Anfang pfui, Werner hui – machen die Werder-Fans es sich zu einfach?

Ex-Werder-Trainer Markus Anfang und Werder-Trainer Ole Werner (Montage)
Nach Markus Anfangs Aus hat Ole Werner bei Werder übernommen. Er ist mit dem Klub deutlich erfolgreicher als sein Vorgänger. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Markus Anfang ist seit der Impfpass-Affäre bei den Bremer Fans unten durch. Doch welchen Anteil hat er am Erfolg, den das Team unter Ole Werner hat? Eine Analyse.

Der Auftritt von Werders Ex-Coach Markus Anfang im "Sportstudio" des ZDF sorgte am Wochenende bundesweit für kontroverse Diskussionen. Die einen echauffierten sich und fragten, wie ihm überhaupt noch eine Bühne geboten werden könne. Andere wiederum interessierten sich durchaus dafür, wie Anfang sein Handeln rechtfertigen würde.

Obwohl die Impfpass-Affäre erst vier Monate zurückliegt, spielt Anfang in Bremen allerdings kaum noch eine Rolle. Vor allem am Samstagabend tat er es nicht, denn Werder gewann trotz zahlreicher Ausfälle im Spitzenspiel gegen Darmstadt 98 mit 1:0. Leicht ketzerisch wird längst von einigen Fans behauptet, dass dem Klub im Nachhinein doch eigentlich nichts Besseres hätte passieren können als der Skandal um Anfangs gefälschten Impfpass. Aber stimmt das wirklich?

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Werner holt mehr als einen Punkt mehr pro Spiel

Markus Anfang hält beim Pokal-Aus frustriert die Hände hinter dem Kopf.
Markus Anfang schied mit Werder schon in der ersten Runde des DFB-Pokals aus. Bild: Imago | Osnapix

Die Zahlen sprechen da zunächst eine klare Sprache. In 13 Spielen in der 2. Liga mit Anfang holte Werder 19 Punkte, also 1,46 Zähler pro Partie. Als er zurücktrat, lag das Team auf dem 8. Platz und hatte bereits fünf Punkte Rückstand auf Rang drei. Im DFB-Pokal war Werder zudem bereits in der ersten Runde beim Drittligisten VfL Osnabrück (0:2) ausgeschieden.

Werner wiederum sammelte in bisher zwölf Spielen 31 Zähler, kommt also auf einen Schnitt von 2,58 Punkten pro Partie. Mit ihm stehen die Bremer sieben Spieltage vor dem Ende der Saison auf dem 2. Platz und liegen vier Punkte vor dem 4. Platz. Er ist sportlich also viel erfolgreicher als Anfang.

Anfang musste den kompletten Kader umbauen

Als Typ und klassischer Norddeutscher passt Werner außerdem in die Stadt und die Region. Er macht es den Fans einfach, ihn zu mögen, zumal viele mit Anfang fremdelten und dieser durch sein Fehlverhalten in Ungnade gefallen ist. Werner hat den Spaß am Fußball zurück nach Bremen gebracht, hatte jedoch auch bessere Voraussetzungen als Anfang.

Als dieser im Sommer zu Werder kam, war der Kader nach dem Abstieg eine riesige Baustelle. Eine brauchbare Vorbereitung, in der die Mannschaft und die Automatismen auf dem Platz sich finden konnten, gab es nicht. Noch beim 3:2 am 2. Spieltag gegen Fortuna Düsseldorf standen mit Maximilian Eggestein, Yuya Osako und Joshua Sargent drei Spieler in der Startelf, die wenig später weg waren. Auch Kevin Möhwald und Johannes Eggestein waren noch im Kader dabei. Planungssicherheit existierte kaum.

Ducksch kam auch wegen Anfang nach Bremen

Anschließend gab es im Kader Umwälzungen, die Anfang maßgeblich mitgestaltet hat. Er sprach dabei stets vom "Wiederaufbau". Am prägendsten war die Verpflichtung von Marvin Ducksch, mit dem Anfang bereits bei Holstein Kiel zusammengearbeitet hatte. Ducksch machte bei seiner Vorstellung in Bremen keinen Hehl daraus, dass auch der Coach ein Grund für ihn war, zu Werder zu kommen. "Wir hatten über die Jahre immer wieder Kontakt", erzählte Ducksch bei seiner Vorstellung Ende August. "Umso schöner, dass sich unsere Wege hier wieder getroffen haben." Mittlerweile ist Ducksch der Publikumsliebling im Weser-Stadion. Bei Spielern wie Lars Lukas Mai und Nicolai Rapp, mit denen Anfang ebenfalls bereits zuvor gearbeitet hatte, läuft es hingegen durchwachsen. Mitchell Weiser konnte nach langer Durststrecke doch überzeugen, ehe er sich verletzte.

Allerdings hat Anfang auch sportliche Fehler gemacht, weil er zu lange zu stur war. Seine 4-3-3-Formation hat nicht funktioniert, weil Werder dafür die passenden Spieler auf den Außenbahnen fehlten und Roger Assalé sich nicht als Verstärkung entpuppt hat. Jiri Pavlenka nach ausgestandener Verletzung lange auf der Bank zu lassen war im Nachhinein auch fragwürdig, denn Michael Zetterer machte zwar keine groben Fehler, war aber auch kein Upgrade zum erfahrenen Pavlenka.

Anfang hat lange nach seiner Topelf gesucht

Unter Anfang fehlte Werder vor allem die Konstanz. Gegen Hansa Rostock oder den FC Ingolstadt gelangen überzeugende 3:0-Siege, gegen den SC Paderborn (1:4) und Dynamo Dresden (0:3) wiederum setzte es bittere Niederlagen. In sieben seiner zwölf Spiele musste der Coach jedoch auch ohne Abwehrchef und Kapitän Ömer Toprak auskommen.

Die Werder-Stürmer Niclas Füllkrug und Marvin Ducksch bejubeln Arm in Arm ausgelassen den Treffer.
Erst spät setze Markus Anfang in Bremen auf die Doppelspitze Niclas Füllkrug und Marvin Ducksch. Bild: Imago | Nordphoto

Freiwillig hingegen hatte Anfang lange auf Niclas Füllkrug verzichtet, weil er diesen nicht gemeinsam mit Ducksch spielen lassen wollte. Die ersten vier Spiele stand Füllkrug noch in der Startelf, doch als Ducksch kam, musste er zunächst auf die Bank. Es ehrt ihn, dass er die Schuld dafür nicht beim Ex-Coach sucht. "Man darf auch nicht vergessen, dass ich am Anfang nicht geliefert habe. Ich habe die ersten vier Spiele spielen dürfen, aber nicht gut gespielt und keine Tore und keine Assists gemacht", sagte er vor zwei Wochen in einer Medienrunde.

Keine Revolution unter Werner

Anfang hat an der Weser zwar einige Zeit gebraucht, dann aber doch die passende Startelf gefunden. In seinem vorletzten Spiel setzte er beim 1:1 gegen den FC St. Pauli in der Abwehr auf eine Dreierkette und auf die mittlerweile perfekt funktionierende Doppelspitze aus Füllkrug und Ducksch. So holte er in seinem letzten Spiel als Werder-Coach in Nürnberg auch einen 2:1-Sieg.

Werder-Spieler Romano Schmid rutscht vor Freude über sein Tor auf den Knien über den Rasen.
Romano Schmid tritt erst, seitdem Ole Werner Werder-Coach ist. Bild: dpa | Carmen Jaspersen

Sein Nachfolger Werner hat bei Werder bisher einen ausgezeichneten Job gemacht. Er war jedoch auch so clever, auf die von Anfang geleistete Arbeit aufzubauen. Das Credo: Evolution statt Revolution. "Wo Stabilität da ist, werden wir diese beibehalten", sagte er vor seinem ersten Spiel, einem 4:0 gegen Erzgebirge Aue. Die Formation blieb nahezu gleich, taktisch wurde sie leicht angepasst. Romano Schmid zum Beispiel hat nie einen Hehl daraus gemacht, sich zentral wohler zu fühlen als auf der Außenbahn. Und seitdem er dort spielen darf, ist er auch torgefährlich. Seine drei Treffer hat er allesamt unter Werner erzielt.

Anfang hat ein ordentliches Fundament gelegt

Der neue Coach hatte zudem den Vorteil, dass er eine funktionierende Mannschaft übernehmen konnte. Anfangs plötzliches Aus sorgte zwar für viel Trubel, doch immerhin hatte der Kader schon einige Monate zusammengearbeitet und nur eins der fünf Spiele zuvor verloren. Und dies war die 1:2-Niederlage bei Holstein Kiel, bei der Interimscoach Christian Brand noch einmal alles völlig veränderte und damit auf die Nase fiel.

War Anfangs Impfpass-Affäre also tatsächlich ein Segen für Werder, weil nur deshalb Werner kam? Unter schwierigen Bedingungen hat der Ex-Trainer im Sommer einen Kader zusammengestellt, der die Augen der Fans nun wieder funkeln lässt. In der Bewertung seiner Arbeit kommt er deshalb oftmals zu schlecht weg. Sportlich hat zwar nicht alles funktioniert, aber für den proklamierten "Wiederaufbau" hat Anfang dennoch ein gutes Fundament gelegt. Dass die weiteren Schritte nun Werner leitet, muss in Bremen ja trotzdem niemand bedauern.

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Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Das Wochenende, 20. März 2022, 15:12 Uhr