Nach dem Abstieg: Kehrt Werder nie wieder in die Bundesliga zurück?

Sportclub Story: "Werder Bremen – Nie mehr erste Liga?"

Video vom 19. November 2021
Niclas Füllkrug und Marvin Ducksch verlassen enttäuscht den Platz des Weser-Stadions.
Bild: Imago | Comsport
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Die Sportclub Story "Werder Bremen - Nie mehr erste Liga?" blickt auf die Gründe für den Absturz und die Perspektive für die Zukunft. Kann die Bundesliga-Rückkehr gelingen?

Marita Hanke kennt Werder in- und auswendig. Seit 27 Jahren arbeitet die 61-Jährige für den Klub. Sie ist in der Presseabteilung die dienstälteste Mitarbeiterin und hat bei den Bremern die großen und erfolgreichen Zeiten miterlebt. Auf dem durch die Stadt fahrenden Truck feierte sie 2004 die Deutsche Meisterschaft, als 100.000 enthusiastische Fans in Bremen dem Werder-Team zujubelten. Die Gegner in der Champions League hießen später FC Barcelona oder Real Madrid. Journalisten aus der ganzen Welt kamen nach Bremen. Doch mittlerweile sind nicht nur die Namen der Kontrahenten bei den Bremern kleiner geworden.

Der Arbeitsstress ist natürlich weniger geworden. Früher waren es täglich vier oder fünf Interviews, die man organisieren musste. Es gab ja nie eine Pause, es war ein Dauerlauf.

Marita Hanke sitzt in den Katakomben des Weser-Stadions und gibt ein Interview.
Marita Hanke, Mitarbeiterin der Presseabteilung von Werder Bremen

Die Zeiten haben sich geändert. Spätestens klar wurde das allen in den stillen Sekunden am 22. Mai. Nach dem Abpfiff des Spiels gegen Borussia Mönchengladbach und dem feststehenden Abstieg aus der Bundesliga nach 40 Jahren hätte man im Weser-Stadion eine Stecknadel fallen hören können

Werder hat sich auf dem Transfermarkt verpokert

Die Gründe für den Gang in die 2. Liga sind mannigfaltig. Noch im Sommer 2019 träumte Werder vom Europapokal. Der Klub verzichtete daher auf hohe Transfereinnahmen für Leistungsträger wie Milot Rashica. Stattdessen lotsten die Verantwortlichen um Sportchef Frank Baumann für hohe Ablösesummen gestandene Bundesliga-Profis an die Weser. Doch durch die Corona-Pandemie ist der Umsatz in nur zwei Jahren um mehr als 40 Millionen von 156,8 auf 113,6 Millionen gesunken. In der Saison des Abstiegs gingen allein für die Gehälter 70 Prozent der Einnahmen drauf. Eine Personalaufwandsquote, die der Wirtschaftswissenschaftler Hennig Zülch als "nicht wettbewerbsfähig" bezeichnet.

Sportlich erfüllte das Bremer Team nicht ansatzweise die hohen Erwartungen. Nachdem der Abstieg 2020 kurz vor knapp in der Relegation abgewendet werden konnte, erwischte es Werder dann im vergangenen Mai. Jetzt spielen die Bremer in einer Liga mit Teams wie Erzgebirge Aue und dem SV Sandhausen.

Wird Werder zur grauen Maus?

Dem großen Namen des Klubs wird dies nicht mehr gerecht. "Die Erwartungshaltung, mit der Werder immer konfrontiert ist, ist die Zeit um 2004", sagt Axel Hellmann, Vorstandssprecher von Eintracht Frankfurt. "Aber Werder Bremen kämpft heute als Klub in einer strukturschwachen Region um einen Mittelfeld-Platz. Um das Etablieren in der Bundesliga. Das ist die Rolle." Er glaubt, dass die Bremer genauso wenig jemals wieder um die Deutsche Meisterschaft spielen werden wie seine Frankfurter. Auf Werders Geschäftsstelle spricht ohnehin schon lange niemand mehr von der Meisterschale. Vielmehr machten sich die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach dem feststehenden Abstieg Sorgen um ihre persönliche Zukunft.

Es ist halt nicht nur ein Fußballklub oder man ist da nicht nur Fan. Hier hängen ja Existenzen dran. Wir sind knapp 200 Mitarbeiter und dafür arbeiten wir. Das ist unsere Arbeitsgrundlage, unsere Lebensgrundlage. Da hat man schon Ängste: Was passiert jetzt? Und wie geht es weiter?

Marita Hanke sitzt in den Katakomben des Weser-Stadions und gibt ein Interview.
Marita Hanke, Mitarbeiterin der Presseabteilung von Werder Bremen

Die Liebe der Fans bleibt

Tief getroffen hat der Absturz in die Zweitklassigkeit auch die Bremer Anhänger. Früher wurde nach einer Saison vor dem Rathausbalkon regelmäßig ein Titelgewinn gefeiert. Dieses Mal musste nach dem 34. Spieltag der Frust vor dem Weser-Stadion raus. Die Anhänger forderten personelle Konsequenzen, doch Baumann und Vorstand blieben. Änderungen gab es mittlerweile zumindest im Aufsichtsrat, dem nun vier neue Mitglieder angehören. Finanziell drohte nach dem Abstieg gar die Insolvenz. Mit einer Anleihe besorgten sich die Bremer am Kapitalmarkt 18 Millionen Euro und verschafften sich damit erstmal etwas Luft.

Sportlich läuft es auch in der 2. Liga bisher nur mäßig, doch einen nachhaltigen Keil zwischen Fans und Klub hat der Abstieg nicht getrieben. Beim Heimspiel gegen den FC St. Pauli war das Stadion erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie unter 2G-Bedingungen wieder ausverkauft. Der Zuspruch ist ungebrochen. Daran würde laut Duduhan Dogru, die vor zehn Jahren das Werder-Forum "Worum" ins Leben gerufen hat, auch ein weiterer sportlicher Niedergang nichts ändern.

Ich glaube, die Leute würden auch in der 3. Liga noch zu Werder gehen. Auch wenn sie genervt wären. Ich glaube, da ist Werder immer so ein bisschen wie der nervige Onkel auf der Familienfeier. Er ist da, nervt zwar manchmal ein bisschen, aber wenn er nicht da wäre, dann würde auch irgendwas fehlen.

Duduhan Dogru schaut während des Interviews im Weser-Stadion in die Kamera.
Duduhan Dogru, Mitgründerin des Werder-Forums "Worum"

Für Coach Anfang war Werder eine "große Chance"

Von der 3. Liga will in Bremen natürlich keiner etwas wissen. Die Fans wollen so schnell wie möglich zurück in die Bundesliga. Im Sommer kam daher mit Markus Anfang ein neuer Coach, der 2. Liga bereits kannte und in dieser mit Holstein Kiel, dem 1. FC Köln und Darmstadt 98 bereits erfolgreich war. Werder begriff er als "große Chance, um mit einem großen Verein gerade in der jetzigen Situation etwas Neues aufzubauen.

Doch die Zeit mit Anfang endete in einem Fiasko. Der 47-Jährige trag am Wochenende zurück, weil die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt. Der Vorwurf: Anfang soll sein Impfzertifikat gefälscht haben. Dieses hat er mittlerweile ausgehändigt, nachdem gegen ihn ein Durchsuchungsbeschluss erlassen worden war. Jetzt müssen die Bremer sich einen Cheftrainer suchen.

Gelingt die Rückkehr in die Bundesliga?

Das Wort "Wiederaufstieg" wird bei Werder weiterhin tunlichst vermieden. Anfang sprach stets vom "Wiederaufbau". Auch er wollte unbedingt nach oben, betonte er. "Alles oder nichts" war für ihn aber keine Alternative.

Doch befinden sich die Bremer aktuell auf dem richtigen Weg, wenn sie beim Thema "Wiederaufstieg so defensiv sind? Daran glaubt nicht jeder. Auch Willi Lemke hat seine Zweifel. Mit ihm als Manager haben die Bremer zwischen 1981 und 1999 sechs Titel gewonnen. Von 2005 bis 2016 war er zudem Mitglied des Aufsichtsrates, dem er neun Jahre vorsaß. Seiner Auffassung nach müsste Werder den Wiederaufstieg mit mehr Verve angehen. Auch nach dem Abstieg sei die Lage schlechter geredet worden, als sie tatsächlich war.

Wir lagen nicht in Ruinen. Es ist nicht klug, wenn du den Angestellten sagst: 'Aufbauen!' Das ist gut für die Verantwortlichen, weil es nimmt den Druck. Wenn ich aber den Spielern und der Mannschaft das verinnerliche, dass es nicht so schlimm ist, wenn wir dieses Jahr nicht aufsteigen, dann ist das absolut falsch.

Werder Lemke schaut in die Kamera.
Willi Lemke, Ex-Manager und Ex-Aufsichtsratschef von Werder

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Autoren

  • Jan-Dirk Bruns Redakteur und und Autor
  • Yannick Lowin Redakteur und Autor
  • Karsten Lübben Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: Radio Bremen Fernsehen, Sportclub Story, 21. November 2021, 23:35 Uhr