Interview

Ex-Präsident Fischer: "Kurvenheld? Da muss sich Werder entschuldigen"

An der Klub-Aktion und einigen Verantwortlichen übt Werders Ex-Präsident Klaus-Dieter Fischer Kritik. Das Festhalten an Coach Kohfeldt und Sportchef Baumann findet er richtig.

Video vom 13. Juli 2020
Klaus-Dieter Fischer im Sportblitz-Interview
Bild: Radio Bremen

Klaus-Dieter Fischer kennt sich bestens aus bei Werder. Der 79-Jährige war von 2003 bis 2014 Präsident bei den Grün-Weißen und wurde im November 2014 zum Ehrenpräsidenten ernannt. Natürlich hat auch Fischer am Freitag die große Pressekonferenz der Bremer zur Saisonanalyse verfolgt. Das Festhalten an Coach Florian Kohfeldt und Sportchef Frank Baumann findet er richtig. Weniger glücklich sieht er die Rolle von Präsident Hubertus Hess-Grunewald und Finanzchef Klaus Filbry.

Herr Fischer, hat Werder die Chance auf einen Neuanfang vertan?
Ich glaube, es wäre zu brutal, das so zu formulieren. Aber die Pressekonferenz war viel zu wenig empathisch, um auch bei Fans, Mitgliedern und Mitarbeitern eine Aufbruchstimmung zu erzeugen.
Florian Kohfeldt bleibt Werder-Coach. Geht er aus dieser historisch schlechten Saison wirklich gestärkt hervor?
Es ist immer die Frage, ob man aus einer schlechten Saison gestärkt hervorgehen kann. Ich glaube, so wie die sportliche Leitung diese Saison aufgearbeitet hat, zeigt, dass er gemeinsam mit Frank Baumann der richtige für Werder ist. Sie haben die Fehler weitestgehend analysiert. Florian Kohfeldt hat sich in seinem Statement nicht auf die Verletztenmisere zurückgezogen. Er hat selber gesagt, dass er die Spieler teilweise überfordert hat. Das heißt also, dass die Belastungssteuerung nicht richtig funktioniert hat, weil auch im medizinischen Bereich ein sehr starker Wechsel stattgefunden hat. Während der Corona-Krise ist es dann wesentlich besser geworden, weil daraus die richtigen Lehren gezogen worden sind.
Kohfeldt ist der richtige Trainer, sagen Sie. Was ist denn, wenn er in die kommende Saison startet und die ersten fünf Spiele nicht gewinnt?
Wenn man auf einen Trainer setzt, muss man das auch durchhalten. Dann muss es schon ganz brutal negativ laufen. Ich denke, wenn es wieder so negativ laufen sollte wie in dieser Saison, muss man über einen Trainerwechsel nachdenken. Aber nicht schon in dieser Situation jetzt.
Sportchef Frank Baumann gibt selbst zu, dass er nicht die Aufbruchstimmung versprüht. Ist er trotzdem der richtige Mann?
Ja, Frank Baumann ist in dieser Kombination mit Marco Bode (Aufsichtstratschef, Anm. d. Red.) und Florian Kohfeldt der richtige, weil er auch Fantasien zulässt für ein Team, das in die Zukunft weist.
Max Kruse konnte Baumann nicht halten. Soll er ihn jetzt wiederholen?
Ich bin ein Fan von Max Kruse, weil er auch zu meiner Zeit aus Hamburg zu Werder geholt worden ist. Ich hatte immer einen guten Kontakt zu ihm. Ich glaube, er würde der Mannschaft guttun, aber das ist natürlich auch eine Frage der Finanzen.
Hubertus Hess-Grunewald als Ihr Nachfolger hat am Freitag gesagt, dass Werder die "Kurvenheld"-Aktion nicht gut kommuniziert hat. Reicht Ihnen das?
Eigentlich reicht es nicht. Schalke 04 hat es uns ja vorgemacht. Für eine solche Aktion muss man sich bei den Fans entschuldigen. Es ist nicht Werder-like, so etwas zu machen. Wenn man die Fans wieder mitnehmen will, hätte hier eine Entschuldigung wirklich gutgetan.
Bleiben wir beim Geld. Werders Mindereinnahmen durch die Corona-Krise belaufen sich auf 30 Millionen Euro. Bei den Spielern ist von einem Gehaltsverzicht um die zehn bis 20 Prozent für ein paar Monate die Rede. Sollten diese stärker in die Pflicht genommen werden?
Das ist eine Frage des gesamten Fußballsystems. Ich glaube, dass Werder Bremen sich für eine Veränderung der immer weiter auseinander gehenden Schere bei den Fernsehgeldern starkmachen muss. Da wäre es gut, wenn wir in der DFL vertreten sind. Das sind wir ja leider auch nicht mehr. Ich denke aber, dass der Verzicht der Spieler auf Geld ein gutes Zeichen nach außen ist. Die wahren Gründe liegen aber in der unglaublich unterschiedlichen Verteilung der Fernsehgelder. Da muss Werder Pläne machen und sich mit anderen Vereinen besprechen.
Von Finanzchef Klaus Filbry war während der sportlichen Krise und der Corona-Krise nicht viel zu sehen. Hätten Sie ihn mehr in der Öffentlichkeit erwartet?
Ja, ich hätte sowohl vom Präsidenten Hubertus Hess-Grunewald als auch von Klaus Filbry ein stärkeres Bekenntnis zu Florian Kohfeldt und Frank Baumann erwartet. Ich hatte so ein bisschen das Gefühl, das Motto war: "Wer nichts tut, kann nichts falsch machen."
Florian Kohfeldt musste bei Werder für alle möglichen Themen herhalten. War er damit überfordert?
Das ist ein weiterer Punkt. Florian Kohfeldt war der Mann für die Öffentlichkeitsarbeit. Florian Kohfeldt war auch der Mann für die Gespräche mit den politischen Gremien, als es um Trainingsmaßnahmen während der Corona-Zeit ging. Das geht nicht. Damit ist der Trainer, aber auch der Sportchef überfordert. Dafür haben wir bei Werder drei verantwortliche Geschäftsführer.

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Autor

  • Jan-Dirk Bruns

Dieses Thema im Programm: buten un binnen mit sportblitz, 13. Juli 2020, 19:30 Uhr