Interview

Bremerhavener Tanz-Präsident Beer: "Die Erfolge sind nicht abgerissen"

Die TSG Bremerhaven feiert ihren 50. Geburtstag. Ein guter Grund, um mit Horst Beer auf große Tanz-Erfolge in der Vergangenheit und die Ziele in der Zukunft zu blicken.

Tänzerinnen und Tänzer der TSG Bremerhaven (Archivbild)
Die Latein-Formation der TSG Bremerhaven will in der kommenden Tanz-Saison wieder angreifen. Bild: DPA | Nordphoto/Witke
Herr Beer, wie wird der 50. Geburtstag der TSG Bremerhaven unter Corona-Bedingungen gefeiert?
Ursprünglich hatten wir geplant, jeden Monat ein besonderes Event durchzuführen. Zum Beispiel ein Bundesliga-Turnier, ein HipHop-Turnier und im November natürlich die Deutsche Meisterschaft. Aber auch für die Vereinsmitglieder sollte es etwas geben. Vielleicht in Form eines Vereinsballs. Ich befürchte, dass in den ersten sechs Monaten gar nichts stattfinden kann. Dieses halbe Jahr werden wir in 2022 dann vermutlich einfach dranhängen.
Was bedeutet der 50. Geburtstag des Vereins für Sie ganz persönlich?
Ich bin ja schon über 50, habe also die gesamte Zeit miterlebt. An die Gründung kann ich mich aber nicht mehr erinnern. Durch meine Eltern war ich aber schon früh mit dem Tanzen verbunden, wir haben ja auch direkt über der Tanzschule in der Elbestraße gewohnt. Ich weiß, dass ich damals schon mit dem Tanzen begonnen hatte. Mir war wichtig, dass ich mich zur Musik bewegen kann und etwas lerne.
War das Tanzen das bestimmende Thema in Ihrer Jugend?
Auf jeden Fall. Wir mussten ja nur einmal die Treppe runter, dann standen wir mitten in der Tanzschule. Meine beiden jüngeren Schwestern und ich sind mit dem Tanzen groß geworden. Für meine Eltern war es damals die Zeit des Aufbaus. Die gesamte Energie wurde in den Betrieb gesteckt. Vor allem in den 60er-Jahren gab es ja auch einen wahnsinnigen Boom, als es mit Discos und Partys richtig losging. Die Tanzschule war damals sieben Tage die Woche voll. Und sonntagmorgens hat dann die Formation trainiert.
War es klar für Sie, dass Sie das Tanzen zu Ihrem Beruf machen?
Nicht von Anfang an, aber es hat sich entwickelt. Erstmal habe ich mein Abitur gemacht, dann war ich zwei Jahre lang Zeitsoldat und habe parallel dazu getanzt. Dann kamen die Erfolge und ich wurde Profi. Nach der Profi-Laufbahn ging es dann in die Tanzlehrer-Ausbildung. Es hat sich alles so nahtlos entwickelt. Und im Nachhinein kann ich nur sagen: Alles hat sich perfekt gefügt. Ich hätte es nicht anders haben wollen.
Die ganz großen Erfolge konnte die TSG zuletzt nicht mehr feiern. Woran liegt das?
Das kann ich so nicht stehenlassen (lacht). Beim Einzel-Tanzen müssen schon zwei Menschen zusammenkommen, die absolut perfekt miteinander harmonieren. Wie meine Frau und ich. Das passt nicht immer. Bei der Formation habe ich mich stets auch kreativ sehr verwirklichen können. Im Jahr 2008 gab es aber den Punkt, an dem ich mir gesagt habe: „20-mal Deutscher Meister, 14-facher Weltmeister, 13-facher Europameister – da gibt es keine Steigerung mehr.“ Dann habe ich mich da etwas zurückgezogen. Ich persönlich habe für mich dann auch noch eine Steigerung erlebt, weil ich Bundestrainer geworden bin. Und was die Tänzerinnen und Tänzer angeht: Im HipHop sind wir absolute Weltspitze in Bremerhaven. Die Erfolge sind also nicht abgerissen, sondern finden nur in einer anderen Sparte statt.
Aber bei den Erfolgen der Latein-Formation gab es einen Bruch.
Bei der Latein-Formation muss es eine perfekte Infrastruktur geben. Der Verein muss das wirklich wollen und hinter dem Team stehen. Das hatten wir in Bremerhaven. Und jetzt aktuell es hat es der Grün-Gold-Club aus Bremen. Der noch wichtigere Punkt ist der Trainer. Das ist der Motor, der alles am Laufen hält.
Könnte eine Formation auch mit einem durchschnittlichen Trainer erfolgreich sein?
Ganz egal, wo Mannschaften einmal erfolgreich waren: Es waren immer die wahnsinnigen Trainer dahinter, die das Ding durchgezogen haben. Der absolute Erfolg ist also immer auch an eine starke Trainerpersönlichkeit gebunden. Egal, welche Formation wir weltweit nehmen: Es sind immer diese verrückten Trainer, die das in letzter Konsequenz auch wirklich machen. Und sie müssen natürlich auch eine gewisse Qualität haben. Nur dann funktioniert es. Bei uns musste das Trainer-Team nach meinem Rücktritt neu zusammengestellt werden. Das ist sehr gut gelungen. Heute stehen wir wieder mit vier Formationsteams da. Und der Verein steht zu 100 Prozent hinter den Formationen.
Ihr Rücktritt hat die TSG damals arg zurückgeworfen.
Für die TSG war es sicherlich ein Einschnitt, als ich nicht mehr da war. Viele Tänzerinnen und Tänzer haben dann vielleicht auch nicht mehr die Perspektive gesehen. Wir haben gute Trainer gehabt. Aber vielleicht nicht sofort wieder den Totalwahnsinnigen (lacht).
Horst Beer schaut grinsend in die Kamera.
Horst Beer hat mit der TSG Bremerhaven als Tänzer und Trainer bereits zahlreiche Erfolge gefeiert. Bild: Radio Bremen
Welche Ziele verfolgen Sie mit der aktuellen Latein-Formation?
Wir haben uns gut wiederaufgebaut. Mit Dirk Buchmann und Oliver Molthan haben wir gute Trainer gefunden, die hier eine Plattform bekommen. Wir haben uns über den 4. Platz bei der Deutschen Meisterschaft mit dem 3. Platz in der Liga wieder in den Treppchenrang reingetanzt. Und das Ziel für den Herbst bei der Deutschen Meisterschaft, die hoffentlich stattfinden kann, ist es, in der Bremerhavener Stadthalle vielleicht sogar noch einen Ticken höher zu kommen. Das ist der Plan. Damit das gelingt, habe ich mich bereit erklärt, wieder die Choreografie zu übernehmen. Für die Deutsche Meisterschaft werde ich jetzt auch eine neue Produktion angehen
Wie geht es für die Latein-Formation aktuell weiter?
In den letzten drei, vier Jahren sind wir in einer ständigen Steigerung gewesen. Im November ist die Deutsche Meisterschaft ausgefallen. Auch die Bundesliga-Saison in diesem Jahr fällt aus. Das bedeutet, dass die Deutsche Meisterschaft im November jetzt das nächste wichtige Turnier für alle Formationen in Deutschland ist.
Hätten Sie die Bundesliga-Saison trotz Corona gerne durchgeführt?
Ich habe volles Verständnis, dass sehr viele Menschen aufgrund von Corona Bedenken haben. Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass vielleicht zu früh alles abgesagt wird. Einfach, weil niemand die Verantwortung übernehmen möchte. Dann ist es manchmal etwas schade. Es ist sehr schwierig, eine Mannschaft im Januar zu motivieren, wenn das nächste Turnier im November stattfindet.
Wären Turniere denn durchführbar gewesen?
Ich hätte es schön gefunden, wenn Turniere notfalls erstmal ohne Publikum stattgefunden hätten. Selbst, wenn wir nur in unserem eigenen Saft geschmorrt hätten. Das wäre okay gewesen. Auch, wenn aktuell vielleicht nur sechs oder gar vier Teams teilgenommen hätten. Mit Hygienemaßnahmen hätten wir das auf jeden Fall regeln können. Ich glaube, es hätte Möglichkeiten gegeben. Fairerweise muss ich aber wiederholen, dass ich wirklich volles Verständnis für alle habe, die momentan Angst haben. Und ich weiß auch, dass es mit Blick auf die Sondergenehmigungen für das Training nicht alle so gut haben wie wir hier im Land Bremen.

(Das Interview führte Ariane Wirth. Aufgezeichnet von Karsten Lübben.)

TSG Bremerhaven: Der erfolgreichste Tanzsportverein der Welt wird 50

Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Ariane Wirth Moderatorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen mit sportblitz, 7. Februar 2021, 19:30 Uhr