Willi Lemke wird 75: "Ich habe im Leben unheimlich viel Glück gehabt"

Video vom 19. August 2021
Willi Lemke trägt eine Werder-Cap und gestikuliert mit den Händen.
Willi Lemke feiert am Donnerstag seinen 75. Geburtstag. Als Manager hat er aus Werder Bremen einst einen Topklub geformt, der mit ihm einst zahlreiche Titel gewann. Bild: DPA | Ulmer/Björn Hake
Bild: DPA | Ulmer/Björn Hake

Aus Werder Bremen formte Willi Lemke als Manager einst einen Topklub, der Titel einheimste und die Bayern und Uli Hoeneß herausforderte. Am Donnerstag feiert er seinen 75. Geburtstag.

Die Laune kann Willi Lemke an seinem 75. Geburtstag ein ganz klein wenig nur das ihm seit zwei Wochen auferlegte Sportvervbot aufgrund einer Entzündung in der Hand vermiesen. Lemke ist schließlich auch im gehobeneren Alter kaum zu stoppen. Zweimal in der Woche läuft er die zehn Kilometer, für dieses Jahr stand zudem eigentlich noch ein Halb-Marathon auf dem Plan. "Vor ein paar Jahren", erzählt er, "habe ich eine Sport-Uhr geschenkt bekommen. Wenn diese sich mittags meldet und mahnt, dass es zu wenig ist, motiviert mich das richtig. Dann sorge ich für die Bewegung, die ich brauche."

Rastlos war Lemke auch als Manager von Werder. Gemeinsam mit Otto Rehhagel prägte er die erfolgreichste Phase der Klubgeschichte und formte aus Werder einen Topklub in der Bundesliga und Europapokalsieger. Dabei kam er eher unverhofft an den Job. Im Sommer 1981 begleitete Lemke, seinerzeit Landesgeschäftsführer der Bremer SPD und Mitglied der Bremer Sport-Deputation, die Werder-Delegation zu einem Spiel im Intertoto-Cup ins schwedische Malmö.

Beim Skatspielen am Abend mit Präsident Dr. Franz Böhmert und Vize-Präsident Klaus-Dieter Fischer kam aus dem Nichts die Idee auf den Tisch, ihn zu Werder zu holen, denn die Bremer suchten gerade einen Nachfolger für den zu Schalke 04 abgewanderten Rudi Assauer.

Die damalige Ehefrau von Klaus-Dieter Fischer sagte auf einmal: 'Mensch Willi, wäre das nicht was für dich? Manager bei Werder?' Da bin ich vom Glauben abgefallen.

Willi Lemke
Willi Lemke im Gespräch mit buten un binnen

"Eine geile Nummer" – aber zunächst nur Vize

Den Glauben fand Lemke schnell wieder. Eine Nacht musste er jedoch erstmal darüber schlafen. "Dann dachte ich mir", blickt Lemke zurück, "dass das doch eine geile Nummer wäre." Also machte er sich an die Arbeit und erstellte eine Ausarbeitung mit seinen Ideen für die Zukunft von Werder, um für sich selbst zu trommeln. Sein Vorhaben: Aus der "grauen Maus" Werder wollte Lemke einen Spitzenverein formen. Der Plan ging auf, sechs Titel holten die Bremer zwischen 1981 und 1999 mit ihm als Manager. Die Mannschaft wurde immer besser, denn Lemke setzte die Bremer Mittel clever ein. Als "Mädchen für alles" bei Werder seinerzeit bezeichnet sich Lemke heutzutage selbst.

Willi Lemke posiert mit Rudi Völler und Michael Kutzop im Arm.
Stürmer Rudi Völler (links) verpflichtete Willi Lemke im Sommer 1982 vom TSV 1860 München für Werder. Abwehrspieler Michael Kutzop holte er im Sommer 1984 von Kickers Offenbach an die Weser. Bild: Imago | Schumann

Geprägt hat diese Zeit natürlich auch Otto Rehhagel, mit dem Lemke sich trotz der langen gemeinsamen Zeit bei Werder auch heute noch siezt. "König Otto" regierte bis 1995 in Bremen. Doch mit den Titeln sollte es anfangs einfach nicht klappen. 1983, 1985 und 1986 reichte es lediglich für die Vize-Meisterschaft. "König Otto, der II." titelte der Boulevard damals. Besonders bitter war es, als Michael Kutzop 1986 am 33. Spieltag im Spiel gegen den FC Bayern kurz vor Schluss einen Elfmeter an den Pfosten setzte – und die Bremer den Titel erneut verpassten.

Werder wie im Rausch – 4 Titel in 4 Jahren

"Einmal auf dem Balkon zu stehen, das war unser Traum", erzählt Lemke. Das Drama um Kutzop sei damals "eine Katastrophe" gewesen. Doch Rehhagel gelang es, die Mannschaft wieder aufzurichten und den Bayern weiterhin Paroli zu bieten. Anschließend holte Werder die Titel wie im Rausch. 1988 klappte es endlich mit der Meisterschaft. Drei Jahre später holten die Bremer den DFB-Pokal, 1992 gelang in Lissabon im Finale des Europapokals der Pokalsieger mit dem 2:0-Sieg über die AS Monaco der große Coup. "Wenn ich bei den Vereinten Nationen später auf Fürst Albert gestoßen bin, hat er immer gesagt, dass ich heute bloß nicht über Werder sprechen soll", scherzt Lemke.

Willi Lemke, Ulie Hoeneß, Dr. Franz Böhmert und Bayern-Präsident Fritz Scherer stoßen 1986 gemeinsam mit einem Bier am Tresen.
Mit Bayern-Manager Uli Hoeneß (links) verband Willi Lemke (rechts) lange eine intensive Fehde. Vor dem Duell um die Deutsche Meisterschaft im April 1986 stießen beide dennoch miteinander an. Bild: DPA | Schilling

Wenig zu lachen hatte hingegen die Konkurrenz in Deutschland. Zwischen 1991 und 1994 gewannen die Bremer in jedem Sommer einen Titel. 1993 holten die Bremer erneut die Schale an die Weser, 1994 den DFB-Pokal. Den Bayern gefiel dies natürlich nicht. Zwischen Isar und Weser flogen die Pfeile. Vor allem Lemke und Bayern-Manager Uli Hoeneß waren sich alles andere als grün. Die Feindschaft kam bereits 1985 ins Rollen, nachdem Bayerns Klaus Augenthaler Werder-Stürmer Völler übel umtrat und dieser für fünf Monate ausfiel. "Ich war damals stinksauer auf die Bayern", erhebt sich Lemkes Stimme noch heute, wenn er an die Szene denkt. Eine bittere Pille mussten die Bremer dann auch 1995 schlucken, als die Bayern ihnen ihren Erfolgstrainer Rehhagel abluchsten.

Ich habe Otto Rehhagel auf den Wechsel zu den Bayern angesprochen, als diese Nachricht in der "Bild"-Zeitung stand. Da hat er nur abgewunken und gesagt: 'Herr Lemke, Sie wissen doch, was dort immer für ein Unsinn berichtet wird.'

Willi Lemke
Willi Lemke im Gespräch mit buten un binnen

Ein Titel zum Abschluss

Rehhagel druckste damals zunächst rum, ehe er doch ging. Bei den Bayern fand er nicht sein Glück. Doch auch bei Werder lief es ohne ihn nicht mehr. "Otto Rehhagel war bei Werder der heimliche Präsident, die Spieler sind für ihn durch das Feuer gegangen", sagt Lemke rückblickend. Als Nachfolger versuchte der Werder-Manager es mit Aad de Mos, Dixie Dörner, Wolfgang Sidka und Felix Magath – mit keinem klappte es. Erst mit Thomas Schaaf gelang ab Mai 1999 der Turnaround. Mit ihm schaffte Werder erst den Klassenerhalt und gewann völlig überraschend wenige Wochen später das Finale im DFB-Pokal gegen die Bayern.

Das war mein letztes Spiel als Manager. Da habe ich die ganze Nacht durchgefeiert und stand dann morgens um 9 Uhr ohne eine Sekunde Schlaf am Bus. Wir haben triumphal die Bayern geschlagen. Für mich war das also ein Abgang zum genau richtigen Zeitpunkt.

Willi Lemke
Willi Lemke im Gespräch mit buten un binnen

Nach dem Fußball folgte die Karriere in der Politik

Bei Lemke hatte sich der Eindruck verfestigt, nochmal etwas anderes machen zu müssen. Zudem hatte Bremens damaliger Bürgermeister Henning Scherf (SPD) bereits bei ihm vorgefühlt. "Willi, willst du eigentlich ewig bei Werder bleiben?", berichtet Lemke, habe Scherf ihn damals gefragt. Wollte er nicht, stattdessen wurde er im Juli 1999 Bildungssenator in Bremen und nach der Wahl 2007 Innensenator. Wenig später ging er zu den Vereinten Nationen, denn UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon machte ihn 2008 zum Sonderberater im Dienste von Frieden und Entwicklung.

Ban Ki-moon spricht in ein Mikro, während Willi Lemke neben ihm steht.
Ban Ki-moon lotste Wille Lemke 2008 zu den Vereinten Nationen. Bild: DPA | Christina Horsten

"Ich habe in meinem Leben unheimlich viel Glück gehabt", resümiert Lemke. Werder blieb er dabei auch nach seiner Zeit als Manager treu und machte im Aufsichtsrat der Bremer weiter. Von 2005 bis 2014 saß er dem Gremium vor, ehe er zurücktrat und Marco Bode den Vorsitz übernahm. 2016 musste er den Aufsichtsrat dann verlassen, denn der Wahlausschuss hatte den seinerzeit 70-Jährigen nicht mehr nominiert. Seitdem hat Lemke kein offizielles Amt bei Werder mehr.

Werders bitterer Absturz macht Lemke "unheimlich traurig"

Vom einstigen Topklub, den Lemke zwischenzeitlich aus den Bremern geformt hatte, ist aktuell nichts mehr übrig geblieben. Mittlerweile ist Werder gar in der 2. Liga gelandet. "Diese Entwicklung macht mich unheimlich traurig", sagt Lemke. "Hoffentlich klappt ein Neustart, aber mit den alten Verantwortlichen wird es nicht mehr gehen." Die Laune will er sich durch die miese Lage bei Werder an seinem Geburtstag aber nicht vermiesen lassen. Stattdessen soll im kleinen familiären Kreis mit den Kindern und Enkelkindern gemütlich gefeiert werden.

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Autor

  • Karsten Lübben Autor

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 19. August 2021, 18:06 Uhr