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Aerosol-Test lässt Bremerhavener Eishockey-Fans hoffen

Video vom 21. Juni 2021
Eine Puppe sitzt auf einer Tribüne. Aus einem Schlauch an ihrem Mund kommt Luft, die blau dargestellt wird.
Bild: Radio Bremen | Luca Laube
Bild: Radio Bremen | Luca Laube

Wie groß ist die Gefahr, sich bei einem Eishockey-Spiel in der Bremerhavener Eisarena mit Corona zu infizieren? Wissenschaftler haben das jetzt untersucht.

Mit Fanschal, Trikot und Basecap ausgerüstet sitzt Oleg auf der Tribüne in der Bremerhavener Eisarena. Oleg ist allerdings kein verzweifelter Fan, der aus der vorletzten Saison der Fischtown Pinguins, als noch Zuschauer erlaubt waren, übrig geblieben ist, sondern eine Puppe und ein wichtiger Teil eines Experiments.

Die Stadthalle Bremerhaven hat ein wissenschaftliches Team des Fraunhofer Heinrich-Hertz-Instituts aus Goslar beauftragt zu ermitteln, wie groß die Gefahr ist, sich in der Eisarena mit dem Coronavirus zu infizieren. Die Betreiber wollen wissen, ob dort bald wieder Eishockey-Spiele und andere Veranstaltungen vor Publikum stattfinden können oder ob die Fischtown Pinguins eine weitere Saison vor leeren Rängen spielen müssen.

Schaufensterpuppen mit roten Trikots sitzen auf einer Tribüne.
Drei Puppen positioniert Wolfgang Schade auf der Tribüne. Bild: Radio Bremen
Wie funktioniert der Test?
Drei Dummys, die die meisten von Crash-Tests kennen, sitzen verkabelt auf der Tribüne. Ein Dummy, den die Wissenschaftler "Oleg" getauft haben, kann die menschliche Atmung simulieren. Durch einen Schlauch stößt er eine zuvor genau definierte Menge an Aerosole aus – bei diesem Test sogar mehr, als es ein Mensch bei der normalen Atmung tun würde. Um ihn herum sind Messgeräte aufgebaut, mit denen die Wissenschaftler die Verbreitung von Aerosole an verschiedenen Stellen messen, denn mittlerweile ist klar, dass die Corona-Viren zu einem großen Teil über die kleinen Partikel verbreitet werden, die wir Menschen beim Atmen oder Sprechen ausstoßen.

Die anderen beiden Dummys simulieren einatmende Mitmenschen auf Nachbarplätzen. Sie haben einen Filter vor dem Mund. "Auf dem Filterpapier setzen sich die Prüf-Aerosolen, die wir imitieren, ab, und das wird anschließend bei uns im Labor chemisch analysiert", erklärt Versuchsleiter Wolfgang Schade. So wissen die Experten hinterher, wie viel Aerosole von "Oleg" etwa auf dem Nachbarplatz oder in der Reihe davor landet. Die Hoffnung ist, dass möglichst viel Aerosole von der Lüftungsanlage abgesogen wird.

Ich verspreche mir davon, dass wir ein gutes Ergebnis haben, was unsere Lüftungsanlage kann, weil wir natürlich irgendwann – möglichst bald – wieder die Rückkehr der Fans hier feiern wollen.

Ein Mann guckt in die Kamera.
Othmar Gimpel, Geschäftsführer der Bremerhavener Stadthalle
Wie seriös ist der Test?
Das wissenschaftliche Team des Fraunhofer Heinrich-Hertz-Instituts unter der Leitung von Wolfgang Schade macht den Test nicht zum ersten Mal. Rund 40 Mal haben die Experten die Verbreitung von Aerosole an Veranstaltungsorten getestet. So waren sie unter anderem im Konzerthaus Dortmund, im Stadttheater Itzehoe und bei einem Testkonzert im Großen Sendesaal des NDR in Hannover. Zuletzt hat das Institut ein Handballspiel in der Hamburger Barclaycard-Arena mit 2.000 Zuschauern wissenschaftlich begleitet. Das Ergebnis macht Hoffnung. "Auf den Nachbarplätzen sind fast keine Aerosole angekommen, die haben eine gute Lüftungsanlage", berichtet Schade. Er hofft, dass er mit dem Test auch die Leistungsfähigkeit der Belüftungsanlage in der Eisarena wissenschaftlich untermauern kann.
Ein Mann guckt in die Kamera.
Versuchsleiter Wolfgang Schade überwachte den Test am Montagnachmittag in der Eisarena. Bild: Radio Bremen
Wann gibt es die Ergebnisse?
Die Daten will das Team in den kommenden Tagen auswerten. Dann werde es aber keine klare Aussage zu möglichen Veranstaltungen in der Eisarena geben, sagt Schade. Sein Team werde die Daten Virologen und Infektiologen zur Verfügung stellen, die diese Daten bei der Einschätzung von Risiken berücksichtigen können. Auswertungen in anderen Hallen hatten aber ergeben, dass Veranstaltungen durchaus stattfinden können, wenn auch mit weniger Zuschauern.

Schon jetzt könne er sagen, dass die Lüftungsanlage vergleichbar sei mit der Anlage in der Barclaycard-Arena, sagt Schade. Auch in der Eisarena werde Frischluft unter den Sitzen eingelassen und unter der Decke werde die Luft wieder abgesaugt. So entstehe ein Luftstrom Richtung Decke. "Über diese Luftströmung werden dann die Aerosole entsprechend mitgetragen und entsprechend dorthin abgeführt", erklärt Schade. Der Vorteil in der Eisarena sei zudem, dass die Steigung der Sitzreihen größer sei als in einem Konzertsaal oder Theater. So würden Zuschauer ihren Vordermännern und -frauen nicht direkt in den Nacken atmen.
Blick von den leeren Rängen auf die Eisfläche in der leeren Eisarena in Bremerhaven.
Ob die Halle leer bleibt oder hier bald wieder Zuschauer sitzen können, wird sich in den kommenden Wochen entscheiden. Bild: Radio Bremen
Wie groß ist die Chance, dass bald wieder Publikum in die Arena darf?
Derzeit sind Großveranstaltungen mit Zuschauern noch verboten. Sollten sie wieder zugelassen werden, wollen die Pinguins vorbereitet sein. Deshalb bleibt dies auch nicht der einzige Test in der Eisarena. Als Nächstes soll laut Stadthallen-Geschäftsführer Othmar Gimpel bei einem offenen Eishockey-Training eine Idee für die Kontaktnachverfolgung getestet werden: Jeder Zuschauer bekommt einen Schlüsselanhänger, der mit den Schlüsselanhängern der anderen Fans kommuniziert. "Im Falle einer Infektion können wir dann sicherstellen, dass die Kontakte im Umfeld dieser Person ganz schnell identifiziert werden können", erklärt Gimpel.

Am 20. und 21. August sollen beim swb-Cup erstmals wieder Fans in die Halle dürfen. Ob alle 4.647 Plätze besetzt werden dürfen, ist also noch offen. Im Konzerthaus in Dortmund, wo Schade und sein Team einen ihrer ersten Tests durchgeführt hatten, hat in der vergangenen Woche ein Konzert mit immerhin 500 Zuschauern stattgefunden, die wie auf einem Schachbrett verteilt mit Abstand saßen.

Ich bin guten Mutes, dass wir auch gemeinsam die Politik überzeugen können, dass so etwas funktionieren kann.

Ein Mann guckt in die Kamera.
Othmar Gimpel, Geschäftsführer der Bremerhavener Stadthalle

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Autoren

  • Sonja Harbers Autorin
  • Luca Laube Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 21. Juni 2021, 19:30 Uhr