Interview

Robert Förstemann: "Dieser Sturz war prägend"

Vergangenes Jahr überschattete der Horror-Sturz von Sprint-Star Robert Förstemann die Sixdays. Jetzt ist er wieder mit dabei – aber die Entscheidung fiel ihm schwer.

Video vom 9. Januar 2020
Sprinter Robert Förstemann im Porträt, im Anschnitt sind die Bremer Stadtmusikanten zu sehen.
Wenn Sie jetzt hier in der Kurve auf die Bahn schauen, was sagt da Ihr Gefühl?
Das ist merkwürdig. Auf der einen Seite freue ich mich riesig auf die Veranstaltung – und auch, wieder zurück zu sein. Das Rennen letztes Jahr lief ja unglaublich gut für mich, besser als erwartet. Grade auch mit dem Bahnrekord und in der Gesamtwertung war ich Erster. Es wäre schon drin gewesen, das gesamte Sprinter-Rennen zu gewinnen. Und dann auf einmal von 73 km/h auf Null innerhalb weniger Meter! Nicht nur, dass die Gesamtwertung damit ruiniert war, sondern auch meine Gesundheit. Das war natürlich krass. Und jetzt wieder hier zu sein, das ist schon ein bisschen aufregend.
Sie haben jahrelange Erfahrung und haben sich sicher schon sehr oft hingelegt. War dieser Sturz trotzdem etwas Besonderes?
Ja, das war der schlimmste Sturz für mich. Das ist einfach so. Ich hatte mir damals die Schulter gebrochen – das Schulterblatt – und zwei Rippen, eine Rippe ragte ein bisschen in die Lunge rein, und auch am Kopf hab ich was abgekriegt. Mein Schlüsselbein war kaputt. Das gab es so halt bis dahin noch nicht. Meine Muskulatur hat immer viel abgehalten. Aber daran hat man auch gesehen, welche Kraft da gewirkt hat. Ich hatte über 70km/h drauf. Ich bin am Abend vorher einen Bahnrekord gefahren, den eigentlich die meisten für unmöglich hielten, also, dass der alte Rekord überhaupt gebrochen wird. Und ich hab den deutlich unterboten. Ich war ein bisschen in meinem Wahn und wollte halt nochmal ein Zehntel schneller fahren am nächsten Abend. Und ich wusste, ich habe so gute Beine und hab dann alles auf eine Karte gesetzt.

Ich bin dann da oben angefahren mit allem was ging. Ja, und dann ist der Reifen vorne geplatzt – und du kriegst das ja selbst gar nicht mit. Es war dann auf einmal nur dunkel. Die nächste Erinnerung, die ich dann hatte, war, wie sie mich hier raustransportiert haben im Krankenwagen. Das war ein bisschen wie ein Film, eigentlich überhaupt nicht real. Und dann war ich auch recht schnell im Krankenhaus. Da hat sich dann der Arzt neben mich gesetzt und hat gesagt: 'Herr Förstemann, ich erzähle Ihnen jetzt mal, was sie alles haben.' Und dann hat der da die Liste runtergerattert und ich konnte das gar nicht glauben. Ich dachte, der redet von einer anderen Person, der kann nicht mich meinen.

Das war natürlich schon prägend. Es hat auch ein Jahr gedauert, bis ich wieder komplett hergestellt war. Von daher war das schon heftig, ja. Es hätte auch anders ausgehen können.
Haben Sie gezögert als die Anfrage kam, ob Sie hier nochmal fahren?
Ja, ich hab mehrfach drüber nachgedacht, auf jeden Fall. Ich hab ja nicht nur Verantwortung für mich alleine. Ich hab ja auch eine Familie zuhause, zwei Kinder. Und das war auch das Verrückte an dem Tag des Rennens, an dem Samstag, dass meine Frau zu mir gesagt hat: 'Denk dran, du hast zwei Kinder.' Weil ich ihr gesagt hatte, dass ich nochmal schneller fahren wollte. Das war auch das Erste, was ich im Krankenwagen wollte, meine Frau anrufen, weil ich so ein schlechtes Gewissen hatte.
Und dementsprechend haben wir da natürlich auch drüber gesprochen zuhause. Und ich hab auch drüber nachgedacht, ob ein Start sinnvoll ist.

Es ist diese besondere Atmosphäre hier und ganz, ganz wichtig für mich ist der Trainingseffekt. Wir fahren ja sehr, sehr viele Wettkämpfe. Ich komme auf sehr, sehr viele Wettkampfkilometer innerhalb kürzester Zeit und das gibt mir eine enorm gute Form. Und das ist es, was ich mir auch erhoffe. Wir haben Ende Januar eine Weltmeisterschaft auf dem Tandem zusammen mit Kai Kruse im Paracycling. Und da haben wir uns vorgenommen eine Medaille zu ergattern. Dafür ist das hier wirklich eine super Vorbelastung, sag ich mal – ein super Training. Und da hab‘ ich mir gesagt: 'Ja, wir probieren’s nochmal!'.
Sixdays Bremen  Robert Förstemann
Warmfahren am Abend: Läuft wieder. Bild: Soller Fotografie | Oliver Soller
Kann man davon ausgehen, dass Sie dann vielleicht nicht nochmal den neuen Bahnrekord angehen?
Das kann ich noch nicht richtig sagen. Ich könnte mich jetzt hinstellen und sagen, ich bin vorsichtiger. Aber ich kenne mich – diese Gedanken werden ausgeschaltet in dem Moment, wo ich hier oben an der Bande rumfahre, meine Musik läuft und die Leute mich anfeuern. Das ist auch so ein extremer Ehrgeiz, der ist manchmal schon ein bisschen eklig, aber das ist das, was uns Leistungssportler auszeichnet und zu den Erfolgen führt. Ich werde gucken, ob ich es beeinflussen kann. Aber im Endeffekt ist mein Ziel hier auch, so gut wie möglich abzuschneiden und ein gutes Training zu haben. Und ja, wenn dann nochmal ein Bahnrekord bei rausspringt, ist es natürlich toll, aber man muss schon ein bisschen die Kirche im Dorf lassen.

Autorin

  • Maike Albrecht

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 9. Januar 2019, 18:06 Uhr