Sexualisierte Gewalt in Werders Ostkurve – kaum Hilfe für Betroffene?

Bild: Imago | Nordphoto

Anke P. ist Werder-Fan und berichtet davon, schon mehrfach im Weser-Stadion Opfer von sexualisierter Gewalt geworden zu sein. Der Klub wirkt diesbezüglich ratlos.

An den 15. Mai denken viele Werder-Fans liebend gerne zurück. Nach dem 2:0-Sieg gegen Jahn Regensburg stieg im und am Stadion die große Aufstiegsparty. Endlich gab es in Bremen mal wieder etwas zu feiern. Bei Anke P. (Name durch die Redaktion geändert) ist das anders. Sie ist Ende 20 und war im Stadion in der Ostkurve dabei, doch die Party wurde ihr versaut. "Ich gehe schon wirklich lange zu Werder und stehe jedes Mal in der Ostkurve", erzählt sie im Gespräch mit dem Sportblitz. "Leider hat sich die Situation in den letzten Jahren zum Unschönen verändert."

Was Anke P. damit meint, sind sexuelle Übergriffe. Schon zuvor sei es häufig so gewesen, dass Männer sie auf dem Weg zur Toilette oder zum Getränkestand im Gedränge bewusst angefasst oder dies versucht hätten.

Dann kommt es dazu, dass fremde Hände sich an deinen Brüsten oder deinem Arsch reiben. Oder dass Männer ihren Penis an dich drücken.

Anke P. im Gespräch mit dem Sportblitz

Wüste Beschimpfungen gegen Regensburg

Besonders schlimm sei es bei Spielen, in denen die Emotionen überschwappen. So auch im Aufstiegsfinale gegen Regensburg. Dort, berichtet Anke P., wollte sie sich während des Spiels vom Getränkestand Wasser holen. Auf dem Rückweg sei sie auf der Treppe dann an einem Mann vorbeigegangen, der wenig älter als sie gewesen sei. Dieser habe sich zunächst darüber beschwert, dass sie nun vorbeigehen wolle. Daraufhin habe sie zunächst versucht, ihn zu beschwichtigen. Schließlich habe sie lediglich zurück zu ihren Leuten gewollt, um mit diesen weiterhin das Spiel zu verfolgen. Wie sie erzählt, seien daraufhin verbale Beleidigungen erfolgt, die ihr die Sprache verschlagen hätten.

Es ging los mit 'Du Fotze, was willst du eigentlich hier?! Warum guckst du Fußball?! Raus aus der Kurve!'

Anke P. im Gespräch mit dem Sportblitz

In der Folge habe der männliche Werder-Fan gesagt, dass sie ihm gegenüber keinen Respekt zeige und er ihr gegenüber auch kein Respekt erweise. "Das", so Anke P., "war etwas ganz Neues, mit dem ich gar nicht umzugehen wusste." Sie sei daher einfach weggegangen, zurück zu ihrer Gruppe.

Ist "Kennst du Mika?" im Weser-Stadion keine Hilfe?

Der Sportblitz hat Werders Geschäftsführer Hubertus Hess-Grunewald mit diesen Vorfällen konfrontiert. Ihm, betont er, ist bekannt, dass es zu solchen Übergriffen kommt. Nicht nur in der Ostkurve, sondern im gesamten Stadion. Er verweist dabei auf die "Kennst du Mika?"-Aktion. Dies ist der Code, mit dem sich Betroffene an Ordnungskräfte wenden können, um auf die Belästigung aufmerksam zu machen.

"Kennst du Mika?" klinge zwar auf dem Papier gut, sagt Anke. P., doch sie würde sich eine Lösung wünschen, die auch in der Praxis taugt. Sie habe den Vorfall gegen Regensburg nicht gemeldet, da die Mitarbeitenden des Sicherheistdienstes zu weit entfernt gestanden hätten. Früher sei solch einer alle zehn Meter zu finden gewesen, doch dies habe sich geändert. Sie würde sich wünschen, dass die Security die Treppen freihalten, weil auf dieser nahezu alle derartige Vorfälle stattfänden.

Ist "Kennst du Mika?" bei der Security kaum bekannt?

Hess-Grunewald erklärt, dass die über "Kennst du Mika?" gemeldeten Vorfälle sehr gering seien und unter fünf liegen. Die Aktion müsse noch stärker kommuniziert werden und sie müsse noch mehr Vertrauen erzeugen. Zugleich sei die Höhe der Hemmschwelle, auf diese Hilfe zurückzugreifen, bei betroffenen Person unterschiedlich groß. Falls diese das Gefühl hätten, dass niemand für sie ansprechbar sei, müsse Werder sich damit "sehr ernsthaft auseinandersetzen".

Darüber hinaus müsse selbstkritisch auch eingeräumt werden, dass Testungen gezeigt hätten, dass nicht alle Ordnungskräfte mit "Kennst du Mika?" etwas hätten anfangen können. Hess-Grunewald setzt dabei auch auf mehr Zivilcourage und wünscht sich einen respektvolleren Umgang mit Frauen. Anke P. hofft, dass es unter den Werder-Fans zu einem Wandel kommt und die Übergriffe gegen Frauen schnellstmöglich der Vergangenheit angehören. Denn eine mögliche Verfolgung der Täter würde das Leid der Betroffenen auch nicht ungeschehen machen.

Das ändert nichts an unseren Gefühlen, die wir haben. Dass wir uns machtlos und ekelig fühlen, wenn es passiert ist. Kein 'Mika' oder sonstwas in der Welt nimmt dir das Gefühl.

Anke P. im Gespräch mit dem Sportblitz

Autoren

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 30. Mai 2022, 18:06 Uhr