Alles für den Tanz: Grün-Gold ackert so hart wie die Werder-Profis

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Die Bremer Tanzformation macht Hochleistungssport als Hobby. Prämien bekommen sie nicht einmal für den WM-Titel. Und ihr Trainingspensum steht Werders in nichts nach.

Wenn Werder-Trainer Florian Kohfeldt morgens um elf mit seinen Spielern auf dem Trainingsplatz vor dem Weser-Stadion seine tägliche, 90-minütige Einheit beginnt, dann ist Julian Warnke schon längst dabei, in einem Kindergarten im Bremer Viertel die quirligen Knirpse zu bespaßen und zu bändigen.

Acht Stunden dauert sein Arbeitstag als Erzieher, doch danach geht Julian Warnke nicht in seinen verdienten Feierabend. Zumindest nicht während der vergangenen zwölf Wochen, denn er gehört zur Lateinformation des Bremer Grün-Gold-Clubs. Julian Warnke betreibt Hochleistungssport als Hobby. Es geht nicht anders, Tanzen ist eben nicht Fußball.

Pensum eines Profi-Fußballers

Doch seit dem Spätsommer stemmt Julian Warnke ein Pensum wie ein Profifußballer – und das neben der Arbeit. Genau wie die anderen 15 Tänzerinnen und Tänzer, die zum A-Team gehören und amtierender Weltmeister sind.

Sie opfern alles neben ihrem Job. Alles ist abgestimmt auf Arbeit und Training. Die zweite Jahreshälfte haben sie nur der Formation gewidmet.

GGC-Trainer Roberto Albanese bei buten un binnen

Das Privatleben wird komplett auf Eis gelegt. "Es ist für sie ein wahnsinniger Aufwand", fügte Uta Albanese hinzu, die gemeinsam mit ihrem Mann das Team trainiert: "Es sind drei Monate Vollgas."

Fünf Mal die Woche Training – neben dem Job

Roberto Albanese geht am Rande des Trainings seiner Lateinformation bei den Bewegungen mit.
Mit vollem Einsatz dabei: GGC-Trainer Roberto Albanese geht bei jeder Probe die Choreografie am Rand mit. Bild: Radio Bremen

Genauer bedeutet das: fünf Mal die Woche Training. Drei Mal unter der Woche ab 19 Uhr für jeweils drei Stunden. Nach den acht Stunden und mehr, die die Tänzerinnen und Tänzer vorher schon bei ihren Hauptberufen verbracht haben.

Da gibt es Zahntechniker, Tanzlehrer, Erzieher, Abteilungsleiter, Auszubildende und Studenten, die dann auch noch ihre Wochenenden opfern, um samstags und sonntags jeweils acht Stunden beim Intensiv-Training zu schwitzen. Und Roberto Albanese ist ein fordernder, anspruchsvoller Coach, der nach Perfektion strebt. Jede Einheit ist anstrengend. Wer das Tanzen nicht liebt, macht diese Qualen und Strapazen gar nicht erst mit.

Werders Trainingspensum im Detail

Das Pensum ist hart und kann mit jenem, das die Werder-Profi in einer normalen Spieltagswoche während der Saison absolvieren, locker mithalten. Bei Trainer Kohfeldt sieht der Rahmenplan durchschnittlich so aus: An einem Tag der Woche hat die Mannschaft frei (meistens Montag), an einem ist der Spieltag, an den übrigen fünf Tagen wird jeweils einmal für etwa 90 Minuten trainiert.

Dienstags kommt noch eine zweite Einheit hinzu. Das Training am Tag nach dem Spiel ist für alle Profis, die mindestens 45 Minuten lang im Einsatz waren, mehr als Regenerationsprogramm ausgesteuert. Doch insgesamt bittet Kohfeldt sechs Mal pro Woche zum Training.

Keine Siegerprämie für den WM-Titel

Bargfrede, Ihorst und Langkamp nebeneinander beim Schusstraining, Trainer Florian Kohfeldt steht im Hintergrund.
Werder-Profis beim Training: Die Arbeit findet jedoch nicht nur auf dem Rasen statt. Bild: Imago | Nordphoto

Hinzu kommen vor bzw. nach jeder Einheit noch etwa ein bis zwei Stunden hinzu, die die Werder-Spieler individuell für Krafttraining und Behandlungen aufwenden. Unter der Woche müssen die Profis zusätzlich noch für Medien-, Marketing- oder Sponsorenterminen zur Verfügung stehen, die zwischen 30 Minuten und vier Stunden dauern. Aber nicht jeder Spieler ist dabei täglich angefordert. Doch es sind eben Verpflichtungen, die die gute Bezahlung im Profifußball mit sich bringt. Von der können die Tänzerinnen und Tänzer des Grün-Gold-Clubs nur träumen.

Wenn sich die Bremer am Samstagabend in der Stadthalle ihren insgesamt 10. WM-Titel ertanzen, dann bekommen sie dafür eine Medaille um den Hals gehängt und einen Pokal in die Hand gedrückt. Das ist alles. Einen Siegerscheck oder dicke Prämien, wie sie auch für Fußballprofis völlig normal sind, erhalten sie nicht. All die Anstrengungen und Opfer, die das Grün-Gold-Team in den vergangenen Monaten auf sich genommen hat – alles nur für die Ehre. Weltmeister aus Leidenschaft quasi, wobei das Wörtchen "Leiden" wörtlich zu nehmen ist.

Am Ende nur noch Belastungssteuerung

Am Freitag aber, dem Tag vor dem großen Turnier, haben sich alle aus der Grün-Gold-Formation frei genommen. Kein Kindergarten, kein Uni-Hörsaal – volle Konzentration auf die WM. In dieser Woche waren die Trainingseinheiten schon etwas kürzer, bei Trainer Kohfeldt würde das Belastungssteuerung heißen. Bei den Albaneses auch.

"Es geht jetzt nur noch darum, im Training schnell auf dem Punkt zu sein und den Körper schonen", sagte Uta Albanese: "Und dass man das Gefühl für die Choreografie in die richtige Richtung schiebt." Ob sich der Einsatz gelohnt hat, erfährt Grün-Gold Samstagnacht auf dem Parkett der Bremer Stadthalle. Ohne Torsirene, aber so oder so mit 5.000 Fans im Rücken.

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Autorin

  • Petra Philippsen Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 5. Dezember 2019, 18:06 Uhr

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