Werder will wieder hoch – startet aber als Wundertüte in die 2. Liga

Auf Werder warten in der 2. Liga starke Kontrahenten

Video vom 18. Juli 2021
Markus Anfang ballt die Fäuste und hält sie hoch.
Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz
Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Die Bremer hoffen auf ein kurzes Intermezzo im Unterhaus. Für Aufbruchstimmung sorgt der neue Coach Markus Anfang, doch der große Favorit auf den Aufstieg ist Werder nicht.

So lief die vergangene Saison:

Werder bot aufgrund der defensiven Ausrichtung von Cheftrainer Florian Kohfeldt oftmals grausig anzuschauenden Fußball, punktete mit diesem nach dem Beinahe-Abstieg im Sommer 2020 aber zunächst beständig. Als die Bremer am 10. März das Nachholspiel bei Arminia Bielefeld mit 2:0 gewannen und somit zehn Spieltage vor dem Saisonende elf Punkte Vorsprung auf Platz 16 aufwiesen, glaubten viele schon an den sicheren Klassenerhalt. Doch die Bremer brachen im Anschluss brachial ein und stellten in der Bundesliga mit sieben Niederlagen in Folge einen negativen Vereinsrekord auf.

Florian Kohfeldt schaut bei seinem letzten Spiel in Augsburg nachdenklich auf den Boden.
Nach dem 0:2 in Augsburg am 33. Spieltag trennte Werder sich von Florian Kohfeldt. Auch Thomas Schaaf konnte die Bremer nicht mehr retten. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Nach der 1:3 -Niederlage bei Union Berlin am 31. Spieltag stand dann auch Kohfeldt vor dem Aus. Anstatt sich von ihm zu trennen, leisteten die Bremer Verantwortlichen sich allerdings eine peinliche Posse. Nach zwei Tagen Beratung durfte Kohfeldt doch weitermachen – erstmal aber nur für das anstehende Halbfinale im DFB-Pokal gegen RB Leipzig. Dieses verloren die Bremer zwar mit 1:2 nach Verlängerung, überzeugten aber zumindest kämpferisch. Als Werder am 33. Spieltag mit 0:2 beim direkten Konkurrenten FC Augsburg unterlag, war dann doch für Kohfeldt Schluss. Am letzten Spieltag sollte Klublegende Thomas Schaaf gegen Borussia Mönchengladbach noch die Rettung schaffen. Der Versuch ging allerdings daneben, Werder verlor mit 2:4 – und stieg nach 40 Jahren wieder aus der Bundesliga ab.

Wer kommt, wer geht:

Als erfahrenen Innenverteidiger haben die Bremer Anthony Jung verpflichtet. Der 29-Jährige kommt ablösefrei von Bröndby IF und kann auch als Linksverteidiger spielen. Mit Lars Lukas Mai und Nicolai Rapp hat der Klub zudem zwei Spieler geholt, mit denen Chefcoach Markus Anfang bereits in der vergangenen Saison bei Darmstadt 98 zusammengearbeitet hat. Wie zuvor die Darmstädter leiht Werder den 21-jährigen Innenverteidiger Mai vom FC Bayern aus.

Rapp, der im defensiven Mittelfeld spielt, wurde von Union Berlin verpflichtet. Linksverteidiger Kyu-hyun Park spielte als Leihspieler zuletzt für die U23 und wurde fest von Ulsan Hyundai aus Südkorea verpflichtet. Ein Gewinner der Vorbereitung ist Niklas Schmidt, der nach seiner Leihe zum VfL Osnabrück eigentlich abgegeben werden sollte, bisher im zentralen Mittelfeld aber vollauf überzeugt. Kommen sollen noch Verstärkungen für die offensiven Außenbahnen.

Niklas Schmidt führt den Ball im Testspiel gegen St. Petersburg.
Niklas Schmidt trumpft aktuell bei Werder auf. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Verlassen haben die Bremer mit Niklas Moisander (Malmö FF) und Theodor Gebre Selassie (Slovan Liberec) der Kapitän und der Vize-Kapitän. Auch die Transfer-Saga um Milot Rashica hat ein Ende gefunden. Der Kosovare ist zu Norwich City gewechselt. Patrick Erras konnte sich nicht durchsetzen und wurde an Holstein Kiel verkauft. Benjamin Goller soll während seiner Ausleihe in Darmstadt weitere Spielpraxis sammeln.

Klar ist, dass sich bei Werder bis zum Ende der Transferphase am 31. August noch einiges tun wird. Sportchef Frank Baumann hat am Wochenende erklärt, dass er mit 15 bis 20 weiteren Transfers rechne. Die Anzahl der Abgänge soll dabei über der der Zugänge liegen. Rund 30 Millionen Euro wollen die Bremer insgesamt durch Verkäufe einnahmen. Unverkäuflich ist niemand. Als heißteste Kandidaten für einen Transfer gelten Ludwig Augustinsson, Joshua Sargent, Marco Friedl und Maximilian Eggestein. Auch Johannes Eggesteins Zukunft liegt nach jetzigem Stand wohl nicht an der Weser, weil es für ihn in Anfangs Vorstellungen keine passende Position gibt.

Der Trainer:

Mit Markus Anfang setzen die Bremer mal wieder auf einen externen Trainer, nachdem die Versuche mit den vorherigen U23-Trainern Viktor Skripnik, Alexander Nouri und Florian Kohfeldt aus dem eigenen Stall letztlich allesamt schiefgegangen sind. Anfang ist dabei ein echter Kenner der 2. Liga und war in dieser sowohl mit Holstein Kiel, dem 1. FC Köln und Darmstadt 98 erfolgreich. Daran ändert auch nichts, dass er in Köln drei Spieltage vor Saisonende vorzeitig entlassen wurde. Schließlich lag der Klub als Tabellenführer zu diesem Zeitpunkt sechs Punkte vor dem Relegationsrang. Mit Kiel wäre Anfang zuvor fast aus der 3. Liga in die Bundesliga durchmarschiert. Mit Darmstadt spielte er zuletzt die beste Rückserie der Klubgeschichte.

Markus Anfang steht auf dem Trainingsplatz und schießt einen Ball volley.
Nichts verlernt: Markus Anfang war einst Profi in der Bundesliga. Dorthin will er als Trainer nun auch mit Werder. Bild: Imago | Nordphoto

Gerne hätten die Darmstädter ihren Coach gehalten, doch Anfang folgte dem Lockruf aus Bremen. Mit seiner offensiven Spielausrichtung könnte er ideal zu Werder passen. Schließlich standen die Bremer in den erfolgreichen Zeiten in der Bundesliga einst für berauschende Torfestivals. In ebenjene Bundesliga soll Anfang Werder zurückführen. Das ist das klare Ziel. Dennoch spricht der 47-Jährige statt vom „Wiederaufstieg“ stets lieber vom „Wiederaufbau“. Anfang will sich eben nicht allein am reinen Ergebnis, sondern am Entwicklungsprozess messen lassen.

Erwartungen an die Saison:

Wenige Minuten nach dem Abpfiff und dem feststehenden Abstieg gab Sportchef Frank Baumann am 22. Mai den Wiederaufstieg als Ziel aus. Dieser wird in Anbetracht der hochkarätigen Konkurrenz aber alles andere als ein Selbstläufer. Auch andere Traditionsklubs wie Schalke 04 und der Hamburger SV wollen unbedingt wieder hoch.

Absehbar ist nicht, wie stark der Bremer Kader nach der Transferphase noch sein wird. Werder startet gewissermaßen als Wundertüte in die 2. Liga. „Wir werden alles daran setzen, mit allen Spielern, die wir jetzt zur Verfügung haben, einen guten Saisonstart hinzulegen. Immer in dem Wissen, dass sich einiges verändern kann“, sagt Anfang. Ein gelungener Auftakt wäre vor allem wichtig, damit die derzeit dezent spürbare Aufbruchstimmung in Bremen nicht sofort wieder verschwindet. Rasch muss das Team zudem lernen, sich aufgrund der robusten Spielweise in der 2. Liga zu wehren. Gelingt dies, könnte die direkte Rückkehr in die Bundesliga klappen. Als der ganz große Favorit starten die Bremer aber nicht in die neue Saison.

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Autor

  • Karsten Lübben Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen mit Sportblitz, 18. Juli 2021, 19:30 Uhr