Das Dilemma der Tischtennis-Stars: Gefangen im Olympia-Hamsterrad

Für die besten Spieler der Welt wie Werder-Profi Mattias Falck ist der Qualifikationsmodus für die Spiele in Tokio eine Tortur. Pausen gibt es kaum, die Kritik wird lauter.

Perspektive von oben auf Tischtennisspieler Mattias Falck, der die Arme zur Aufschlagbewegung ausbreitet.
Werders Zugpferd in der Bundesliga: Vizeweltmeister Mattias Falck liegt bei einer Bilanz von 20:9 Siegen. Bild: Imago | Eibner

Mattias Falck ist gut 1,90 Meter groß, und der blonde Schlacks drehte sich zur Seite und deutete hinunter auf die blaue, mittelgroße Sporttasche, die auf dem Hallenboden stand. "Das da, das ist im Moment mein Zuhause", sagte der 28 Jahre alte Schwede buten un binnen beim vorerst letzten Bundesliga-Spieltag Mitte Januar. Für Werders Topstar, den derzeit besten europäischen Tischtennisspieler und Vizeweltmeister, waren die vergangenen Monate wie ein Dauerlauf im Hamsterrad. Im Sommer finden die Olympischen Spiele in Tokio statt, der Weg dorthin ist für die Spitzenathleten der Szene eine Tortur.

Im olympischen Jahr gibt es kaum Pausen. Es ist einfach zu viel. Es sind zu viele Turniere, die man spielen muss, die ganze Reiserei – das schlaucht. Ich fühle mich müde und man kann sich schnell kleine Verletzungen holen.

Werders Tischtennis-Vizeweltmeister Mattias Falck bei buten un binnen

Mit Werder Bremen musste Falck bis Weihnachten 16 Bundesliga-Spieltage in knapp vier Monaten absolvieren, dazwischen stieg er immer wieder in den Flieger, meist Richtung Asien, für Qualifikationsturniere. Reisestress, Jetlag und dabei bleibt keine Zeit, mal richtig zu trainieren. "Fünf Tage hatte ich um Weihnachten mal ohne Tischtennis, dann ging es aber sofort weiter", sagte Falck, "ich brauchte die Zeit einfach, mir fehlten Trainingseinheiten, um mal an Dingen zu arbeiten." Erholung klingt anders.

Auch Boll mit Kritik am überfrachteten Kalender

Mattias Falck wirft den Ball hoch vor dem Aufschlag und fixiert ihn mit den Augen.
Ein Riese an der Platte: Mattias Falck ist als Weltranglistenachter und Vizeweltmeister das Zugpferd in Werders Bundesliga-Team. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Als Weltranglistenachter ist Falck das Zugpferd der Bremer und dank ihm sind sie in dieser Saison auch erstmals seit 2013 wieder auf Playoff-Kurs mit Titelchancen. Er fühlt sich inzwischen so wohl in der Bundesliga, dass Falck gerade für zwei weitere Jahre bei Werder unterschrieben hat. Doch den Ligastress hat die große Konkurrenz aus Asien eben nicht. "Die können sich anders auf die Turniere vorbereiten und die Reiserei haben sie ja auch nicht so oft", meinte Falck. Um die schier unzerstörbare Dominanz der asiatischen Topstars doch irgendwie anzukratzen, braucht es zumindest Frische.

Auch Timo Boll, der erfolgreichste deutsche Spieler, hatte zuletzt viel Kritik am überfrachteten Turnierkalender geübt. "Ich finde, das Rad ist überdreht. Die Anforderungen sind von uns Sportlern kaum noch zu bewältigen." Dass Boll bereits 38 Jahre alt ist, spielt für Falck dabei keine Rolle: "Timo hat recht, wir jüngeren Spieler merken den Stress ja genauso." Dass der Weltverband ITTF Kompromisse angekündigt hat, hilft den Athleten für diese Olympischen Spiele nicht mehr. Sie müssen weiterstrampeln im Hamsterrad und das Beste hoffen.

Preisgekrönt und abgehetzt

Tischtennnisspieler Mattias Falck posiert im Smoking bei der schwedischen Sportgala mit seinem Award.
Für den Vizeweltmeistertitel erhielt Mattias Falck am Montag in Stockholm eine Auszeichnung bei der Sport-Gala. Bild: DPA | Christine Olsson

Zumindest für Falck nähert sich die schlimmste Phase dem Ende, denn in der Vorwoche gelang ihm mit dem schwedischen Team die Qualifikation für Olympia. Einen Einzelstartplatz bekommt er als Top-Ten-Spieler dazu. Doch da der Cut der Weltrangliste im Mai für Tokio gewertet wird, muss Falck weiter Turnier um Turnier spielen, damit er in der Rangliste nicht abrutscht. Denn für die Olympia-Setzliste wäre es enorm wichtig, unter den besten Acht zu stehen. So ist Falck auch in dieser Woche bei den German Open in Magdeburg am Start, im topbesetzten Feld. Anschließend geht es weiter zum Top-16-Turnier nach Montreux, danach geht der Kampf um die Playoff-Plätze in der Bundesliga auf die Zielgerade.

Die blaue Sporttasche ist immer gepackt. Denn hin und wieder klappt dann das Pendeln zwischen Bremen und seiner Heimatstadt Halmstad in Südschweden. Drei Stunden Autofahrt plus drei Stunden auf der Fähre, das nimmt Falck gerne in Kauf, um bei seiner Frau und seiner neugeborenen Tochter zu sein. "Zum Glück gibt es ja Telefon und Skype", sagt Falck mit leichtem Bedauern: "So ist das eben." Zumindest am Montag gab es vor der Anfahrt nach Magdeburg einen Abstecher in die Heimat.

Falck wurde ausgezeichnet auf der schwedischen Sport-Gala für die beste Leistung des Jahres: Im vergangenen April holte er sich den Vizeweltmeister-Titel, unterlag im Endspiel erst dem Chinesen Ma Long. Seit Werner Schlager im Jahr 2003 hatte es kein Europäer mehr ins WM-Finale geschafft und eine WM-Silbermedaille gab es in Schweden schon seit 22 Jahren nicht mehr. "Ich bin wirklich dankbar, die Auszeichnung zu gewinnen", sagte Falck bei der Verleihung in Stockholm: "Und ich freue mich, dass Tischtennis nach meinem Auftritt etwas mehr Aufmerksamkeit bekommen hat." Doch wie hoch der Preis des Erfolgs ist, bekommt er auch deutlich zu spüren.

Tischtennis-Ass Falck bleibt bei Werder: "Haben ein starkes Team"

Video vom 28. Januar 2020
Der Tischtennis- Profi Matthias Falck, der sich selbst mit seiner Handy-Kamera filmt.

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Autorin

  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 28. Januar 2020, 18:06 Uhr