Werder befindet sich wieder im Steigflug

Nach der Corona-Pause haben die Bremer den Abstiegskampf angenommen und verspielen keine Führungen mehr. Und im Notfall greift ihr Trainer von außen ein.

Davy Klaassen steigt hoch zum Kopfballduell
Gegen aggressive Schalker mussten Davy Klaasen (Mitte) und Co. immer wieder heftig einstecken. Bild: Gumzmedia/Pool/Nordphoto | Andreas Gumz

Eine knappe Stunde war zwischen Werder und Schalke gespielt, als eine Ecke in den Strafraum der Bremer flog. Zwar wehrten die Grün-Weißen die Flanke ab, doch der Ball segelte zurück. Schalke-Stürmer Michael Gregoritsch nahm ihn direkt – nur knapp schoss er über den Querbalken. Werder-Trainer Florian Kohfeldt spürte, dass das Kampfspiel, das seine Mannschaft so lange kontrolliert hatte, auf einmal zu kippen drohte. "Jetzt aber mal aufwachen", rief er seinen Schützlingen von außen zu. Die Aufforderung zeigte Wirkung: Die Bremer waren plötzlich wieder da, wehrten sich, kamen selbst wieder zu Angriffen und brachten ihre 1:0-Führung verdient über die Zeit.

Das war ein ganz wichtiger Auswärtssieg. In der zweiten Halbzeit wurde es hektisch, aber Schalke hatte nicht viele Chancen. Bei uns ging dann am Ende ein bisschen die Struktur verloren. Insgesamt war es ein verdienter Auswärtssieg, der aber hart erkämpft war.

Werder-Trainer Florian Kohfeldt

Die "Griffigkeit und Galligkeit" sind zurück

Wie schon beim 1:0-Erfolg gegen Freiburg war es alles andere als ein Fußballfest, was Werder auf den Rasen zauberte – abgesehen von Leonardo Bittencourts Traumtor. Doch das Team glänzte auf anderen Wegen: Nämlich mit jener "Griffigkeit und Galligkeit", die Kohfeldt im Vorfeld von seinen Mannen gefordert hatte. Angetrieben von Ersatzspielern und Teambetreuern zeigten sie Kampfgeist, Aggressivität und den Willen, dorthin zu gehen, wo es wehtut. Ein Sinnbild dafür war der eingewechselte – und später aus taktischen Gründen wieder ausgewechselte – Yuya Osako. Gleich zweimal ging der Japaner nach heftigen Kopftreffern zu Boden. Beide Male stand er wieder auf und hatte kurz vor Schluss sogar das erlösende 2:0 auf dem Fuß, vergab jedoch kläglich. Gut für ihn, dass seine Mannschaft nicht in alte Muster verfiel.

Wir wussten, dass da viel Druck auf uns zukommt. Das war unangenehm zu verteidigen. So richtig Entlastung haben wir nicht mehr geschafft. In unserer Situation ist es wichtig, die Spiele über die Bühne zu bringen.

Werder-Verteidiger Sebastian Langkamp

Werder hat 21 Punkte nach Führungen vergeben

Florian Kohfeldt ballt nach dem Sieg gegen Schalke die Fäuste
Schrie nach dem Schlusspfiff seine Erleichterung über den Sieg heraus: Werder-Coach Florian Kohfeldt (links). Bild: Gumzmedia/Pool/Nordphoto | Andreas Gumz

Lange Zeit hat Werder eben jene Fähigkeit gefehlt, Partien wie diese am Samstagnachmittag auf Schalke erfolgreich zu beenden. So haben die Bremer in der laufenden Saison insgesamt schon 21 Punkte nach eigener Führung verspielt. Zeitweise schien es, als lähme ihnen die Chance, den Platz als Sieger zu verlassen, sowohl Kopf als auch Beine. Geradezu symptomatisch war der Spielverlauf in der letzten Begegnung vor dem Bundesliga-Neustart. Beim 2:2-Remis gegen Hertha BSC Berlin lagen die Grün-Weißen nach nur sieben Minuten mit 2:0 in Front. Dennoch mussten sie nach Abpfiff sogar noch glücklich sein, immerhin einen Punkt geholt zu haben.

Inzwischen aber hat sich der Wind offenbar gedreht. Nach anfänglich berechtigter Skepsis angesichts der 1:4-Pleite gegen Bayer Leverkusen scheint es, als habe Werder die Corona-Pause gut getan. Denn die Mannschaft macht deutlich, dass sie, anders als noch vor zwei Monaten, den Abstiegskampf angenommen hat. Mit sieben Punkten aus den vergangenen drei Spielen hat sie sich dafür selbst belohnt. Plötzlich liegt der zwischenzeitlich unerreichbar wirkende Relegationsplatz wieder in Sichtweite. Sechs Endspiele haben die Bremer noch auf dem Konto, eines mehr als die Konkurrenz. Ausruhen auf den jüngsten Erfolgen wird sich das Team also kaum.

Wir sind noch hinten dran. Wir waren in einer dramatischen Ausgangsposition. In der sind wir immer noch. Deshalb haben wir keinerlei Zeit, uns jetzt noch mal zu freuen, dass es so läuft.

Werder-Trainer Florian Kohfeldt

3 Gründe für Werders kleinen Aufschwung

Video vom 29. Mai 2020
Werder Bremen Trainer Florian Kohfeldt bei der Pressekonferenz.

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Autor

  • Helge Hommers

Dieses Thema im Programm: ARD, Sportschau, 30. Mai 2020, 19 Uhr