Interview

Transfermarkt-Experte: "Vereine hoffen auf Schnäppchen bei Werder"

Werders knifflige Lage auf dem Transfermarkt

Video vom 16. Juli 2021
Johannes Eggestein, Maximilian Eggestein und Leonardo Bittencourt laufen über Werders Transfergelände.
Bild: Imago | Nordphoto
Bild: Imago | Nordphoto

Lennart Gens ist Redakteur bei "transfermarkt.de". Im Interview spricht er über die komplizierte Situation der Bremer in der aktuellen Transferphase.

Eine Woche vor dem Saisonstart und rund sechs Wochen vor dem Ende der Wechselperiode ist die Lage für Werder auf dem Transfermarkt kompliziert. Rund 30 Millionen Euro wollen die Bremer durch Verkäufe einnehmen, doch bisher hat nur Milot Rashica den Klub verlassen.

Weitere Verkaufskandidaten wie Ludwig Augustinsson, Leonardo Bittencourt, Maximilian Eggestein oder Joshua Sargent stehen hingegen weiterhin an der Weser unter Vertrag. Wir haben daher mit Lennart Gens vom Portal "transfermarkt.de" gesprochen. Dieses aktualisiert regelmäßig die jeweiligen potenziellen Marktwerte der Fußballprofis. Im Interview spricht Gens über die Ermittlung der gehandelten Summen und Werders derzeitige Situation auf dem Transfermarkt.

Herr Gens, Sie sind Redakteur bei transfermarkt.de. Mithilfe welcher Kriterien ermitteln Sie Ihre jeweiligen Marktwerte für die Spieler?
Vor allem durch eine große Anzahl an Usern, die mitdiskutieren und ihren Teil beitragen können. Unterschieden werden muss allerdings zwischen Marktwert und Ablösesumme, denn bei der Ablösesumme spielen auch Faktoren wie die Vertragslaufzeit oder Marketingaspekte eine Rolle. Bei unseren Marktwerten geht es darum, die Spieler aufgrund ihres Alters und ihrer sportlichen Qualität in ein gewisses Ranking zu setzen.
Lennart Gens schaut in die Kamera.
Lennart Gens ist Redakteur bei "transfermarkt.de". Bild: Radio Bremen
Wie zuverlässig sind diese Marktwerte in Corona-Zeiten?
Im Frühjahr 2020 gab es ein großes Corona-Update. Bei diesem wurden durch die Bank alle Marktwerte einmal abgewertet, weil bereits abzusehen war, dass die Vereine nicht mehr so zahlungskräftig sein werden wie zuvor. Die Erfahrung hat aber gezeigt, dass die Topklubs diese Ablösesummen trotzdem zahlen können. Das sieht man jetzt bei Jadon Sancho (wechselt voraussichtlich für 85 Millionen Euro von Borussia Dortmund zu Manchester United, Anm. d. Red.). Deshalb gab es bei gewissen Spielern auch wieder eine Aufwertung. Unsere aktuellen Marktwerte sind schon fast wieder mit der Situation vor Corona vergleichbar.
Hat Werders Kader durch den Abstieg in die 2. Liga drastisch an Marktwert verloren?
Bei jedem Verein, der absteigt, sind die Marktwerte nicht mehr auf dem Level wie zuvor. Das liegt zum einen daran, dass die Spieler in der Regel zuvor nicht gut performt haben. Gleichzeitig ist jedem Verhandlungspartner bewusst, dass Werder als Zweitligist auf Einnahmen angewiesen ist. Das macht die Verhandlungen nicht leichter. Deshalb verfügt Werder nicht mehr über den gleichen Kaderwert wie vielleicht noch vor zwölf Monaten.
Werder muss noch Spieler abgeben und eigentlich jeder steht zum Verkauf. Welcher Spieler könnte dem Klub am meisten Geld bringen?
Ludwig Augustinsson hat derzeit mit zehn Millionen Euro den höchsten Marktwert. Er ist durch seine Teilnahme an der EM mit Schweden auch nochmal in den Fokus anderer Vereine gerückt. Zudem hat er als Linksverteidiger in den letzten Jahren bewiesen, dass er in den Topligen mithalten kann. Ich bin mir sehr sicher, dass Werder für ihn einen Markt finden wird.

Darüber hinaus sind Maximilian Eggestein und Joshua Sargent zu nennen. Das sind zwei Spieler, die verständlicherweise nicht mit in die 2. Liga gehen wollen. Bei Sargent haben schon einige Vereine wie Borussia Mönchengladbach und Eintracht Frankfurt angeklopft. Das sind Klubs, die um die europäischen Plätze mitspielen. Man kann sich sicher sein, dass Werder für diese drei Spieler Abnehmer finden und eine gewisse Ablösesumme einnehmen wird.
Ludwig Augustinsson bei der EM im Zweikampf mir Spaniens Fernan Torres.
Ludwig Augustinsson (hier im Duell mit Spaniens Fernan Torres) hat für Schweden bei der EM gespielt. Der Linksverteidiger möchte Werder verlassen. Bild: Imago | Bildbryan
Werder hat stets offen bekundet, dass der Klub finanziell sehr klamm ist. Wird das jetzt zum Nachteil in den Verhandlungen?
Bei Vereinen, die aktuell bei Spielern von Werder anfragen, ist die Hoffnung auf ein Schnäppchen immer vorhanden. Ich sehe es auch kritisch, dass Frank Baumann da immer mit offenen Karten spielt und die finanziellen Sorgen so öffentlich beklagt. Dadurch bringt er sich in eine schlechtere Verhandlungsposition. Allerdings hat der Klub durch die Kürzung der Gehälter in der 2. Liga auch einen großen Vorteil. Diese hat Baumann in die Verträge der Spieler schreiben lassen, sodass sich alle Verträge um etwa die Hälfte reduziert haben.

Wenn man Werder mit dem anderen Absteiger Schalke vergleicht, ist der Klub nicht in so einer Drucksituation, die Großverdiener loswerden zu müssen. Schalke hat jetzt Sebastian Rudy und Markus Schubert ablösefrei abgegeben, obwohl sie noch einen gültigen Vertrag hatten. In diese Situation wird Werder voraussichtlich nicht kommen. Deswegen sehe ich Werder zwar in einer schwierigen Verhandlungssituation, aber sie ist nicht so, dass der Klub viele Spieler komplett unter Wert verscherbeln müsste.
Welcher Markt könnte für Werder mit Blick auf potenzielle Neuzugänge interessant sein?
Bei Klubs, die in einer finanziell schwierigen Situation stecken, sind natürlich Leihspieler immer sehr beliebt. Das ist ja auch bei Lars Lukas Mai zu sehen. Das sind Spieler, die sofort weiterhelfen können, letztes Jahr schon in der 2. Liga aktiv waren und keine Ablösesumme kosten.

Markus Anfang hat auch immer wieder betont, wie wichtig ihm die Erfahrung in der 2. Liga ist, da diese, vor allem was die Körperlichkeit angeht, nochmal ein ganz anderes Kaliber als die Bundesliga ist. Auf diesem Markt wird Werder sich wohl weiterhin umschauen. Gerade bei Spielern, die schon vereinslos sind, nur noch eine geringe Restlaufzeit haben oder in ihren Vereinen aktuell keine Aussicht auf Spielzeit haben. Solche Spieler könnten dann für einen geringen Preis zu Werder kommen.
Johannes Eggestein hat seinen Marktwert in Linz wieder gesteigert, wird bei Werder jetzt allerdings wieder schlechtgeredet. Macht sich dies dann letztlich auch wieder bei seinem Marktwert bemerkbar?
Beim Marktwert geht es in der Regel vor allem um die sportliche Qualität. Diese hat Johannes Eggestein in der vergangenen Saison in Österreich unter Beweis gestellt. Dann wird es auch nicht zu sehr seinen Marktwert ändern, wenn ihm von den Bremer Verantwortlichen nicht die Stammplatzgarantie ausgesprochen wird.

Bei Werder leidet Eggestein vor allem unter dem System. Als echter Mittelstürmer hat er, wie im Jahr zuvor, keinen Platz. Und Flügelspieler, die ja unter Markus Anfang gesucht werden, ist auch nicht seine optimale Position. Deshalb wird es da wahrscheinlich auf einen Verkauf hinauslaufen. Schwierig zu sagen, ob er dann an Marktwert einbüßt. Das wird von der Anzahl der Interessenten abhängen. Und letztlich auch davon, wie Baumann sich dann in den Verhandlungen anstellt.
Welche Rolle spielt es jetzt, dass Werder bereits kommende Woche in die Saison startet, der Transfermarkt aber noch sechs Wochen geöffnet ist?
Für Baumann ist das eine extrem schwierige Situation, weil in den Testspielen noch Spieler auf dem Platz stehen, die am Ende der Transferphase wahrscheinlich nicht mehr im Kader stehen werden. Da muss Baumann jetzt aufpassen, dass er einerseits die Verhandlunsposition wahrt und versucht, aus jedem Spieler das Maximale rauszuholen.

Gleichzeitig muss er Anfang aber auch frühzeitig einen Kader zur Verfügung stellen, mit dem er planen kann. Es macht wenig Sinn, jetzt noch über sechs Wochen einen Spieler zu behalten, um am Ende vielleicht eine halbe Million mehr aus ihm rausholen zu können, wenn Anfang dafür nach dem 8. Spieltag noch die halbe Mannschaft umbauen muss. Finanzielle und sportliche Interessen müssen das Gleichgewicht halten.

(Das Interview führte Dino Bernabeo. Aufgeschrieben von Karsten Lübben.)

Welche Spieler bleiben auch in der 2. Liga bei Werder?

Video vom 17. Juni 2021
Die Spieler von Werder Bremen die bei der aktuellen Kaderplanung für die zweite Liga als Verkaufskandidaten gelten.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Dino Bernabeo Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 16. Juli 2021, 18:06 Uhr