne fallen derzeit allesamt aus. Fehlt momentan ein Führungsspieler im Team?
Durch die Umstrukturierung des Kaders wäre es schon wichtig, wenn erfahrene Spieler wie Ömer, Leo oder Grosso (Ömer Toprak, Leonardo Bittencourt und Christian Groß, Anm. d. Red.) an Bord sind. Das haben wir in den letzten Spielen gesehen. Ein Führungsspieler kann sich aber auch dadurch entwickeln, dass er in solchen Situationen über sich hinauswächst und die Mannschaft mit seiner Leistung mitnimmt. Da kann auch ein ganz junger Spieler ein Leader sein. In den ersten Spielen ist uns ganz besonders aufgefallen, dass Niklas Schmidt vorneweg gegangen ist. Das war dann gefühlt ein Leader, aber er ist nie genannt worden als Leader. Er hat Tore gemacht und Tore vorbereitet und wir haben ihn dafür von außen auch gefeiert am Ende des Tages. Wir selber wissen aber, dass das ein junger Spieler ist, der auch mal wieder ein Wellental hat. Das hat er jetzt vielleicht auch, sodass er gerade vielleicht nicht am Limit spielt. Und danach wird er wiederkommen und dann wird es auch wieder besser werden.
Werden Sie nach den beiden Niederlagen zuletzt etwas Grundlegendes ändern? Zum Beispiel beim System oder auf der Torwartposition?
Wenn du zwei, drei Spiele verloren hast, wird erwartet: "Jetzt muss der Trainer alles anders machen!" Und als wir gegen Karlsruhe, Rostock und Ingolstadt gespielt haben, hätte man gesagt: "Der Trainer muss genau so weiterarbeiten!" Ich habe genau so kontinuierlich weitergearbeitet. Wir haben keine Ergebnisse erzielt, aber phasenweise trotzdem guten Fußball gespielt. Die Wahrscheinlichkeit war laut den Statistiken auch extrem hoch, dass wir die Spiele für uns entscheiden. Jetzt haben wir mit derselben Herangehensweise, mit der wir vorher zwei Spiele gewonnen und drei Spiele zu Null gespielt haben, zwei Spiele verloren. Jetzt soll ich alles ändern? Das macht eigentlich wenig Sinn. Wir müssen jetzt nicht alles über Bord werfen.
Die Wellentäler in einer Saison haben Sie bereits angesprochen. Ab wann würden Sie von einer Krise sprechen?
Wir müssen keine Krise ausrufen. Wenn man eine Krise sehen will, kann man sicherlich versuchen, von außen Krisen zu sehen. Das hat auch damit zu tun, was man erwartet. Wenn man erwartet, dass wir jetzt in der 2. Liga alles aus dem Stadion schießen, dann könnte man jetzt vielleicht versuchen, daraus eine Krise zu machen. Ich sehe da aber überhaupt keine Krise. Ich sehe, dass wir da gerade zwei Spiele hatten, die nicht optimal gelaufen sind.

(Das Interview führten Ariane Wirth und Dino Bernabeo. Aufgeschrieben wurde es von Karsten Lübben.)

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Autoren

  • Ariane Wirth Moderatorin
  • Dino Bernabeo Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 28. September 2021, 18:06 Uhr