Blick in die Werder-Kabine: So lief der Anfang-Rücktritt ab

Video vom 24. November 2021
Werder-Trainer Markus Anfang mit Händen in den Taschen auf dem Trainingsplatz.
Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz
Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Bisher drang wenig nach draußen, wie die chaotischen Tage seit der Impfpass-Affäre um Markus Anfang von der Mannschaft aufgenommen wurden. Zwei Spieler berichten nun.

Im Fußball gehören Trainerwechsel zum Geschäft, fast schon zum Alltag. Die Zeiten, in denen ein und der selbe Coach epische 14 Jahre lang bei einem Klub an der Seitenlinie steht, sind längst vorbei. Inzwischen ist die Trainerbank vielerorts zum Schleudersitz geworden. Aber meist können sich die Fußball-Profis auf eine drohende Trennung zumindest schon längere Zeit vorbereiten, wenn der Erfolg ausbleibt.

Ganz spontane Entlassungen in der Halbzeitpause, wie es Toni Schumacher 1999 bei Fortuna Köln tatsächlich passiert ist, sind selbst im Fußball einmalig und gleichwohl legendär. Umso mehr hatte es sogar gestandene Profis wie Leonardo Bittencourt am vergangenen Samstag umgehauen, als Markus Anfang am Tag des Spiels gegen Schalke 04 seinen Rücktritt als Werder-Trainer bekannt gab.

"Es war extrem emotional von beiden"

Bisher war wenig aus dem Innenleben der Bremer Mannschaft nach außen gedrungen, wie sie diesen Moment erlebt hatten und was er mit ihnen machte. "Drei, vier Tage vorher, das kennt man", erzählte Bittencourt im NDR Sportclub: "Aber zehn Stunden vor dem Spiel – das war schon ein Schock."

Mehr noch für die vielen jungen und nicht so erfahrenen Werder-Profis wie Ilia Gruev. Der 21-Jährige schilderte am Mittwoch, wie es gewesen ist, als die Mannschaft am Samstagmorgen zusammen vor dem Training im Weser-Stadion frühstückte und Anfang mit Co-Trainer Florian Junge die Nachricht überbrachte.

Die beiden haben uns mitgeteilt, dass sie nicht länger Trainer von Werder Bremen sind. Das war extrem emotional von beiden. Dann hat Frank Baumann noch zwei, drei Worte gesagt und damit war es dann durch.

Werder-Profi Ilia Gruev über den Rücktritt

"Er hat sich nur verabschiedet"

Erklärungen zu den Vorwürfen, dass er einen gefälschten Impfausweis benutzt und damit womöglich auch die Gesundheit der Spieler und Mitarbeiter gefährdet habe, gab Anfang laut Gruev nicht: "Er hat dazu nichts gesagt. Er hat sich nur verabschiedet von uns und sich bei allen bedankt."

Bereits am Vortag, als Anfang noch das Werder-Training geleitet hatte und die Ermittlungen der Bremer Staatsanwaltschaft bereits bekannt geworden waren, gab es keinen Spieler, der den Coach darauf angesprochen hatte. "Wir haben nicht nachgefragt. Das wäre nicht sinnvoll gewesen, dass wir uns damit beschäftigen. Das haben andere Leute gemacht und dann ging es Schlag auf Schlag", so Gruev.

"Wir reden viel mehr miteinander"

In diesem Schockmoment nach dem Rücktritt und den chaotischen Tagen danach waren besonders die arrivierten Profis wie Ömer Toprak, Christian Groß oder Bittencourt gefragt, um die jüngeren in dieser Ausnahmesituation zu unterstützen. "Wir haben uns mit der Mannschaft mehrmals zusammengesetzt und haben den Jungs erklärt, dass sie auf uns zukommen sollen, wenn es Fragen gibt", so Bittencourt.

Gruev hat das gerne aufgenommen. "Wir verbringen mehr Zeit miteinander, reden viel mehr miteinander. Und wir sprechen offen darüber und tauschen uns aus." Das Angebot, die Hilfe des Psychologen in Anspruch zu nehmen, sei daher bisher nicht nötig gewesen. Die Werder-Mannschaft sei eine Einheit, betonte auch Bittencourt. In dieser schwierigen Situation sei das ein Vorteil.

Die Zeit in der Vorbereitung, als man nicht wusste: Wer kommt, wer geht? Das hat uns zusammengeschweißt. Die Mannschaft ist intakt und sehr geschlossen.

Werder-Profi Leonardo Bittencourt im NDR Sportclub

Viele Fragen sind offen

Und gerade nach dem Sieg in Nürnberg vor der Länderspielpause seien sie sogar "ein Stück weit noch enger zusammengerückt", fügte Bittencourt hinzu: "Wir haben so einen kleinen Aufschwung gemerkt und dann kam so was. Das macht natürlich was mit einem." Die erste Hürde, das Spiel gegen Schalke am Tag des Rücktritts zu überstehen, hat Werder gemeistert. Doch wann ist der Kopf wirklich wieder frei?

Das mediale Echo und der Sturm der Entrüstung, der sich deutschlandweit gegen Anfang formiert hat, ist auch den Werder-Spielern nicht entgangen. Für sie muss es sich anfühlen, als habe jemand mitten im ersten, leichten Aufschwung eine Vollbremsung gemacht. Wie geht es weiter? Wer wird neuer Trainer? Und was kommt bei den Ermittlungen gegen Anfang heraus? Viele Fragen sind offen und das zum denkbar schlechten Zeitpunkt.

Wir haben einen sehr guten Trainer verloren und bekamen seine Philosophie immer besser in die Mannschaft. Und dass wir den Trainer, der für den Wiederaufbau und den Neuanfang geholt wurde, verlieren, ist sehr bitter.

Werder-Profi Leonardo Bittencourt im NDR Sportclub

Bremer Staatsanwaltschaft hält Anfang-Impfpass für gefälscht

Video vom 22. November 2021
Markus Anfang hält die Hände vor den Kopf.
Bild: Imago | Joachim Sielski
Bild: Imago | Joachim Sielski

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Autorin

  • Petra Philippsen Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 24. November 2021, 18:06 Uhr