Interview

Weltmeister Wellbrock: "Muss nicht den deutschen Schwimmsport retten"

Florian Wellbrock ist derzeit der erfolgreichste deutsche Schwimmer. Im Sportblitz-Interview verrät der gebürtige Bremer, ob ihn die neue Rolle des Gejagten anspornt.

Video vom 18. März 2021
Wellbrock zeigt nach seinem WM-Sieg über 1.500 Meter selbstbewusst Richtung Anzeigetafel.
Bild: Reuters | Evgenia Novozhenina
Bild: Reuters | Evgenia Novozhenina

Florian Wellbrock hat sich bei der WM 2019 in Südkorea Gold über zehn Kilometer im Freiwasser und über 1.500 Meter im Becken geschnappt – und wurde damit auf einen Schlag der neue Star der deutschen Schwimmszene.

Nie zuvor hatte ein Schwimmer Gold sowohl im Becken als auch im Freiwasser geholt, nun schaut die Langstrecken-Welt auf diesen 23 Jahre alten gebürtigen Bremer und ist gespannt, ob er auch die Olympischen Spiele in Tokio rocken wird.

Wie er mit seiner neuen Rolle als Gejagtem umgeht, was er aus seinem missglücktem Olympia-Debüt 2016 gelernt hat und warum er sich nicht als Retter des deutschen Schwimmsports sieht, erzählt Wellbrock im Sportblitz-Interview.

Schwimmer Florian Wellbrock schaut gebannt nach einem Rennen bei den deutschen Meisterschaften auf die Zeitentafel.
Bei den deutschen Kurzbahnmeisterschaften 2019 stellte Florian Wellbrock über 800 Meter Freistil in 7:32,04 Minuten einen neuen deutschen Rekord auf. Bild: Imago | Bernd König
Florian Wellbrock, Schwimmtraining unter Corona-Bedingungen ist sicher nicht ganz einfach. Wie geht es Ihnen?
Mir geht's super. Ich bin zur Zeit in Magdeburg und das Training läuft soweit nach Plan. Und mit den Zeiten, die ich im Training schwimme, bin ich auch zufrieden.
Stand jetzt sollen die Olympischen Spiele stattfinden. Wie groß ist denn Ihre Vorfreude?
Die ist natürlich schon da, ich freue mich riesig darauf, erstmal in den Flieger zu steigen und hoffentlich gesund anzukommen. Ich bin insgesamt sehr gespannt, wie die Spiele vor Ort stattfinden werden. Ich könnte mir vorstellen, dass in Tokio alles in etwas ruhigerem und kleinerem Rahmen abläuft – und ohne Zuschauer. Anders kann ich es mir nicht vorstellen, das würde das Risiko nur unnötig vergrößern. Daher denke ich, dass Zuschauer dieses Mal ausgeschlossen werden.
Ihre Eltern in Bremen fiebern immer mit Ihnen mit – kommen sie mit nach Tokio?
Die haben ihre Tickets und das Hotel ist auch schon gebucht. Aber ob sie einreisen dürfen, muss man abwarten. Ansonsten würden sie vorm Fernseher mitfiebern. Die Unterstützung meiner Familie ist das A und O. Sie haben mich von klein auf dorthin gebracht, wo ich jetzt bin. Es tut gut, dass sie auch für den Schwimmsport leben und ich kann mich doppelt freuen, wenn ich weiß: Ich habe gerade meine Eltern stolz gemacht.
Unterwasseraufnahme, wie Wellbrock sich nach der Wende abstößt.
Abtauchen in seine Welt: Florian Wellbrock ist sowohl im Becken als auch im Freiwasser Weltklasse. Bild: Reuters | Stefan Wermuth
2016 waren Ihre ersten Olympischen Spiele, da sind Sie allerdings im Vorlauf ausgeschieden. Wie blicken Sie darauf zurück?
Ich konnte bei diesen Spielen sehr viel lernen, mich umgucken, wie man als Profi arbeiten muss. Ich denke, das hat ein bisschen meinen Weg geebnet und mich stark gemacht für das, was kommt. 2016 waren 11.000 oder 12.000 Zuschauer im Schwimmstadion, das hat mich damals einfach umgehauen. Das war zu viel für mich in dem Moment, darauf war ich nicht vorbereitet. Und das hat mir Angst gemacht. Jetzt bin ich mental so weit, dass ich mich auf die Atmosphäre freue. Und ich bin fest überzeugt, dass ich dieses Mal nicht im Vorlauf ausscheide, sondern ein bisschen weiter komme.
Jetzt sind Sie Doppel-Weltmeister. Hat Sie das selbstbewusster gemacht?
Ja, einerseits schon. Aber ich bin jetzt auch der Gejagte. Vorher bin ich 2018 und 2019 als Underdog in die Rennen gegangen. Jetzt schaut die ganze Langstrecken-Welt auf mich und jagt mich. Ich muss also verteidigen. Aber für mich ist das auch eine Ehre, wenn ich auf den Startblock steige und dann gesagt wird: "Florian Wellbrock, der Weltmeister". Ich hoffe, dass mich das dann nochmal beflügelt.
Wellbrock kämpft im Freiwasser bei der Schwimm-WM in Südkorea.
Auch im Freiwasser Weltmeister: 2019 holte Florian Wellbrock in Südkorea über zehn Kilometer Gold. Bild: Imago | LaPresse
Hat das den Druck auf Sie erhöht?
Ein Stück weit schon. Ich merke, dass mein Name recht oft fällt, wenn in den Medien von Schwimmen die Rede ist. Ich verspüre aber nicht den Druck, dass ich den deutschen Schwimmverband retten muss. Das ist überhaupt nicht meine Aufgabe. Wir haben noch ein paar Namen, die in Tokio Medaillen holen können. Die Last liegt nicht nur auf meinen Schultern.
Ihre Verlobte Sarah Köhler ist eine dieser Namen – Sie gelten als Schwimm-Traumpaar. Stört Sie das?
Nein, wir wurden schon lange als Paar wahrgenommen, es gab Schlagzeilen wie "Das Power-Paar im DSV". Aber das blenden wir ganz gut aus. Trotzdem ist es ganz schön, wenn man eine Partnerin an der Seite hat, die die gleichen Ziele verfolgt und man am gleichen Strang zieht. Das macht schon Spaß. Aber mit dem Heiraten hat es noch Zeit – erstmal die Olympischen Spiele.
Schwimmer Florian Wellbrock mit seiner Freundin Sarah Köhler am Rande der deutschen Meisterschaften 2019 beim Aufwärmen.
Traumpaar des Schwimmsports: Sarah Köhler und Florian Wellbrock sind seit Ende 2020 verlobt. Bild: Imago | Camera 4

Das Interview führte Janna Betten, aufgezeichnet von Petra Philippsen.

Autorin

  • Janna Betten Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 18. März 2021, 18:06 Uhr