Werder-Juwele auf Abwegen – wären sie mal lieber geblieben

Max Kruse hat sich bei seinem Vereinspoker wohl verzockt. Das ging schon anderen Werder-Profis so, die in Bremen Heldenstatus genossen. Ihre Wechsel haben sie bereut.

Ailton liegt mit dem Schalker Auswechsel-Leibchen auf dem Rasen an der Bande.
Da biste platt: Als so frustrierend hatte sich Ailton seinen Wechsel zu Schalke 04 im Jahr 2004 nicht vorgestellt. Bild: Imago | Chai v.d. Laage

Max Kruse hatte einen Traum: Mit 31 Jahren noch einmal eine neue Herausforderung suchen bei einem großen Klub. Noch einmal auf internationaler Bühne mitmischen. Noch einmal großes Geld verdienen. Aber sollte der Deal mit Fenerbahce Istanbul nicht plötzlich platzen und Kruse irgendwie noch ein Ass aus dem Ärmel zaubern, dann ist dieser große Traum wohl geplatzt. Türkische Liga statt Premier League, 2,5 statt sechs Millionen und Ligaspiele statt Europa oder Champions League. Kruse hatte sein Blatt wohl überreizt.

Ailton hätte Kruse zum Bleiben geraten

Kruse breitet mit martialischer Geste und Gebrüll seine Arme zum Siegerjubel aus.
So kannten und feierten die Werder-Fans ihren Kapitän Max Kruse in der vergangenen Saison. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Viele Werder-Fans konnten Kruses Wechselwunsch ohnehin nich nachvollziehen, schließlich war er das "Herz und Hirn" der Bremer Mannschaft. Trainer Florian Kohfeldt ließ ihn an der langen Leine und kitzelte so Bestleistungen aus ihm heraus, für die Kruse in Bremen gefeiert wurde. Nun steht der frühere Werder-Kapitän vor einer unsicheren Zukunft. Ob sie besser sein wird, als in Bremen, bleibt fraglich. Doch Kruse ist nicht allein, auch andere Werder-Ikonen vor ihm hatten ihre Wechsel am Ende noch bereut.

Zum Beispiel "Kugelblitz" Ailton. Der Brasilianer hält Kruses Entscheidung für einen Fehler: "Ich hätte mich ganz klar für Werder entschieden", sagte Ailton der "Bild"-Zeitung: "Ein Klub zum Wohlfühlen, wo man gemocht und gewollt wird. Das weiß man erst zu schätzen, wenn man nicht mehr da ist. Ich spreche aus Erfahrung."

1 Ailton

Ailton feiert mit Werder-Kopftuch und schwarzer Sonnenbrille den Double-Sieg auf dem Bremer Rathausbalkon.
Da lag ihm Bremen auf dem Rathausbalkon zu Füßen: Ailton feierte ausgelassen den Double-Sieg 2004 mit Werder. Bild: Imago | Nordphoto

Und diese Erfahrung bezahlte Ailton 2004 mit bitterlichen Tränen. Schalke-Manager Rudi Assauer hatte in einer Blitzaktion den Bremer "Kugelblitz" überrumpelt und er verließ Werder dann nach dem Rausch des Double-Sieges mit einem bösen Kater – und vielen Tränen. Doch der Vertrag ließ sich nicht rückgängig machen. "Vielleicht war es der große Fehler meiner Karriere, Werder zu verlassen", bedauerte er mal in einem Interview mit der "Syker Kreiszeitung". An die Erfolgszeiten bei Werder konnte der Brasilianer danach nie mehr anknüpfen, auch finanziell geriet er in Schieflage. Auch die Wechsel zu Besiktas Istanbul, dem Hamburger SV und dem MSV Duisburg brachten den Glanz vergangener Tage nicht mehr zurück. In Bremen hatten sie ihren "Toni" geliebt wie sonst nirgends und längst tun sie es wieder. Zumindest das ist ein kleiner Trost für Ailton.

2 Aaron Hunt

Aron Hunt applaudiert als Werder-Kapitän den Fans nach dem Spiel.
Von 2001 bis 2014 gehörte Aaron Hunt zu Werder Bremen, wurde sogar Kapitän und zählte lange zu den Leistungsträgern. Bild: Imago | DeFodi

Zehn Jahre später war auch Hunt ablösefrei auf dem Markt zu haben. Zwölf Jahre lang gehörte er zu Werder, wurde zum Leistungsträger und Gesicht des Vereins. Hunt hatte sich einen Heldenstatus erarbeitet. Doch nach zehn Jahren bei bei den Bundesliga-Profis hatte Hunt genug vom ewigen Abstiegskampf. Er wollte endlich oben mitspielen und einen lukrativen Vertrag. Angebote gab es genug. Klubs aus Italien, England, Russland und der Türkei boten mit, am Ende holte Werders Ex-Manager Klaus Allofs Hunt zum VfL Wolfsburg. Und "Trainer Dieter Hecking sagte, ich sei der Spielertyp, den er haben will", meinte Hunt damals optimistisch in der "Bild"-Zeitung.

Doch es kam anders, Hunt spielte nur 15 Mal bei den "Wölfen" und das nie über 90 Minuten. Dann verletzte er sich auch noch am Innenband. Nach nur einer Saison war Schluss für den Offensiv-Spieler in Wolfsburg, für ihn wurde Max Kruse verpflichtet. Hunt wechselte zum Hamburger SV – und spielt nun in der Zweiten Liga. Auch seine großen Träume erfüllten sich nach dem Weggang aus Bremen 2014 nicht. Die einstige Werder-Legende, die mit Größen wie Diego, Mesut Özil und Claudio Pizarro gekickt hatte, hatte in Bremen während der goldenen Zeiten in der Champions League gespielt und 2009 den DFB-Pokal gewonnen. Aber das Jahr in Wolfsburg versetzte seiner Karriere einen Knick, hatte auch körperlich Spuren hinterlassen. Für einen Spitzenklub reichte es nicht mehr.

3 Tim Wiese

Tim Wiese im pinkfarbenen Torhüter-Dress mit grimmigem Gesichtsausdruck auf dem Rasen liegend.
Immer ein Hingucker: Tim Wiese scheute auch während seiner aktiven Zeit nicht die farbenfrohen Trikots. Bild: Imago | DeFodi

Die einen hassen ihn, die anderen lieben ihn – für die Werder-Fans aber war "Riese Wiese" ihr starker Rückhalt. Ob Kung-Fu-Einlagen oder martialisches Gebrüll, die Gegner brachte Wiese regelmäßig auf die Palme. Sonnengebräunt, Gel im Haar, den Lamborghini in der Garage und immer einen markigen Spruch auf den Lippen – Wiese polarisierte, doch in Bremen genoss auch er Heldenstatus. 2005 wechselte er an die Weser, mauserte sich zum Nationalkeeper und wollte 2012 mit 30 Jahren einen neuen Verein. Einen großen Verein, einen mit Geld und der in der Champions League spielt.

Aber statt Schalke 04, Inter Mailand oder gar Real Madrid wurde es dann doch nur Hoffenheim. "Es ist ein Klub, der dauerhaft um Titel mitspielen wird und finanziell nicht am Hungertuch nagt", hatte Wiese vorher getönt. Auch er wollte nicht mehr mit Werder "unten rumkrebsen". Nun wechselte Wiese zwar zu einem Klub mit Mäzen, aber dem Tabellenelften der Vorsaison – Werder war Neunter geworden.

Was Wiese nicht ahnte: Es sollte seine letzte Saison als Fußball-Profi werden. Er wurde schnell ausgemustert und mit anderen Aussortierten in die inzwischen legendäre "Trainingsgruppe zwei" verfrachtet. Wiese saß seinen lukrativen Vertrag aus bis Juni 2016 und mutierte nach täglichen Besuchen im Hoffenheimer Kraftraum zum Wrestler. Kruse sollte dennoch hoffen, dass sein Wechsel fußballerisch ein glücklicheres Ende nimmt.

Der Hoffenheim-Vertrag war der beste Deal meines Lebens. Elf Spiele und drei Jahre bezahlter Urlaub. Wer wünscht sich so eine Zeit nicht? Das ist wie ein Lotto-Jackpot.

Tim Wiese über seine Zeit bei der TSG Hoffenheim

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  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 24. Juni 2019, 23:30 Uhr