Interview

Sportpsychologe sicher: "Werder kann mit der Drucksituation umgehen"

In der Relegation gegen Heidenheim wird es bei den Bremern auch auf stabile Nerven ankommen. Fabian Pels von der Deutschen Sporthochschule in Köln sieht Werder da im Vorteil.

Yuya Osaki schreit seine Freude heraus.
Yuya Osako erzielte beim 6:1-Sieg gegen den 1. FC Köln zwei Treffer. Bild: Imago | Joachim Sielski/Sielski-Press/Pool/Sielski
Herr Pels, die Bremer Spieler könnten mit dem Klub zum ersten Mal seit 40 Jahren wieder aus der Bundesliga absteigen. Für die Heidenheimer hingegen sind die Duelle in der Relegation die wohl bisher größten Spiele in ihrer Karriere. Wer geht mit mehr Druck in die beiden Partien?
Es ist schwer, das gegeneinander aufzuwiegen. Auf der einen Seite hat der Erstligist etwas zu verlieren. Auf der anderen Seite hat der Zweitligist etwas zu gewinnen. Dadurch könnte man sagen, dass die Heidenheimer einen Vorteil haben. Werder hat in den vergangenen Wochen aber gezeigt, dass es mit dieser Drucksituation umgehen kann. Insbesondere am letzten Spieltag gegen Köln war die Mannschaft da, als es darauf ankam. Auch in den Wochen zuvor haben sie einen Punkterückstand Stück für Stück aufgeholt. Darum würde ich in dieser aktuellen Situation leichte Vorteile für Werder sehen.
Dr. Fabian Pels von der Deutschen Sporthochschule in Köln
Dr. Fabian Pels arbeitet am Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule in Köln. Bild: Deutsche Sporthochschule
Werder hat am Wochenende 6:1 gewonnen, Heidenheim 0:3 in Bielefeld verloren. Sagt das etwas über das Spiel am Donnerstagabend aus?
Vergangene Ereignisse beeinflussen die eigene Grundhaltung, mit der man an Spiele herangeht. In der Psychologie sprechen wir da von der "Selbstwirksamkeitserwartung". Das ist das Gefühl, aufkommenden Herausforderungen gewachsen zu sein und sie meistern zu können. Und unsere Selbstwirksamkeitserwartung hängt maßgeblich auch mit vergangenen Erfahrungen zusammen. Die Bremer haben gezeigt, dass sie in Drucksituationen da sind. Heidenheim hat es am letzten Spieltag nicht gezeigt. Und dies, obwohl es auch für die Heidenheimer am letzten Spieltag gegen eine Mannschaft ging, für die es um nichts mehr ging. Sie haben es nur in die Relegation geschafft, weil der HSV parallel auch verloren hat. Deshalb gehe ich davon aus, dass dieses Grundgefühl bei Werder stärker ist als bei den Heidenheimern.
Werder war vor dem letzten Spieltag totgesagt, hat es jetzt aber wieder in der eigenen Hand. Gibt das einen Push?
Absolut, das ist eine positive Erfahrung. Die Spieler wissen, wie es sich vor dem Spiel gegen Köln angefühlt hat. Sie waren aufgeregt und haben sich einen Plan zurechtgelegt – und dieser Plan hat funktioniert. Jetzt sind sie wieder in einer Drucksituation. "Wir stehen immer noch mit dem Rücken zur Wand", hat Florian Kohfeldt am Mittwoch ganz schön gesagt. Ja, genau so ist es. Aber sie standen auch gegen Köln mit dem Rücken zur Wand und wissen, wie es sich anfühlt, wenn man da rauskommt. Sie kennen das positive Gefühl des Sieges und den Jubel. Das wirkt motivierend und energetisierend.
Bei den Werder-Fans macht sich gegen Heidenheim kaum einer Sorgen um den Klassenerhalt. Kann der kleine Name des Klubs trügerisch sein?
Bei den Fans mag das so sein, aber ich bin fest davon überzeugt, dass Mannschaft und Trainerteam den Gegner nicht unterschätzen werden. Dafür hat Werder in dieser Saison zu viel mitgemacht. Und dafür ist Kohfeldt auch Realist genug. Er wird die Mannschaft angemessen auf die Aufgabe vorbereiten.
Wäre der HSV aufgrund des großen Namens und der Brisanz des Nordderbys nicht dennoch der bessere Gegner gewesen?
Das hätte nochmal eine neue Komponente eingebracht. Ob diese jetzt leistungsförderlich oder leistungshemmend wäre, ist schwierig zu sagen. Förderlich hätte es sein können, indem es vielleicht nochmal ein Prozent mehr herauskitzelt. Das Ganze hätte aber auch hemmend sein können, weil man weiß, dass durch die Rivalität auch das Prestige zu verlieren ist.
Werder-Stürmer Niclas Füllkrug hat bereits zweimal die Relegation gespielt und ist zweimal gescheitert. Geht er mit einem psychologischen Nachteil in die beiden Spiele?
Das hängt sehr von der individuellen Bewertung des Spielers ab. Generell ist es so, dass Stresssituationen sehr davon abhängen, wie wir sie beurteilen. Manche würden diese Situation vielleicht als Herausforderung betrachten. Sie sagen sich, dass sie sich selbst etwas beweisen und es jetzt wirklich mal schaffen wollen. Andere Spieler nehmen es eher als eine Bedrohung wahr und denken sich: „Nein, nicht schon wieder!“ Sie achten mehr auf die potenziell negativen Konsequenzen, als sich darauf zu konzentrieren, was nötig wäre, um das positive Ziel zu erreichen. Wie es bei Füllkrug ausschaut, ist Spekulation. Wie ich ihn einschätze, wird es aber eher so sein, dass er es als positive Herausforderung wahrnimmt.

So angespannt ist Werder vor der Relegation gegen Heidenheim

Video vom 1. Juli 2020
Eine Werder Bremen Fahne, die an einem Balkon aufgespannt wurde.
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Karsten Lübben Autor

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 2. Juli 2020, 18:06 Uhr