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Volleyball-Bundestrainer: "Holland ist zwei Schritte voraus"

Der letzte Härtetest vor der Volleyball-WM der Frauen findet in Bremen statt. Bundestrainer Koslowski weiß, dass sein Team noch einen weiten Weg vor sich hat.

Volleyball-Bundestrainer Felix Koslowski schwört seine Spielerinnen während einer Auszeit ein.
Klare Ansprache bei der Nations League im Juni in Stuttgart: Felix Koslowski (Mitte) gibt seinen Spielerinnen Anweisungen. Bild: Imago | Masterpress

Felix Koslowski hat ein schwieriges Langzeitprojekt vor sich: Er will die neue Generation der deutschen Volleyballfrauen an die Weltspitze heranführen. Für diese Mammutaufgabe braucht der Bundestrainer eigentlich Rückenwind, doch ihm weht viel Gegenwind aus der Bundesliga entgegen, schließlich ist Koslowski auch noch Trainer des deutschen Meisters SSC Palmberg Schwerin.

Doch Koslowski lässt sich nicht beirren, fokussiert sich voll auf die Weltmeisterschaft Ende September in Japan. Welche Erwartungen er an die WM und welche Bedeutung das Testspiel am 25. August in Bremen hat, erklärt der 34-Jährige im Interview mit butenunbinnen.de.

Herr Koslowski, Sie müssen viel Kritik an Ihrer Doppelrolle einstecken. Wie gehen Sie damit um?
Das sehe ich sportlich. Das wird medial zum Teil härter dargestellt, als es ist. Ich pflege einen sehr guten Kontakt zu allen Bundesligisten. Aber ich verstehe zum Teil, was sie kritisieren. Wir hatten in den vergangenen zwei Jahren viel Erfolg im Verein mit deutschen Spielerinnen.
Trainer Koslowski und seine Schweriner Spielerinnen machen sich gegenseitig mit Sektduschen nass.
Einmal Sektdusche: Mit dem SSC Schwerin wurde Koslowski (links) im April deutscher Meister. Bild: Imago | Conny Kurth
Der Vorwurf ist, die Spielerinnen würden Ihnen als Bundestrainer nach Schwerin nachlaufen…
Da kommen natürlich Ängste auf, dass es keine Konkurrenz in der Liga mehr gibt, weil wir alle deutschen Spielerinnen bei uns haben. Aber wir haben in Schwerin ein sehr professionelles Umfeld und bezahlen deutsche Spielerinnen sehr gut. Das war ja lange nicht so. In der Bundesliga wurden nur die ausländischen Spielerinnen gut bezahlt. Das sind die Kriterien, die Spielerinnen interessieren. Und nicht, ob der Bundestrainer dort ist.
Kritik an Ihrer Arbeit gibt es aber nicht. Dennoch stehen Sie dauernd im Fokus.
Mich stört es relativ wenig. Natürlich ist es unangenehm, wenn das Thema so durch die Medien getrieben wird. Wir haben ein paar Gespräche geführt und wünschen uns Lösungsvorschläge, nicht nur Kritik. Nur draufzuhauen ist immer sehr leicht. Aber es gibt kurzfristig keine Lösung, weil dem Verband einfach das Geld fehlt. Also wird es erstmal so weitergehen mit der Doppelrolle.
Gerade ist der Vorstand zurückgetreten, die Bundesligisten fordern den hauptamtlichen Bundestrainer, es gibt Zwist mit den Landesverbänden – im DVV herrscht derzeit Chaos.
Das lässt mich natürlich nicht kalt. Besonders der Rücktritt vom alten Vorstand, zu dem ich eine persönliche Bindung hatte. Das macht mich schon traurig, wir versuchen aber auch immer, nach vorne zu schauen. Ich bin erstmal froh, dass wir so schnell einen neuen Vorstand gefunden haben und mit Rene Hecht einen, der als Rekordnationalspieler weiß, wie Volleyball funktioniert. Es hat keinen direkten Einfluss auf unsere WM-Vorbereitung. Wir fokussieren uns jetzt auf uns.
Das deutsche Team hat die Nations League, das Duell der besten 16 Nationen, auf Platz 11 abgeschlossen. Sie sprachen danach von einer Drei-Klassen-Gesellschaft und dass die deutsche Mannschaft in der 2. Klasse rangiert. Was fehlt ihr?
Uns fehlt eigentlich überall etwas. Physisch fehlt uns etwas zur Weltspitze, das werden wir auch in den kommenden Jahren nicht so einfach aufholen. Das heißt, wir müssen uns auf andere Sachen konzentrieren. Wir brauchen auf jeden Fall viel mehr Erfahrung auf diesem Niveau, um überhaupt etwas dichter heranzukommen an die Top Acht der Welt.
Sie sind erst seit diesem Jahr wieder in der 1. Liga der Nations League dabei gewesen.
Ja, das hat uns in den letzten Jahren gefehlt, der Unterschied zwischen 1. und 2. Liga ist riesig in der Nations League. Wir brauchen Wettkämpfe auf dem Niveau, ein bisschen Zeit, und wir müssen in Zukunft Spielerinnen in ausländischen Ligen wie Italien, Türkei oder Russland unterbekommen. Das ist ein Projekt, das wir angehen.
Bundestrainer Felix Koslowski schaut nachdenklich am Spielfeldrand und legt die Hand ans Kinn.
Immer im Fokus: Bundestrainer Felix Koslowski. Bild: Imago | Conny Kurth
Das klingt nach einem Plan, der mehrere Jahre Zeit benötigt…
Ja, die Mannschaft besteht zu 85 Prozent aus Spielerinnen, die bis 2024 spielen können. Das ist langfristig das Ziel, sich mit dieser Gruppe für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. Beim Werdegang der Generation, die 2011 und 2013 zweimal EM-Silber geholt hat, war ich als Co-Trainer dabei. Ich habe gerade ein Deja-vu an diese Zeit. Damals haben wir auch mit dem siebten, achten Platz angefangen und Stück für Stück ist die Generation gewachsen.
Ist Ihr junges Team bereits eine homogene Gruppe, in der die Chemie stimmt?
Auf jeden Fall. Wir haben es jetzt in der Nations League gesehen, das ist ein Extrem-Wettbewerb mit Reisen von Sao Paolo bis Seoul und einen Tag später spielen – da bewegt man sich psychisch und physisch im Grenzbereich. Aber es war die Möglichkeit für uns, als Gruppe zusammenzuwachsen. Für uns war das viel Arbeit, das richtig zu steuern und zu kanalisieren, damit sie sich nicht gegenseitig die Köpfe einhauen, sondern die Erfahrung positiv zu nutzen. Das war wichtig, da sind wir enger zusammengerutscht. Wir haben ein extrem ambitioniertes Team. Sie wollen alle ins Ausland, alle Welt- und Europameister werden und dafür hängen sie sich voll rein und bringen viele Opfer.
Der Spielplan der Nations League ist heftig, ist sie mehr Fluch als Segen?
Nein, einen besseren Vergleich kann es gar nicht geben im Hinblick auf die WM. Man weiß genau, was man von welcher Mannschaft erwarten muss und worauf wir uns vorbereiten müssen.
Die deutschen Volleyballerinnen Denise Hanke und Marie Schoelzel versuchen, einen Angriff der Niederländerin Celeste Plak zu blocken.
Eine Nummer zu groß: Gegen Holland hatten die deutschen Volleyballerinnen in der Nations League in Stuttgart keine Chance. Bild: Imago | Masterpress
Die Holländer lernen Sie gerade besonders gut kennen: Erst gerade in der Nations League, dann am 25. August in Bremen beim Testspiel und dann bei der WM…
Wir hatten uns damals für Holland als Gegner entschieden, bevor die WM-Auslosung gewesen ist. Wir dachten schon, danach springen sie noch ab. Aber das taten sie nicht. Das ist unser letzter offizieller Test und unser letztes Spiel gegen Holland, bevor wir dann bei der WM gegen Holland spielen. Aber für Holland sind wir nur ein einziges Spiel – wenn man Weltmeister werden will, muss man 13 Spiele gewinnen.
Was erwarten Sie vom Spiel in Bremen?
Es wird sehr interessant werden, und das klare Ziel für beide Teams ist: zu gewinnen. Wir freuen uns auf das Spiel, wir fanden es immer toll in Bremen. Die Stimmung wird sicher toll sein. Aber es wird schwer, Holland ist uns zwei Schritte voraus. Sie haben physisch ein ganz anderes Niveau als wir. Sie sind mittlerweile international viel erfahrener als wir. Aber für uns ist das eine riesige Chance: Je öfter wir gegen sie spielen, desto dichter können wir an sie herankommen.

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  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 26. Juni 2018, 23:20 Uhr