Von Vegesack in die Karibik: Zwei Bremer segeln quer über den Atlantik

Lockdown? Von wegen! Von Vegesack nach Marseille, über den Atlantik bis zu den Antillen: Die Bremer Crew der "Klara" hat sich einiges vorgenommen für die Winterwochen.

Video vom 9. Dezember 2020
Zwei Rentner stehen auf einem Segelboot, welches in einen Hafen einfährt.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Auf dem elf Meter langen Alusegler sieht es am Tag nach Nikolaus noch so aus, als hätte hier gerade eine Werft-Crew alles auseinander genommen. Alles liegt voll: Segel, Isolierpaneele und eine noch eingepackte Rettungsinsel füllen die V-Koje vorne. Werkzeug, Elektronikteile und Nippes lassen die Ablagen überquellen. Auch die Küche deutet auf Männerbetrieb hin.

Startschuss in Vegesack

Trotzdem kriegen Rainer Ruge und Lüder Bischoff dieses diebische Leuchten der Vorfreude nicht aus ihren Augen, während sie die zwölfte Alukiste voller Proviant auf die "Klara" hieven: Sie tun es wirklich! Sie starten mit dem elf Meter langen Reincke-Alu-Segler heute mit Kurs Karibik.

Gott lächelt ja eigentlich über Menschen, die Pläne machen. Aber wir haben einiges vor!

Der Segler Lüder Bischoff aus Bremen-Nord sitzt im Segelboot "Klara" und hat eine Pfeife im Mund.
Lüder Bischoff, Co-Skipper auf der "Klara"

Was auf den ersten Blick wie eine spinnerte Idee wirkt, erscheint nach einigen Nachfragen alles logisch und ist von ziemlich langer Hand geplant: Rainer Ruge ist schon im August auf die "Klara" gezogen, hat seine Wohnung und seinen Hausstand verkauft. Seit sechs Jahren arbeitet der Maschinenbautechniker schon an seinem Traum, einen alten Rumpf praktisch neu auszubauen: 1984 ist die "Klara" auf der Deters-Werft gebaut worden, hatte drei Eigner und jetzt einen, der noch einmal so richtig lange mit ihr los will.

Der Windgenerator ist neu, die Fenster, Herd und Backofen, die Solarpaneele auch. Wir wollen unseren Strom komplett selbst machen und brauchen auch deshalb viel, weil wir einen eigenen Watermaker an Bord haben – uns also bestes Trinkwasser selbst herstellen können.

Der Segeler Rainer Ruge aus Bremen-Nord sitzt im Segelboot "Klara" und lächelt in in die Kamera.
Rainer Ruge, Maschinenbautechniker und Eigner der "Klara"

Die neuen Matratzen kommen noch, der neue Kühlschrank läuft. Den alten Motor hat er rausgeschmissen, die gesamte Elektronik neu installiert. Ein Tauchkompressor geht mit auf die Reise des Sporttauchers Ruge, ein zweiter extra-schwerer Anker, ein Bordfahrrad.

Das Segelboot "Klara" liegt im Hafen von Bremen-Vegesack.
Wenn die "Klara" nicht gerade auf einer Weltumsegelung ist, liegt sie im Hafen von Bremen Vegesack. Bild: Radio Bremen | Volker Kölling

Rainer Ruge hat sich ein Passatsegel von über siebzig Quadratmetern gekauft, dass sich an seinem Vorstag aufklappen soll, sobald der stetige Lieblingswind der Atlantiküberquerer bläst. Zwei neue Dachluken sollen in der Tropenhitze für Durchlüftung sorgen. Anders herum gedacht: Auch das Sturmsegel ist neu, wenn es mal hart wird. Und was hilft gegen die Kälte im Winter? Ruge lacht: "Ich will in die Karibik und musste mir jetzt trotzdem eine Heizung einbauen. Wir wollen jetzt fahren."

Quarantäne-Vorbereitungen, Proviant und andere Herausforderungen

Lüder Bischoff unterstützt Ruge bei den Terminplänen, obwohl der eigentlich schon im Frühsommer los wollte. "Es wird ja wärmer, je weiter wir nach Westen kommen. Und jetzt kommen wir gerade noch vor den Wirbelstürmen durch die Karibik. Und da, wo wir hinwollen, auf den Kleinen Antillen, ist man schon raus aus der Wirbelsturmzone."

Dass sie jetzt mit der "Klara" im Winter praktisch keine geöffnete Wassersportinfrastruktur mehr auf ihrem Weg über die Kanäle und Flüsse Europas antreffen werden, wissen die beiden. Sogar auf Quarantäne haben sie sich eingestellt und für vier Monate Proviant gebunkert. "Aber natürlich wollen wir auch mal vom Schiff runter und frische Sachen einkaufen", sagt Rainer Ruge.

Größere Problem sieht Lüder Bischoff woanders:

Wir haben kurze Tageslichtzeiten, in denen wir zum nächsten Liegeplatz finden müssen. Und wir werden keine Sportbootschleusen benutzen können, sondern fast ausschließlich Berufsschifffahrtsschleusen.

Der Segler Lüder Bischoff aus Bremen-Nord sitzt im Segelboot "Klara" und hat eine Pfeife im Mund.
Lüder Bischoff, Co-Skipper auf der "Klara"

Heißt übersetzt: Die "Klara" wird in echten Betonschluchten und an glitschigen Spundwänden liegen, alles an Fendern und Brettern und Leinen draußen haben, was sie an Bord hat. Und die beiden Vorruheständler werden gelenkig wie Totenkopfäffchen so manche Endlossprossenwand erklimmen müssen.

Die Segler Rainer Ruge und Lüder Bischoff stehen auf ihrem Segelboot "Klara" und lächeln in die Kamera.
Die Segler Rainer Ruge (links) und Lüder Bischoff starten am 12. Dezember mit der "Klara" von Vegesack in die Karibik. Bild: Radio Bremen | Volker Kölling

Lüder Bischoff meint, dass dieses Training das Fitnessstudio spart. Und er sei eben lieber auf einem Schiff als in einem Haus eingesperrt. Typische Wassersucht, übertragen von den eigenen Eltern, die den dreijährigen Lüder schon auf Langfahrt mitnahmen. Als Rainer Ruge ihm auf der Reiners Bootswerft an der Lesum von seinen Törnplänen erzählte, konnte Lüder Bischoff nicht lange widerstehen, seine Dienste als Co-Skipper anzubieten. Und Weihnachten? Frau und die Lieben zu Hause und so? Bischoff grinst: "Weihnachten ist was für Kinder."

Letzte Arbeiten am Schiff werden während der Reise gemacht

Seit seinem Entschluss plant er fleißig alles durch: 1.600 Kilometer bis zur Rhonemündung bei Marseille, 234 Schleusen – im Sommer ist das in dreißig Tagen zu schaffen, hat Bischoff recherchiert. Jetzt rechnet er mit 40 Tagen. Also mehr als einem Monat, um die "Klara" fit für das blaue Wasser zu machen. Ruge und Bischoff werden sich abwechseln am Ruder. So kann der jeweils andere sich um die Erledigungen der letzten Arbeiten kümmern: Verkleidungen müssen noch an Wänden und Decken montiert werden und auch sonst geht noch eine ganze Menge beim Bootsfinish. Trotzdem ist sich die Crew einig: Bis sie an der Rhonemündung den Mast stellen, wird die "Klara" ein reinrassiges Hochseeschiff sein.

Und dann wollen beide schnell durch den Löwengolf, um bei Bischoffs Freunden auf Mallorca Station machen zu können. Auch das Reiseziel, die ABC-Insel Bon Aire, ist nicht ohne Grund gewählt: Rainer Ruge ist früher mal zur See gefahren, hat seinen Tauchlehrer in Mittelamerika gemacht und kennt die ganze Ecke rund um Honduras, Costa Rica und eben die zu den Niederlanden gehörenden Kleinen Antillen.

Es ist da fast wie in Europa. Nur wärmer. Von den Lebenshaltungskosten her ist es praktisch genau so teuer wie hier in Deutschland. Das Gesundheitssystem ist prima. Und die internationalen Schulen sind gut.

Der Segeler Rainer Ruge aus Bremen-Nord sitzt im Segelboot "Klara" und lächelt in in die Kamera.
Rainer Ruge, Maschinenbautechniker und Eigner der "Klara"

Er möchte gerne seine zwölfjährige Tochter nachholen. Ansonsten wird er an Bremen-Nord wenig vermissen, versichert der 62-Jährige: "Ich bin aber auch kein Typ, der Heimweh bekommt. Und ich gebe ja auch meinen Pass nicht ab. Sollte ich doch Heimweh kriegen, komme ich einfach wieder zurück."

Aber sechs, sieben Jahre gibt er sich und seinem Traum mindestens. Dann wäre er fast siebzig. "Als ich damals da unten mit der Handelsmarine war, habe ich mir schon geschworen: Hier kommst du noch einmal auf eigenem Kiel her."

Autor

  • Volker Kölling Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 10.Dezember 2020, 19:30 Uhr