Der tiefe Absturz: Heißt es für Werder bald Sandhausen statt San Siro?

Von der Champions League in die 2. Liga? Die Bremer haben in den letzten zehn Jahren eine brachiale Bruchlandung hingelegt. Wir blicken auf die vergangene Dekade zurück.

Bildmontage: Claudio Pizarro (2011) jubelt, Trainer Viktor Skripnik guckt skeptisch (2016) und Torwart Jiri Pavlenka hält die Hände vors Gesicht (2020).
Claudio Pizarro spielte 2010 mit Werder noch in der Champions League. Viktor Skripnik entkam dem Abstieg 2016 nur knapp. Am Montag könnte es jetzt Keeper Jiri Pavlenka erwischen. Bild: Imago | Ulmer, foto2press, Poolfoto gumzmedia/nordphoto

Ein Spiel bleibt Werder noch, um den Gau abzuwenden. Doch verlieren die Bremer am Montag (20:30 Uhr) in Heidenheim, steigen sie aus der Bundesliga ab. Es wäre der krachende Aufprall nach einem seit zehn Jahren andauernden Absturz. Dabei ging der einstige Titelanwärter Werder mit ganz anderen Erwartungen in die Dekade. Doch altbewährte Erfolgsformeln griffen nicht mehr – und führten den Klub immer näher an den Abgrund.

Vor zehn Jahren spielte Werder noch in der Champions League

Vor zehn Jahren hatten die Werder-Fans dabei nach dem Saisonende noch allen Grund zum Feiern. Dank eines fulminanten Schlussspurts hatten die Bremer sich 2010 in der Bundesliga noch auf den dritten Platz geschoben. Deshalb durften sie an den Playoffs zur Champions League teilnehmen. Eine Woche später stand in Berlin zudem das Pokal-Finale gegen die Bayern an. Dieses ging zwar glatt mit 0:4 verloren, doch immerhin klappte es mit der Königsklasse. Gegen Sampdoria Genua setzten sich die Bremer nach einem heißen Rückspiel in Italien knapp durch. Wichtige Einnahmen flossen noch einmal in die Vereinskasse.

Bargfrede, Rosenberg, Pizarro und Fritz bejubeln Werders Erfolg in Genua.
In den Playoffs zur Champions League setzten sich die Bremer um Philipp Bargfrede, Markus Rosenberg, Claudio Pizarro und Clemens Fritz 2010 knapp gegen Sampdoria Genua durch. Bild: Imago | Gribaudi/ImagePhoto

Die folgende Champions-League-Saison war allerdings bereits nicht mehr von Erfolg gekrönt. Werder als Europa-League-Finalist von 2009 schied bereits in der Gruppe mit Tottenham Hotspur, Inter Mailand und Twente Enschede aus. Nachdem die Bremer das Hinspiel im Mailänder Stadion San Siro noch mit 0:4 verloren hatten, gewannen sie immerhin das Rückspiel gegen den amtierenden Champions-League-Sieger in Bremen mit 3:0.

Was damals keiner ahnte: Die Partie gegen die Mailänder am 7. Dezember 2010 sollte bis heute Werders letzter Auftritt auf internationalem Parkett bleiben. Dabei schien das Feld in Bremen bestellt zu sein. Mit Tim Wiese, Per Mertesacker, Mesut Özil und Marko Marin standen wenige Monate zuvor gleich vier Werder-Spieler bei der Weltmeisterschaft 2010 im Kader des DFB-Teams. Nur der FC Bayern konnte dies noch toppen. Zudem bot die Bremer Mannschaft mit Claudio Pizarro, Naldo oder Torsten Frings weitere Topspieler mit reichlich Erfahrung auf.

Allofs' Transfers saßen nicht mehr

Doch das Jahrzehnt verlief anders und viel schlechter als erhofft. Ein Problem: Den lange erfolgreichen Sportchef Klaus Allofs verließ sein glückliches Händchen. Dass erfolgreiche Spieler den Klub irgendwann verlassen, gehörte stets zum Bremer Modell. Für Ailton kam 2004 Miroslav Klose. Für Johan Micoud zwei Jahre später Diego. Den Abgang von Mesut Özil im Sommer 2010 zu Real Madrid konnten die Bremer aber nicht kompensieren. Bei den knappen finanziellen Mitteln mussten die Transfers aber sitzen. Wie häufig zuvor versuchte Werder, hochtalentierte Problemprofis anderer Klubs im beschaulichen Bremen auf den rechten Pfad zu führen – und diese dann bestenfalls mit einem dicken Plus weiterzuverkaufen.

Eljero Elia und Marko Arnautovic schauen konsterniert.
Eljero Elia und Marko Arnautovic sollten bei Werder zu Topstars reifen. Doch auch an der Weser blieben sie unbelehrbare Problemprofis. Das Projekt scheiterte. Bild: Imago | Ulmer

So lief es zuvor auch beim Brasilianer Diego, der nach überragenden Jahren bei Werder 2009 für 27 Millionen Euro zu Juventus Turin wechselte. Auch für Özil kassierte Werder ein Jahr vor dem Vertragsende noch 18 Millionen Euro. Dieses Modell funktionierte aber weder beim 2010 verpflichteten Marko Arnautovic noch beim 2012 geholten Eljero Elia. Beide kamen mit einem zweifelhaften Ruf nach Bremen und fielen an der Weser vor allem durch Eskapaden auf. Beide Male verbrannte der Klub viel Geld und machte ein dickes Transferminus.

Sportlich blieb Werder bereits zu Beginn des Jahrzehnts weit hinter den Erwartungen zurück. Unter Trainer Thomas Schaaf reichte es in der Saison 2010/11 nur für Platz 13, ein Jahr später für Platz neun. Werder verpasste das internationale Geschäft, doch das Gehaltsniveau am Osterdeich lag noch auf Champions-League-Level. Zudem drückten durch den Umbau des Weser-Stadions weitere Belastungen. In der Folge musste Werder finanziell abspecken. Die Stars gingen von Bord, die Mannschaft verlor deutlich an Qualität. Mertesacker zog es bereits im Sommer 2011 zum FC Arsenal. Ein Jahr später gingen Wiese (TSG Hoffenheim) und Pizarro (FC Bayern) ablösefrei. Mit Naldo verließ nach Mertesacker auch der zweite Stabilisator in der Innenverteidigung die Bremer. Der Brasilianer wechselte zum VfL Wolfsburg.

Ende einer Ära: Schaaf und Allofs verlassen Werder

In die Autostadt zog es wenige Monate später auch Allofs. Nach 13 Jahren in Bremen nahm der Manager im November 2012 ein Angebot der dank des Volkswagen-Konzerns finanzstarken Wolfsburger an. Und nach 14 Jahren musste auch Coach Schaaf gehen. Allofs' Nachfolger Thomas Eichin leitete nach nur zwei Siegen in der Rückrunde die Trennung von Schaaf ein, als die Bremer im Mai 2013 den Klassenerhalt gesichert hatten.

Klauf Allofs und Thomas Schaaf lachen.
Manager Klaus Allofs und Trainer Thomas Schaaf haben bei Werder eine erfolgreiche Ära geprägt. Bild: Imago | Sven Simon

Für viele kam Schaafs Abschied zu spät. Bei der Auswahl seines Nachfolgers lag Eichin allerdings daneben. Vom DFB lotste er Sportdirektor Robin Dutt als neuen Coach zu Werder. Technokrat Dutt kam in Bremen aber nie so recht an. Auch unter ihm rutschte Werder zeitweilig in den Abstiegskampf, am Ende reichte es in der Saison 2013/14 für Platz zwölf. Nach neun Spielen ohne Sieg zum Saisonauftakt beendete Werder das Missverständnis im Oktober 2014.

Die Hoffnung auf einen neuen Rehhagel oder Schaaf

Für Dutt übernahm mit Viktor Skripnik der bisherige U23-Coach und ein Mann aus der Werder-Familie den Job. Und das zunächst mit Erfolg. Beinahe hätte Skripnik den Klub im Mai 2015 noch nach Europa geführt. Schon beim Ukrainer kamen die Hoffnungen auf, dieser könne an der Weser eine Ära prägen wie zuvor Otto Rehhagel oder Schaaf. Die Sehnsucht nach Kontinuität und Fußball-Romantik war und ist an der Weser eben deutlich größer als an anderen Bundesliga-Standorten.

Werder-Spieler bejubeln 2016 das 1:0 gegen Frankfurt.
Bereits 2016 stand Werder kurz vor dem Abstieg. Erst am 34. Spieltag machten die Bremer gegen Eintracht Frankfurt durch einen Treffer in der 88. Minute den Klassenerhalt klar. Bild: Imago | Nordphoto

Schnell zeigte sich aber, dass auch Skripnik Werder nicht langfristig in die Erfolgsspur führen wird. Trotz der Rückkehr von Pizarro aus München rutschte der Klub in der Saison 2015/16 tief in den Abstiegskampf. Erst am letzten Heimspiel machte Werder im Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt den Klassenerhalt klar. Vor allem, weil die von den Fans auf die Beine gestellte #greenwhitewonderwall das Team nach vorne pushte. Mit dem Klassenerhalt einher ging in Bremen auch das vermeintliche Gefühl einer Unabsteigbarkeit. Ein trügerisches Gefühl, das sich am Montagabend endgültig rächen könnte. Ohnehin definierten die Werder-Fans sportlichen Erfolg in den vergangenen Jahren zumeist nur noch darüber, zumindest noch besser dazustehen als der leidgeplagte ewige Nordrivale aus Hamburg.

Eichin derweil wollte sich nach der Saison von Skripnik trennen, verlor aber den internen Machtkampf – und musste am Ende selbst gehen. Sein Nachfolger wurde mit Frank Baumann – mal wieder – ein Mitglied der Werder-Familie.

Kruse war nach de Bruyne mal wieder ein Ausnahmekönner

Dieser bekannte sich zunächst zu Skripnik, entließ den Trainer dann aber doch nach den ersten drei Spieltagen im September 2016. Auf externe Kompetenz verzichteten die Bremer auch dieses Mal. Mit Alexander Nouri trat erneut der bisheriger U23-Trainer die Nachfolge an. Und das zunächst wiederum erfolgreich. Mit Nouri entledigte sich Werder schnell aller Abstiegssorgen, verpasste am Ende gar nur knapp den Europapokal. Vor allem, weil die Bremer mit Max Kruse nach dem in der Saison 2012/13 vom FC Chelsea ausgeliehenen Kevin de Bruyne endlich wieder einen Ausnahmespieler auf dem Platz hatten.

Max Kruse und Serge Gnabry bejubeln ein Werder-Tor.
Mit Max Kruse und Serge Gnabry wirbelten in der Saison 2016/17 noch einmal zwei potenzielle deutsche Nationalspieler in der Bremer Offensive. Bild: Imago | Nordphoto

Dazu kam der hochtalentierte Serge Gnabry, der gemeinsam mit Kruse eine Saison lang im Angriff wirbelte. Anschließend war Bundesliga-Novize Nouri allerdings mit seinem Latein am Ende. Durch die Trennung vom sehr beliebten Co-Trainer Florian Bruns verscherzte er es sich zudem mit dem Team. Wie zuvor mit Skripnik rutschten die Bremer auch mit Nouri nach einem kurzen erfolgreichen Intermezzo wieder in den Abstiegsstrudel. Wieder musste der Trainer gehen. Und wieder übernahm – typisch Bremen – im Oktober 2017 mit Florian Kohfeldt der bisherige U23-Trainer.

Auch diesem gelang es, die Bremer zunächst zurück in die Erfolgsspur zu führen. Vor allem schien der smarte und wortgewandte Kohfeldt aber die gesamte Klaviatur eines modernen Trainers zu beherrschen. Taktisch flexibel, dabei jedoch zugleich mit einer offensiven Spielausrichtung. Authentisch zudem gegenüber Mannschaft und Medien. Kohfeldt war der perfekte Markenbotschafter für Werder. Und zunächst zudem erfolgreich. Erst rettete der vom DFB zum "Trainer des Jahres 2018" gekürte Kohfeldt die Bremer souverän vor dem Abstieg, dann gab er gemeinsam mit Sportchef Baumann forsch das Erreichen des Europapokals als Ziel aus.

Werders Systemversagen – und der Absturz in die 2. Liga?

Dieses hätten die Bremer auch fast erreicht. Bis zum letzten Spieltag durften sie sich noch Hoffnungen auf die Rückkehr auf die europäische Bühne machen. Doch am Ende klappte es nicht. Und der neue Anlauf in dieser Saison entpuppte sich rasch als deutlich zu ambitioniert. Das Problem: Vor der Saison verlor Werder Kruse – und den Abgang des exzentrischen Kapitäns konnten die Bremer weder auf noch neben dem Platz kompensieren. Zugleich weigerte Werder sich dieses Mal, sich den oft beschworenen "Automatismen des Geschäfts" zu unterwerfen. Trainer hatten an der Weser oftmals mehr Kredit als an anderen Bundesliga-Standorten. Doch als die Lage immer prekärer wurde, mussten auch Dutt, Skripnik und Nouri gehen. An Kohfeldt aber hielten die Verantwortlichen trotz der Talfahrt bis zum möglicherweise bitteren Ende am Montagabend fest.

Frank Baumann spricht auf dem Trainingsplatz mit Florian Kohfeldt.
Trotz der sportlichen Talfahrt hielt Sportchef Frank Baumann an Florian Kohfeldt als Werder-Coach fest. Bild: Imago | Nordphoto

Eine Trennung wäre dabei spätestens am Ende der Hinrunde nach dem 0:5 gegen Mainz 05 nachvollziehbar gewesen. Die Bremer verzichteten. Jetzt steht der Klub nach dem enttäuschenden 0:0 im Hinspiel gegen Heidenheim kurz vor dem Abstieg. Dieser wäre das bittere Ende eines zehnjährigen Absturzes, der in der Champions League begann. Die Erinnerungen an die gute alte Zeit haben die Bremer nie ganz losgelassen. Die "Wunder von der Weser"-Geschichten sind weiterhin allgegenwärtig in der Stadt. Auch vor nicht einmal einem Jahr träumten die Bremer noch davon, endlich in den Europapokal zurückzukehren und neue Geschichten zu schreiben.

Alles Makulatur. Für Werder könnte es ab Montagabend Sandhausen statt San Siro heißen.

So angespannt ist Werder vor der Relegation gegen Heidenheim

Video vom 1. Juli 2020
Eine Werder Bremen Fahne, die an einem Balkon aufgespannt wurde.
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Karsten Lübben

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 6. Juli 2020, 23:30 Uhr