10 Kohfeldt-Ansagen – und was in der Werder-Saison aus ihnen wurde

Werder-Coach Florian Kohfeldt hat sich in der Bremer Horror-Saison oftmals weit aus dem Fenster gelehnt. Und lag im Nachhinein erschreckend oft daneben.

Florian Kohfeldt schaut desillusioniert in Richtung Himmel.
Hinter Florian Kohfeldt liegt eine echte Horror-Saison. Mit seinem Team wollte der Werder-Coach in den Europapokal. Jetzt steht der Klub vor dem Absturz in die 2. Liga. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

1 Osako soll Kruse ersetzen

Für die Werder-Fans war es ein Schock, als Max Kruse vor dem 34. Spieltag der vergangenen Saison verkündete, den Klub zu verlassen. Bereits da ahnten viele von ihnen, dass die Bremer diesen Abgang nicht kompensieren werden können. Kohfeldt plante in dieser Rolle mit Yuya Osako, wie er vor Saisonbeginn im August noch einmal betonte.

Dass Max weg ist, gibt uns viel mehr Variabilität. Die Folgen sieht man bei Yuya Osako extrem. Wo er jetzt spielt, hat sonst Max gespielt. Und das ist nun mal seine Idealposition. Dieses Entgegenkommen, Bälle festmachen und aufdrehen – da ist er einfach überragend.

Florian Kohfeldt während der Sommer-Vorbereitung

"Überragend" war Osakos Saison aber keineswegs. Der Japaner kommt auf sechs Tore und eine Vorlage. Zum Vergleich: Kruse traf in seinem letzten Jahr an der Weser elfmal und bereitete zehn Tore vor. Vor allem gab Kruse der Mannschaft aber eine Struktur. Der Kapitän ließ sich zudem auf dem Platz nichts gefallen, ging voran und lebte eine rotzfreche Mentalität vor. Osako hingegen ist das genaue Gegenteil. Wenn es mal nicht läuft, steht der 30-Jährige schnell wie ein Häufchen Elend auf dem Platz.

2 Der erneute Traum vom Europapokal

Die vorgezogene Vertragsverlängerung mit dem Trainer bis 2023 wurde Ende Juli als Coup gefeiert. Nachdem die Bremer in der Vorsaison den Europapokal knapp verpasst hatten, sollte es dieses Mal klappen. Auf Sicht wollte Kohfeldt den Klub im oberen Tabellenbereich etablieren.

Natürlich wäre es ein Traum, mit Werder Bremen noch einmal international zu spielen. Das ist etwas, das uns alle antreibt. Wir wollen es aber auch so gestalten, dass es nicht unbedingt eine Sensation ist. Wir wollen dauerhaft stabil zwischen Platz fünf und Platz neun stehen. Und dann kann ja vielleicht auch ein Ausreißer nach oben kommen.

Florian Kohfeldt Ende Juli nach seiner Vertragsverlängerung

Dieser "Ausreißer nach oben“ sollte dann wohl die Qualifikation für die Champions League sein. Doch der Traum von Duellen mit dem FC Barcelona, Juventus Turin und dem FC Liverpool ist längst geplatzt. Auch von Platz fünf bis neun sind die Bremer meilenweit entfernt. Stattdessen geht es in der kommenden Saison wohl nach Aue, Regensburg und Sandhausen.

3 Keine Gedanken an den Abstiegskampf

Spannend war dabei im vergangenen Sommer zunächst die Frage nach dem Ziel der Bremer für diese Saison. Würden sie trotz des Abgangs von Kruse erneut "Europa" anvisieren? Dies ließ sich schnell erahnen. Ein offizielles Ziel sollte aber erst direkt vor der Saison verkündet werden. Zuvor vertröstete Kohfeldt die Öffentlichkeit ein wenig.

Ausschließen kann ich nur zwei Dinge: dass wir um die Meisterschaft spielen und dass wir etwas mit dem Abstieg zu tun bekommen.

Florian Kohfeldt im Sommer 2019

Spätestens ab dem November hatten die Bremer doch etwas mit dem Abstieg zu tun.

4 Kohfeldt missachtet die frühen Warnsignale

Ayhan bejubelt sein Tor gegen Werder.
Bereits am ersten Spieltag gingen die Bremer beim 1:3 gegen Düsseldorf als Verlierer vom Platz. Bild: Imago | Nordphoto

Dass die Bremer wohl nicht im Kampf um den Europapokal mitmischen werden, zeigte sich dabei schnell. Direkt am ersten Spieltag verlor Werder im Weser-Stadion überraschend mit 1:3 gegen Fortuna Düsseldorf. Dass die Bremer ordentlich Sand im Getriebe haben und möglicherweise in eine Krise rutschen könnten, wollte Kohfeldt da noch nicht sehen. Stattdessen setzte er zur Medien-Schelte an.

Meine Wahrnehmung war, dass uns sehr, sehr früh in dieser Saison eine Situation eingeredet werden soll, die weder existent noch in unseren Köpfen ist.

Florian Kohfeldt in der Woche nach der 1:3-Niederlage gegen Fortuna Düsseldorf am 1. Spieltag

Wie sich in den kommenden Monaten zeigte, war eben jene Krise doch existent. Werder rutschte schnurstracks in den Abstiegskampf.

5 Knipser mit Ladehemmung

Nach dem Kreuzbandriss von Niclas Füllkrug Mitte September fehlte den Bremern ein Angreifer, der den Ball humorlos über die Linie drückt. Kohfeldt sah das anders.

Ich bin der Meinung, dass wir über eine große Vielfalt an Spielern verfügen, die in der Lage sind, in der Bundesliga zwischen fünf und zehn Tore zu schießen. In dieser Kategorie sind mal mindestens Josh Sargent, Leonardo Bittencourt und Johannes Eggestein einzuordnen.

Florian Kohfeldt vor der Auswärtspartie in Dortmund am 6. Spieltag

Die Minimalmarke von fünf Treffern hat nach 33 Spieltagen keiner der drei Kandidaten gerissen. Sargent kam auf drei, Bittencourt auf vier Treffer. Eggestein erzielte gar nur ein Tor und stand in den letzten acht Partien nicht einmal mehr im Kader.

6 20 Punkte bis Weihnachten?

Spätestens nach der 1:2-Pleite gegen Schalke 04 am 12. Spieltag dämmerte auch Kohfeldt, dass es mit den Bremern bergab geht. Bereits zu diesem Zeitpunkt waren die Bremer nur noch punktgleich (11) mit den auf Platz 16 liegenden Düsseldorfern. Kohfeldt gab sich kämpferisch.

Die nächsten Woche sehe ich als Block. Bis Weihnachten ist es unser Ziel, dass eine “2“ vor dem Konto steht.

Florian Kohfeldt nach der 1:2-Pleite gegen Schalke am 12. Spieltag
Claudio Pizarro hält sich nach dem 0:5 gegen Mainz enttäuscht die Hand vors Gesicht.
Nach der 1:6-Klatsche in München gingen die Bremer am 16. Spieltag auch beim 0:5 gegen Mainz unter. Claudio Pizarro konnte es nach dem Spiel nicht glauben. Bild: Imago | Joach Sielski

Aus den noch verbleibenden fünf Spielen wollte Werder also noch mindestens drei Siege holen. Das ging formidable schief. Einen Sieg gab es nur beim 3:2-Erfolg in Wolfsburg. Danach verloren die Bremer im Weser-Stadion gegen Aufsteiger Paderborn mit 0:1. Und anschließend fingen sie sich beim 1:6 gegen die Bayern und beim 0:5 gegen Mainz gleich zwei heftige Klatschen ein, ehe sie zum Jahresabschluss in Köln mit 0:1 verloren. Nach dem verpatzten Dezember mussten die Bremer auf Platz 17 überwintern.

7 "Das Tor mit dem eigenen Leben verteidigen"

Mächtig sauer auf sein Team war Kohfeldt dabei bereits nach der 1:6-Watschn in München. Zum ersten Mal in Kohfeldts bis dahin zweijähriger Ägide ging Werder unter ihm so richtig unter. Von den Spielern forderte er deshalb in fast martialischer Art und Weise mehr Einsatz.

Das allerletzte Prozent im Zweikampf mal durchzuziehen, vielleicht auch mal eine Verletzung zu riskieren, das Tor ein Stück weit mit dem eigenen Leben zu verteidigen. Das sind Dinge, die wir jetzt in den Vordergrund stellen.

Werder-Coach Florian Kohfeldt nach der 1:6-Watschn in München am 15. Spieltag

Eine Verletzung gab es danach wirklich: Bei der folgenden 0:5-Pleite gegen Mainz holten die Bremer sich eine blutige Nase. Bereits zur Halbzeit lagen sie mit 0:4 zurück.

8 Die Flucht nach vorne

Für Besserung sollte bei Werder das Winter-Trainingslager auf Mallorca sorgen. Auch Kohfeldt versprühte vor dem Ablug auf die Baleareninsel Optimismus. Und bekannte, dass die Bremer sich in der Rückrunde im Abstiegskampf keineswegs in der Defensive einigeln wollen. Stattdessen sollte die Flucht nach vorne gesucht werden.

Wir wollen Tore schießen. Das ist der Weg, den wir im Abstiegskampf gehen wollen – und das erfolgreich, da bin ich absolut sicher.

Florian Kohfeldt im Januar vor dem Abflug ins Mallorca-Trainingslager

Von diesem Weg sind die Bremer aber rasch abgekommen. In den bisher 16 Spielen der Rückrunde erzielten sie lediglich 13 Tore. Fünf allein davon beim Sieg gegen den Tabellenletzten Paderborn. Schlechter waren nur die Schalker, die bloß neunmal trafen.

9 Selkes Qualitäten

Nach dem Ausfall von Füllkrug fehlte den Bremern ein Stoßstürmer, der selbst Tore erzielt, aber auch Räume für seine Kollegen in der Offensive schafft. Diese Rolle sollte in der Rückrunde Davie Selke übernehmen, der Ende Januar von Hertha BSC kam.

Davie ist ein dynamischer, kopfballstarker Stürmer mit guter Geschwindigkeit. Er ist ein unangenehmer Gegner für die Abwehrspieler und hat einen guten Torriecher. Er bereichert unser Offensivspiel mit seinen Qualitäten.

Florian Kohfeldt Anfang Februar nach der Verpflichtung von Davie Selke
Davie Selke schaut enttäuscht auf den Boden.
Davie Selke konnte die Erwartungen an der Weser nicht erfüllen. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Selke blieb in Bremen aber klar hinter den Erwartungen zurück – und in der Bundesliga komplett ohne Treffer. Auf seine "Qualitäten“ verzichtete auch Kohfeldt rasch. Rookie Sargent lief ihm schnell den Rang ab und verdrängte Selke auf die Bank. Am Samstag war die Demontage dann perfekt: Gegen die Mainzer wechselte Kohfeldt kurz vor Schluss sogar lieber den 41 Jahre alten und zuvor verletzten Claudio Pizarro ein.

10 Kohfeldt sicher: "Ich bin der Beste für diese Situation"

Groß war die Hoffnung bei Werder, dass es nach der Corona-Pause endlich besser läuft. Doch zum Auftakt setzte es gegen Leverkusen direkt eine 1:4-Niederlage. Daraufhin äußerten auch ehemalige Werder-Größen wie Dieter Burdenski und Rune Bratseth öffentlich Kritik und forderten unter anderem einen Trainerwechsel. Kohfeldt wollte auf keinen Fall freiwillig den Weg freimachen und blieb weiterhin von sich überzeugt.

Ich sehe es so, dass ich aktuell nach wie vor der Beste bin auf dieser Position.

Florian Kohfeldt auf der Pressekonferenz vor dem Freiburg-Spiel am 27. Spieltag

Die darauf folgende Partie gewannen die Bremer in Freiburg mit 1:0. Die nachhaltige Kehrtwende war dies allerdings nicht. Die Heim-Niederlagen gegen Frankfurt (0:3) und Wolfsburg (0:1), vor allem aber das 1:3 im Showdown gegen Mainz am vergangenen Wochenende, wären vermeidbar gewesen. Somit steht Werder mit "dem Besten" vor dem letzten Spieltag am Samstag (15:30 Uhr) gegen Köln mit anderthalb Beinen in der 2. Liga.

Ex-Werder-Keeper Rost: Bei Abstieg muss Kohfeldt gehen

Video vom 23. Juni 2020
Frank Rost sitzt in seinem Büro auf einem Stuhl.
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Karsten Lübben

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 24. Juni 2020, 23:30 Uhr