Kommentar

Zeit für Realismus: Werder hätte den Abstieg verdient

Trotz des Klassenerhalts war das Festhalten an Florian Kohfeldt ein Fehler, meint Redakteur Karsten Lübben. Um nicht wie der HSV zu enden, brauche der Klub Veränderungen.

Frank Baumann und Florian Kohfeldt (Montage)
Sportchef Frank Baumann (links) und Coach Florian Kohfeldt haben mit Werder den Klassenerhalt geschafft. Trotzdem liegt hinter den Bremern eine Saison voller Enttäuschungen. Bild: gumzmedia/nordphoto/POOL | Andreas Gumz

Lange haben die Werder-Fans über den HSV gelacht. Der Nordrivale hangelte sich in der Bundesliga einst von Abstiegskampf zu Abstiegskampf und musste gleich zweimal in der Relegation bibbern. Am Montagabend machten dies jetzt auch die Bremer durch. Bis in die Nachspielzeit hatten die Heidenheimer Werder am Rande des Abstiegs. Am Ende hat es – mit Ach und Krach – gereicht. Exakt so ging es auch beim HSV los, der aus den knappen Rettungen aber die falschen Schlüsse zog und am Ende doch abstieg. Wie wird es jetzt bei Werder laufen?

Wer den Worten von Frank Baumann nach dem Spiel lauschte, sollte nicht allzu viel Hoffnung auf Besserung besitzen. Der Bremer Sportchef sprach Coach Florian Kohfeldt weiterhin sein Vertrauen aus. "Florian hat gezeigt, dass er auch solche Situationen meistern kann", sagte Baumann nach dem Spiel. Auch ein gehöriger Schuss Genugtuung schwang in diesen Worten mit. Was Baumann im Überschwang der Freude vergaß: Die Bremer verdanken ihren Klassenerhalt vor allem der Dusseligkeit von Fortuna Düsseldorf. Gleich zwei Matchbälle ließen die Düsseldorfer an den letzten beiden Spieltagen gegen den FC Augsburg und Union Berlin liegen. Ansonsten dürfte Werder längst für die 2. Liga planen. Zuvor spielte zudem bereits die Corona-Pause den taumelnden Bremern erheblich in die Karten. Bei aller Freude über den Klassenerhalt sollten die Bremer in den Tagen danach also Realismus walten lassen.

Das Festhalten an Kohfeldt war ein Fehler

Abzuwarten bleibt, ob aus der für die kommenden Tage angekündigten Analyse die richtigen Schlüsse gezogen werden. Den Fast-Abstieg als unglücklichen Betriebsunfall abzuhaken, das würde deutlich zu kurz greifen. Genauso wie das Festhalten an Coach Kohfeldt aufgrund des Klassenerhalts als richtige Entscheidung zu verbuchen. Wer bereits im Dezember beim 0:5 gegen Mainz 05 einen fußballerischen Offenbarungseid bot und in der Relegation bis zur letzten Sekunde zittern musste, sollte selbstkritisch mit sich umgehen. Die Treue zu Kohfeldt war trotz des Verbleibs in der Bundesliga ein Fehler. Ein Fehler, mit dem Baumann den Klub fahrlässig fast in die 2. Liga geschickt hätte. Letztlich haben die Bremer in dieser Saison um den Abstieg gebettelt. Und am Ende hätten sie den Abstieg auch verdient gehabt. Werder bleibt Bundesligist, spielt aber nicht erstklassig.

Das Geschenk des Klassenerhalts sollten die Bremer daher mit Demut annehmen. Und sie sollten sich hinterfragen, wie überhaupt ihre Vision für Werder ausschaut? Baumanns Transferpolitik war zuletzt so katastrophal wie einfallslos. Mit Leonardo Bittencourt, Ömer Toprak und Davie Selke setzte Werder vor allem auf Spieler, die bei ihrem Ex-Klubs nicht ohne Grund auf dem Abstellgleis gelandet sind. In diesem Bereich braucht Werder deutlich mehr Kreativität, um den Klub nachhaltig durch Transfergewinne weiterentwickeln zu können. Und so simpel es klingt, aber: Wer weniger Verletzungen möchte, sollte eben weniger verletzungsanfällige Spieler wie Niclas Füllkrug oder Toprak verpflichten.

Werder benötigt eine Streitkultur

Veränderungen muss es in Bremen auch neben dem Platz geben. Nach dem Klassenerhalt sollte die Ägide von Baumann und Kohfeldt beendet werden. Doch Werder benötigt nicht nur einen Personal- sondern auch einen Paradigmenwechsel, denn das Konzept der "Werder-Familie“ ist längst nicht mehr zeitgemäß und lähmt den Klub. Von externer Kompetenz und einer echten Streitkultur würden die Bremer erheblich profitieren. Reibung erzeugt schließlich Energie. Und diese wird Werder dringend brauchen, um in den kommenden Jahren nicht doch noch wie der HSV in der 2. Liga zu landen.

Bremen feiert Werder – ausgelassen und ohne Abstand

Video vom 7. Juli 2020
Werder-Fans feiern ausgelassen im Viertel den Klassenerhalt.
Bild: DPA | Sina Schuldt

Mehr zum Thema:

Autor

  • Karsten Lübben

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 7. Juli 2020, 18:06 Uhr