Interview

Bremer Torwart-Legende Reck: "Geisterspiele wären für Werder fatal"

13 Jahre, fünf Titel: Mit buten un binnen spricht Oliver Reck über glorreiche Zeiten in Bremen und die aktuelle Situation. Und verrät, dass er im Sommer fast zu Werder zurückgekehrt wäre.

Oliver Reck jubelt im Werder-Trikot.
Oliver Reck spielte von 1988 bis 1998 für Werder. Mit den Bremern gewann er zweimal die Deutsche Meisterschaft, zweimal den DFB-Pokal und einmal den Europapokal der Pokalsieger. Bild: Imago | Schumann
Herr Reck, als Trainer des Regionalligisten SSV Jeddeloh II müssen auch Sie aktuell aufgrund der Corona-Pause aussetzen. Wie sehr fehlt Ihnen der Fußball am Wochenende?
Natürlich fehlt uns allen etwas. Zur Sicherheit aller Menschen, vor allem der älteren mit Vorerkrankungen, müssen wir uns im Moment aber alle zurücknehmen. Wenn wir uns die Entwicklung in den letzten Tagen in einigen anderen Ländern ansehen, sind die Vorsichtsmaßnahmen wohl absolut richtig.
Werder verbringt die Corona-Pause als Tabellensiebzehnter, steckt tief im Abstiegskampf. Hatten Sie vor der Saison erwartet, dass die Bremer so abstürzen?
Gehofft haben wir alle auf viel, viel mehr. Nur müssen wir auch bedenken, dass Werder in den letzten fünf Jahren viermal gegen den Abstieg gespielt hat. Deshalb ist es nicht ganz überraschend, was passiert ist.
Trainer Florian Kohfeldt und Sportchef Frank Baumann führen vor allem die Verletztenmisere als Grund für die schwache Saison an. Machen sie es sich damit nicht zu einfach?
Das ist schon ein wichtiger Grund gewesen. Gerade in der Defensive haben ganz, ganz wichtige Spieler über einen längeren Zeitraum gefehlt. Zudem konnte der Klub Max Kruse nicht Eins-zu-Eins ersetzen. Der war oft maßgeblich am 1:0 beteiligt, weil er es selbst geschossen oder vorbereitet hat. Dieser Spieler fehlt an allen Ecken und Kanten.
Max Kruse jubelt mit seinen Teamkollegen von Fenerbahce Istanbul.
Schmerzlich vermisst: Max Kruse (rechts) spielt seit dieser Saison für Fenerbahce Istanbul. "Ein Spieler wie er war für Werder schon etwas Außergewöhnliches", sagt Oliver Reck. Bild: Imago | Seskim Photo
Hat Werder Kruses Abgang unterschätzt?
Man wird alles probiert haben, doch Max hatte eben ein gutes Angebot aus der Türkei. So ein Spieler ist aber nicht so leicht zu ersetzen. Mit Leonardo Bittencourt hat der Klub versucht, das Loch zu schließen, aber das geht nicht. Ein Spieler wie Max Kruse war für Werder schon etwas Außergewöhnliches. Das muss man ganz klar so sagen.
War das Ziel "Europa" nach Kruses Abgang zu ambitioniert?
Nein, letztes Jahr gab es ja lange Zeit eine gute Chance, nach Europa zu kommen. Das wollte der Klub bestätigen, und das ist ja auch der richtige Ansatz. Es hapert aber an der Umsetzung. Jetzt geht es für Werder nur noch darum, in dieser Liga zu bleiben. Und ich sage, dass das nur noch über die Relegation gehen wird.
Im Kampf um Rang 16 ist Fortuna Düsseldorf Werders größter Konkurrent. Was spricht in diesem Zweikampf für die Bremer?
In den letzten Jahren standen die Fans und die Stadt immer hinter diesem Klub, wenn es kritisch war. Das ist ein Pluspunkt, der das Zünglein an der Waage sein kann. Vorher muss die Leistung auf dem Platz stimmen. Die Mannschaft muss das Publikum wieder mitnehmen. Dann haben sie eine große Chance. Das Publikum ist für Werder ein großes Faustpfand.
Die Saison dürfte allerdings wohl nur noch mit Geisterspielen zu Ende gespielt werden. Ist Werder dann besonders benachteiligt?
Geisterspiele wären für Werder fatal. Die Welt befindet sich im Moment aber in so einer kritischen Situation, dass wir alle froh sein können, wenn überhaupt wieder Fußball gespielt werden kann.
Jiri Pavlenka schaut verschreckt auf den sich nähernden Ball.
Bei Werder-Torwart Jiri Pavlenka vermisst Oliver Reck in dieser Saison die Konstanz. Bild: Imago | ULMER Pressebildagentur
Torwart Jiri Pavlenka hat vor allem in der Hinrunde einige Schwächen gezeigt. Wie sehen Sie als ehemaliger Keeper seine Leistungen?
In der vergangenen Saison war er überragend. Da stand er wohl auch bei dem ein oder anderen Klub aus England auf der Liste. In diesem Jahr sieht man allerdings, was Konstanz bedeutet. Konstante Leistungen über einen langen Zeitraum sind unheimlich schwierig. Als Torwart musst du immer sehen, dass die Waage für dich in die richtige Richtung ausschlägt. Aber das ist mit viel Arbeit verbunden.
Pavlenka wird im Sommer 28 Jahre alt. Müsste er dann Bremen nicht verlassen, um noch international Karriere zu machen?
Er ist dann zumindest im optimalen Torwartalter und kann noch einige Jahre auf ganz hohem Niveau spielen. Mit 28 habe ich mich gefühlt wie mit 18 (lacht).
Sie spielten von 1985 bis 1998 bei Werder. Weshalb haben Sie sich an der Weser so wohlgefühlt?
Weil wir nie gegen den Abstieg, sondern um die Titel gespielt haben (lacht). Mit Otto Rehhagel hatten wir einen Trainer, der uns als Mannschaft immer wieder motiviert und auf die Spiele eingestellt hat wie kein anderer. Da war Otto sensationell.
Oliver Reck und Otto Rehhahel fallen sich nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft 1993 in die Arme.
Auf seinen ehemaligen Trainer Otto Rehhagel hält Oliver Reck große Stücke. Hier fallen sich beide 1993 nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft in die Arme. Bild: Imago | Pressefoto Baumann
Sie gewannen mit Werder zweimal die Meisterschaft, zweimal den DFB-Pokal und einmal den Europapokal. Welcher Titel hat Ihnen am meisten bedeutet?
Die Deutschen Meisterschaften. Das ist die Arbeit eines ganzen Jahres. Als Spieler und Trainer durfte ich gleich achtmal am Pokalfinale in Berlin teilnehmen. Das ist auch immer außergewöhnlich. Im Europapokalfinale 1992 durfte ich leider nicht spielen, weil ich mich im Halbfinale geopfert habe und gesperrt war. Das Finale in Lissabon gegen den AS Monaco war damals ein richtig undankbares Spiel. Das Stadion war riesig, aber es waren vielleicht 20.000 Zuschauer da. Die Stimmung war katastrophal, aber trotzdem haben wir es mit Typen wie Wynton Rufer oder Klaus Allofs geschafft. Es war enorm, was Rehhagel für ein Auge für die richtigen Spieler hatte.
Uli Borowka, Oliver Reck, Johnny Otten und Günther Hermann (von links) kürzen nach dem Europapokalsieg 1992 ihrem Mitspieler Manfred Bockenfeld die Haare ab.
Schnipp, schnapp: Uli Borowka, Oliver Reck, Johnny Otten und Günther Hermann (von links) kürzen nach dem Europapokalsieg 1992 ihrem Mitspieler Manfred Bockenfeld die Haare. Bild: Imago | Schumann
Die Stimmung nach dem Pokalsieg war aber wohl alles andere als katastrophal. Auch die ein oder andere Glatze wurde geschoren.
Ja, von dieser Party erzählen wir heute noch (lacht). Unser Hotel war etwas außerhalb von Lissabon, direkt am Meer. Dieses Hotel muss etwas an sich haben. Als Rehhagel 2004 mit Griechenland in Portugal Europameister geworden ist, war er auch dort. Wir haben dort legendär gefeiert. Die Haare wurden aber erst ein paar Tage später rasiert. Am letzten Spieltag haben wir Eintracht Frankfurt ja noch die Meisterschaft verhagelt. Das wollten wir eigentlich gar nicht, wir waren ja alle noch ein wenig lädiert (lacht).
Sie haben zahlreiche Titel gewonnen und standen im Kader der Nationalmannschaft. Trotzdem begleitete Sie stets der Spitzname "Pannen-Olli". Hat Sie das geärgert?
Ich habe nie bei Bayern München gespielt, aber trotzdem neun Titel gewonnen. Mit 18 habe ich mein erstes Spiel in der Bundesliga gemacht und mit 37 mein letztes. Ohne Fehler funktioniert es in so einer langen Zeit nicht. Ich habe mir alles hart erarbeitet und sicherlich vieles richtig gemacht in meiner Karriere.
1998 wechselten Sie zu Schalke 04. War auch das eine richtige Entscheidung?
Schalkes Manager Rudi Assauer hat mich damals überzeugt, nachdem Jens Lehmann zum AC Mailand gewechselt ist. Rehhagel war ja auch nicht mehr in Bremen. Danach war es nicht mehr so wie vorher. Die Zeiten hatten sich ein wenig geändert. Deswegen wollte ich die Chance bei Schalke nutzen. Das habe ich nicht bereut. Als Spieler und Trainer war ich ja insgesamt zwölf Jahre in Gelsenkirchen. Zum Beispiel unter einem Trainer wie Jupp Heynckes zu arbeiten, war für mich sehr lehrreich.
Als Spieler trugen Sie das Trikot von Kickers Offenbach, Werder und Schalke. In Offenbach und auf Schalke haben Sie bereits als Trainer gearbeitet. Ist auch eine Rückkehr zu Werder – in welcher Form auch immer – vorstellbar?
Wenn ich ganz ehrlich bin: Im vergangenen Sommer wäre ich fast zu Werder zurückgekehrt. In welcher Funktion bleibt aber mein Geheimnis. Ich habe immer noch viele Kontakte zu Werder und bin gerne im Stadion. Ich habe den Klub immer im Blick und kenne noch viele Leute im Verein. An höchster Stelle natürlich Marco Bode. Den haben wir damals als jungen Spieler in die Mannschaft integriert, heute ist er der Chef vom Aufsichtsrat. Man sieht also, wie lange ich mit Werder schon verbunden bin.

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Video vom 8. Januar 2020
Otto Rehagel in den 90er Jahren bei einem Hallenturnier mit Werder Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Karsten Lübben

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 9. April 2020, 23:30 Uhr