Teamcheck: Der neue Werder-Weg wird für Kohfeldt zur Nagelprobe

Nach dem Fast-Abstieg soll sich bei den Bremern einiges ändern. Der Chefcoach ist als Talente-Entwickler gefragt – und dürfte dieses Mal weniger bibbern müssen.

Florian Kohfeldt verschränkt die Arme.
Florian Kohfeldt machte mit Werder in der vergangenen Saison erst in der Relegation den Klassenerhalt klar. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

So lief die vergangene Saison:

Katastrophal – aber mit Happy End. Werder wollte nach zehn Jahren in den Europapokal zurückkehren, entkam am Ende aber nur knapp dem Abstieg. Vor der Saison unterschätzten die Verantwortlichen um Chefcoach Florian Kohfeldt und Sportchef Frank Baumann, wie sehr den Bremern auf und neben dem Platz der abgewanderte Max Kruse fehlen wird. Hinzu kam eine beinahe schon groteske Verletzungsmisere. Diesbezüglich gab Kohfeldt bei der Analyse nach der Saison zu, im Rahmen der Sommer-Vorbereitung Fehler bei der Trainingssteuerung begangen zu haben. Nach einem passablen Start in die Saison rutschte Werder im Herbst immer tiefer in den Tabellenkeller ab. Doch von Abstiegskampf wollte an der Weser lange niemand etwas wissen. Der Trugschluss: Dieser Kader sei zu stark, um ernsthaft um den Klassenerhalt bangen zu müssen.

Werder-Spieler bejubeln den Klassenerhalt in Heidenheim.
Jubel bei Werder: Durch ein 2:2 in Heidenheim sicherten sich die Bremer über den Umweg Relegation den Verbleib in der Bundesliga. Bild: Imago | gumzmedia/nordphoto/POOL

Das Abstiegsgespenst machte es sich in Bremen aber rasch bequem, denn Werder befand sich im freien Fall. Nach 40 Jahren schien der Abstieg aus der Bundesliga schon fast nicht mehr vermeidbar zu sein. Doch dann kam die Corona-Pause, aus der die Kohfeldt-Elf als großer Gewinner hervorging. In den 25 Spielen zuvor holte Werder nur magere 18 Zähler, aus den neun Spielen nach der Unterbrechung kamen 13 weitere dazu. Das reichte, um am letzten Spieltag – dank der Schützenhilfe von Union Berlin – noch an Fortuna Düsseldorf vorbeizuziehen und als Tabellensechzehnter die Relegation bestreiten zu dürfen. In dieser spielten die Bremer gegen den 1. FC Heidenheim zweimal Unentschieden (0:0, 2:2) und blieben dank der Auswärtstorregel in der Bundesliga.

Wer kommt, wer geht:

Bei Mittelfeldspieler Leonardo Bittencourt (26, TSG Hoffenheim) und Innenverteidiger Ömer Toprak (31, Borussia Dortmund) griffen aufgrund des gelungenen Klassenerhalts die Kaufverpflichtungen. Beide bleiben an der Weser. An diese kam ablösefrei auch Patrick Erras vom 1. FC Nürnberg. Der 25-Jährige soll mithilfe seiner Körpergröße von 1,96 Meter im defensiven Mittelfeld für Struktur und Kopfballstärke sorgen. Ansonsten setzt Werder auf "Jugend forscht!": Vom VfL Osnabrück wechselte Felix Agu nach Bremen. Der 20-Jährige kann auf der linken und auf der rechten Abwehrseite verteidigen. Romano Schmidt (20, zentrales Mittelfeld) sammelte zuletzt beim Wolfsberger AC Spielpraxis und soll jetzt in der Kohfeldt-Elf den Durchbruch schaffen. Selbiges gilt für den ebenfalls erst 20 Jahre alten Jean-Manuel Mbom, der in der vergangenen Saison für den KFC Uerdingen spielte und von Kohfeldt überraschenderweise vorerst als Rechtsverteidiger eingeplant wird. Der spannendste Neuzugang ist der für ein Jahr von Jahr von Manchester United ausgeliehene Tahith Chong. Der 20-jährige Niederländer wird in seiner Heimat bereits "Robben von Curacao" genannt und soll über den rechten Flügel für Tempo sorgen.

Claudio Pizarro wird von seinen Mitspielern nach dem Spiel in Heidenheim in die Luft geworfen.
Raus mit Applaus: Werder-Legende Claudio Pizarro hat seine Karriere mit 41 Jahren beendet. Hier feierten seine Teamkollegen ihn nach dem gelungenen Klassenerhalt ab. Bild: Robin Rudel/Pool/gumzmedia/nordphoto

Verloren haben die Bremer derweil jede Menge Erfahrung. Klublegende Claudio Pizarro hat mit 41 Jahren seine Karriere beendet. Philipp Bargfrede (31), Sebastian Langkamp (32), Fin Bartels (33) und Nuri Sahin (32) haben keine neuen Verträge erhalten. Die erfolglose Leihe von Michael Lang (29, zurück zu Borussia Mönchengladbach) ist ausgelaufen. Ausgeliehen war zudem Kevin Vogt von der TSG Hoffenheim. Den erfahrenen Abräumer im Mittelfeld hätten die Bremer gerne gehalten. Finanziell ließ sich dies allerdings nicht stemmen. Luc Ihorst (20, Angriff, beim VfL Osnabrück) und Benjamin Goller (21, offensive Außenbahn, beim Karlsruher SC) sollen in der kommenden Saison in der 2. Liga Spielpraxis sammeln. Rechtsverteidiger Felix Beijmo konnte sich in Bremen nie als passable Alternative erweisen und wechselte zu Malmö FF. Auch der ausgebootete Martin Harnik (33, Angriff) soll noch von der Gehaltsliste verschwinden. Mit Milot Rashica möchte Werder zudem noch sein wertvollstes Tafelsilber verkaufen. Die Ablösesumme soll helfen, die finanziellen Folgen der Corona-Krise abzufedern und bestenfalls noch eine spielstarke Alternative für das defensive Mittelfeld zu finanzieren.

Der Trainer:

Bei nahezu keinem anderen Verein als Werder säße Florian Kohfeldt nach der desaströsen Vorsaison noch auf der Trainerbank. Doch Sportchef Frank Baumann hielt obgleich der sportlichen Talfahrt und akuter Abstiegssorgen an seinem Cheftrainer fest. Am Ende langte es noch zum Klassenerhalt. Ob dank oder trotz Kohfeldt? Darüber vermag spekuliert werden. Fakt ist, dass auf den 37-Jährigen jetzt ein anspruchsvolles Vorhaben wartet. Kohfeldt muss die klammen Bremer nachhaltig weiterentwickeln. Das heißt: Aus Talenten in dieser Saison Spieler mit Bundesliga-Niveau formen – und somit ihre Marktwerte für Werder steigern. "Hier werden Stars gemacht und nicht gekauft" heißt es in einem Bremer Fan-Song. Kohfeldt muss diesen Slogan mit Leben füllen.

Es wird ein Weg sein, der deutlich mehr wieder den Entwicklungsschritt beinhaltet. Was einzelne Spieler, aber auch die Mannschaft angeht. Ich habe sehr viel Energie und extrem viel Lust, diesen Weg zu gehen.

Werder-Coach lächelt in die Kamera.
Werder-Cheftrainer Florian Kohfeldt

Spannend zu beobachten wird sein, wie Kohfeldt diese Aufgabe bewältigt. Der neue Weg bei Werder wird für ihn persönlich auch zur Nagelprobe. Vor der vergangenen Saison wurde Kohfeldt hoch gehandelt. Der DFB zeichnete ihn als "Trainer des Jahres" aus, bei Borussia Dortmund sollte er ganz oben auf Liste stehen. Doch durch Werders Fiasko-Saison hat auch sein Ruf Schrammen abbekommen. Abzuwarten bleibt, ob Kohfeldt für sich die richtigen Schlüsse gezogen hat, Werder stabilisieren kann und somit letztlich für seine weitere Laufbahn sogar gestärkt aus der Situation herausgeht.

Prognose:

In der Vorbereitung bewahrten die Bremer eine weiße Weste. Alle sieben Testspiele gewannen sie. Ein echter Gradmesser mit Bundesliga-Niveau war unter den Gegnern allerdings nicht dabei. Im DFB-Pokal langte es beim 2:0 gegen Carl Zeiss Jena zu einem schmucklosen Arbeitssieg.

Ein Saisonziel haben die Bremer bisher noch nicht benannt. Klar ist aber, dass nach dem Fast-Abstieg keiner mehr vom Europapokal spricht. Beim Blick auf auf den Kader schmerzt neben dem Abgang von Vogt vor allem, dass mit Milot Rashica aller Voraussicht nach auch noch der Topscorer (acht Tore, sieben Vorlagen) des Vorjahres gehen wird. Dennoch: Bleibt das Team von einer gravierenden Verletzungsmisere verschont, dürften die Abstiegssorgen dieses Mal deutlich geringer ausfallen. Mehr als ein Platz im unteren Mittelfeld der Tabelle dürfte aber wohl nicht drin sein.

Mühsam in Jena: Die Highlights von Werders Pokal-Sieg

Video vom 13. September 2020
Joshua Sargent und Davie Selke klatschen sich nach Sargents Treffer gegen Jena ab.
Bild: DPA | Jan Woitas

Mehr zum Thema:

Autor

  • Karsten Lübben

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 14. September 2020, 18:06 Uhr