Tabellenfrust statt Europalust: Das läuft schief bei Werder

Werder spielt eine lausige Saison, dabei wollten die Bremer nach Europa. Die Gründe für die Flaute reichen von Verletzungspech über Ladehemmung bis zu mauen Jokern.

Die Werder-Mannschaft trottet mit Trainer Kohfeldt voran im Nieselregen zum Trainingsplatz.
Bonjour tristesse: Für Werder Bremen dürfte es am Samstag beim Duell mit Bayern München kaum Gründe für eine Stimmungsaufhellung geben. Bild: Imago | Nordphoto

Ein bisschen hat sich Werder die vertrackte Lage selbst eingebrockt. Auf Rang acht hatten die Bremer die vergangene Saison abgeschlossen und das sehr ambitionierte Ziel von Europa so nur knapp verpasst. Was sollten sie nun also machen? Sie mussten wieder Europa als Ziel ausgeben. Doch der Schwung der vergangenen Spielzeit verpuffte schnell, Werder gewann nur eins der letzten zehn Bundesliga-Spiele und ist mit 14 Punkten aus 14 Spielen um sieben Punkte schlechter als vor einem Jahr.

Nur noch zwei magere Zähler trennen die Elf von Trainer Florian Kohfeldt vom Relegationsplatz, mit einer Pleite gegen die Bayern an diesem Samstag (15:30 Uhr) würde Werder richtig in den Tabellenkeller rutschen. Wir haben die Gründe für die Flaute der Hanseaten analysiert.

1 Werder wackelt weiter

Von Beginn an wurde es unruhig bei den Bremern, sie hatten das Verletzungspech gepachtet. Kohfeldts Lazarett war zeitweise sogar mit einer zweistelligen Anzahl bestückt. Leistungsträger fehlten, nie spielte bisher die komplette Stammelf und Automatismen konnten sich nicht entwickeln. Die Folge: Werder kam nicht in Tritt und wirkte immer verunsicherter. Kohfeldt lässt konsequent offensiv spielen und will von diesem Weg keinesfalls abrücken. Doch diese Spielweise verlangt Selbstvertrauen und Sicherheit, Werder mangelt es momentan an beidem.

Besonders die Defensive zittert wie in den schlechten, alten Zeiten, als Werder als "Schießbude der Liga" verschrien war. Bremen kassierte bereits 29 Gegentore (vor einem Jahr waren es 23) und spielte noch kein einziges Mal zu null. Der lange Ausfall von Kapitän und Abwehrchef Niklas Moisander machte die Sache noch schlimmer. Fatal ist dabei, dass Werder während der Zeit der vielen Ausfälle gar nicht schlecht spielte – doch seit sich das Krankenlager lichtete, stimmte die Leistung nur beim Sieg gegen Wolfsburg.

2 Die Standard-Seuche bleibt kleben

Florian Kohfeldt steht an der Seitenlinie und hält sich verzweifelt die Hände vors Gesicht.
Kann es nicht mehr mit ansehen: Florian Kohfeldt bekommt Werders Standardschwäche nicht in den Griff. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Erschwerend kommt hinzu, dass Werder seine Verkrampfung bei Standard-Situationen einfach nicht los wird. Dabei hatten sich die Bremer mit Co-Trainer Ilia Gruev eigens einen Spezialisten für das Standard-Training an Bord geholt, doch seine Arbeit fruchtet offensichtlich bisher nicht. Neun Kopfballtore kassierte Werder – das sind drei Mal so viele wie in der kompletten letzten Saison. Sieben Gegentreffer nach Ecken fingen sich die Grün-Weißen ein, insgesamt halten sie mit elf Standardgegentoren den trüben Ligarekord. Besonders deutlich sind die Probleme auf der linken Abwehrseite, über die 17 Gegentreffer zustande kamen. Den Ausfall von Außenverteidiger Ludwig Augustinsson konnte Werder nicht kompensieren, der Schwede hatte sich in der Vorbereitung am Knie verletzt und ist erst seit drei Spielen wieder dabei. Kohfeldt meinte schon leicht sarkastisch: "Ich beantrage, dass wir künftig ohne Standards spielen." Es bleibt ein frommer Wunsch.

3 Leistungsträger schwächeln

Gerade in dieser prekären Situation bräuchte Werder Bestleistungen von seinen Besten. Doch statt über sich hinauszuwachsen, um andere mitziehen zu können, schwächeln auch diese Spieler. Torhüter Jiri Pavlenka, in der vergangenen Saison der große Rückhalt der Bremer, der durch spektakuläre Paraden auffiel und etliche kaum haltbare Schüsse noch abwehrte, ließ sich von der allgemeinen Verunsicherung anstecken. Erst zwei Großchancen entschärfte der Tscheche bisher und kassierte nach dem Kölner Timo Horn die meisten Gegentreffer. Zudem wirkt auch Mittelfeldmotor Maximilian Eggestein wie ein Schatten seiner selbst. 26 Mal schoss er aufs Tor, traf kein einziges Mal – erfolgloser ist keiner in der Liga. Und Davy Klaassen wackelte zudem vom Elfmeterpunkt und wurde als Stammschütze nun ausgetauscht.

4 Chancen, Chancen, Chancen...

Milot Rashica mit einer martialischen Jubelgeste nach einem Treffer.
Eine "Rakete" allein reicht nicht: Milot Rashica traf sechs Mal für die Bremer. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Dieses Problem verfolgt Kohfeldt bereits seit der vergangenen Saison: "Wir machen einfach zu wenig Tore", wiederholt der Werder-Coach nun seit Wochen. Auf insgesamt 206 Torschüsse brachten es die Bremer – trafen aber in 14 Spielen nur 22 Mal. Ein Klasse-Stürmer wie Milot Rashica reicht da nicht aus: Der Kosovare hat neun Torbeteiligungen in zehn Spielen (sechs Tore, drei Assists). Aber Stürmer Niclas Füllkrug riss sich im September das Kreuzband und so fehlt es Werder vorne an einer gewissen Frechheit und Durchschlagskraft. Und ohne größere Abgebrühtheit vor dem Tor dürfte es für Werder schwer werden, sich aus dem Tabellenkeller herauszuarbeiten. Denn dafür ist die Abwehr einfach zu anfällig.

5 Die Joker stechen nicht mehr

In der vergangenen Saison bewies Kohfeldt oft ein Goldenes Händchen bei den Einwechslungen, Werders Joker stachen und trafen 14 Mal (besser war nur Dortmund mit 17). Doch nun steht in der Bilanz eine dicke Null. Nicht einmal Publikumsliebling Claudio Pizarro kann derzeit für magische Momente sorgen. Der inzwischen 41 Jahre alte Peruaner brachte es in der vergangenen Saison auf fünf Tore und zwei Vorlagen und schien einem Jungbrunnen entstiegen zu sein. Nun sind es bei zehn Kurzeinsätzen null Tore und null Torvorlagen und Pizarro wirkte zuletzt tatsächlich erstmals alt. Daran konnten auch die frisch blondierten Haare nichts ändern. Von seiner sprühenden Energie hat Pizarro auf dem Trainingsplatz jedoch nichts eingebüßt. Die Wende ist also immer noch möglich.

Werder mit Wut in den Münchner Krisen-Gipfel

Video vom 12. Dezember 2019
Florian Kohfeldt mit ernster Miene im Nieselregen auf dem Weg zum Trainingsplatz.
Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

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Autorin

  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 13. Dezember 2019, 18:06 Uhr