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Keine Bremer Sixdays: Schwere Zeit für frustrierte Sportler und Macher

An diesem Donnerstag wären die Sixdays in Bremen gestartet. Jetzt: Stillstand, das erste Mal seit 57 Jahren. Und das ausgerechnet im Olympia-Jahr.

Video vom 10. Januar 2021
Aufstellung zum Finale bei den Sixdays Bremen
Bild: Soller Fotografie | Oliver Soller
Bild: Soller Fotografie | Oliver Soller
Sind die Sixdays für die Bahnradfahrer überhaupt wichtig? Gerade in Bremen gilt das Rennen doch als Show-Veranstaltung.
Die wenigen Sechs-Tage-Rennen, die es in Europa noch gibt, sind für die Bahnradfahrer enorm wichtig. Zwar ist ein Sieg hier sportlich nicht so hoch bemessen wie beispielsweise bei einem Weltcup, aber sechs Tage lang Rennen zu fahren, vor allem das so genannte "Madison", das sind die Jagden, sind für die Entwicklung als Bahnfahrer enorm wichtig.
Theo Reinhardt aus Berlin beispielsweise ist zweifacher Weltmeister im Madison, hofft bei Olympia auf eine Medaille in dieser Disziplin. Wenn die Spiele im Sommer stattfinden, ist er aber rund eineinhalb Jahre kaum Madison gefahren, denn das wird intensiv und viel nur bei den Sixdays praktiziert. "Da gehen jetzt über das Jahr viele Automatismen verloren", sagt er. "Ich gucke mir teilweise Rennen über Video an, um die Wettkampfschule nicht zu verlieren. Das ist schon ein herber Einschnitt für uns."
Er trainiere zwar hart, sagt er, aber ohne Wettkämpfe wissen die Sportler auch nicht, wo sie im Vergleich zur Konkurrenz stehen. Ob und wenn ja welche Wettkämpfe es vor Olympia noch gibt, ist noch völlig offen.
Theo Reinhardt Weltmeisterschaft 2020
Anfang März holte Theo Reinhardt noch Bronze bei der Bahnrad-WM, danach schlug die Corona-Pause zu. Der Weltmeister von 2019 und 2018 hofft auf eine Olympiamedaille. Bild: DPA | Sebastian Gollnow

Dazu kommt, dass sich die Fahrer bei den Sechs-Tage-Rennen Geld dazuverdienen. Reinhardt ist zwar in der Sportfördergruppe der Bundeswehr und bekommt mit seinem Sold ein Grundgehalt, ist also abgesichert. Viele, gerade junge Fahrer, brauchen aber jeden Euro, den sie verdienen können. Und auch Reinhardt nutzt seine Gage von den Sixdays, um sich seinen Sport auf Weltklasse-Niveau finanzieren zu können – für Ernährung, Mobilität, Trainingslager und Material.

Wie sieht es wirtschaftlich für die Sixdays aus?
Für die Sixdays selbst, das heißt für die Gesellschaft, die das Rennen durchführt, ganz gut. Das ist die Event Sport Nord GmbH. Fünf Gesellschafter beteiligen sich dort, die größte Last (84,9 Prozent) verteilt sich auf drei Gesellschafter. Da das Rennen sehr früh abgesagt wurde, macht die ESN keine Verluste, da die Gesellschaft im Grunde nichts ausgegeben hat. Sie haben weder eine Bahn bestellt, noch Fahrerverträge unterzeichnet oder größere Marketing-Ausgaben gehabt.
Und wie geht es den Gesellschaftern?
Nicht gut. Die drei Haupt-Gesellschafter kommen alle aus Bereichen, die stark von der Corona-Krise betroffen sind. Messe, Catering und Eventtechnik. Die Firma Geschmackslabor ist Großcaterer, kümmert sich auf Messen, Konzerten und Großveranstaltungen aller Art ums Catering. Außerdem beliefern sie Schulen und Kitas mit Mensa-Essen. Fast alle Aufträge sind weggebrochen. 95 Prozent Umsatz-Einbußen habe er, sagt Geschäftsführer Kadir Soytürk. Aber: "Ich glaube nicht, dass es unsere Existenz bedroht, aber die Lage ist schon sehr sehr brisant. Man geht nach Hause, legt sich ins Bett und überlegt, wie kriegt man den nächsten Tag rum, was kann ich machen, damit ich überhaupt noch Geschäft generieren kann."

Auch der zweite Gesellschafter, die Eventtechnik-Firma AVM aus Schwanewede, hat fast alle Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt und lebt größtenteils von Reserven und von einem neuen Streaming-Studio, das Geschäftsführer Jens Wiegandt in der ÖVB-Arena gebaut hat.

Außerdem ist die Stadt mit 24,9 Prozent an den Sixdays beteiligt in Form der Messegesellschaft M3B. Dazu gehören Messe, Ratskeller und Großmarkt. Beim Ratskeller und beim Großmarkt laufe das Geschäft weitestgehend normal, sagt Geschäftsführer Hans Peter Schneider. Bei der Messe aber gibt es seit April 2020 einen Stillstand. Sechs Millionen Euro Verlust waren es 2020. "Das ist kein Pappenstil, deshalb sind wir angewiesen auf eine Liquiditätsunterstützung der Stadt, die wir bekommen. Im Januar, Februar müssen geordnete Gespräche mit dem Gesellschafter, der Deputation und der Stadt stattfinden. Dann muss entschieden werden, ob man aus dem Bremen Fonds eine Umwandlung vornehmen darf", so Schneider. Außerdem werde auch die M3B GmbH November- und Dezemberhilfen beantragen.
ÖVB Arena im Nebel
In der ÖVB-Arena soll es auch künftig ein Sechs-Tage-Rennen geben. Der Termin für 2022 steht bereits: 13. bis 18. Januar. Bild: Radio Bremen
Droht den Sixdays zukünftig das Aus, wenn es den Gesellschaftern wirtschaftlich schlecht geht?
Offenbar nicht, das versichern zumindest alle drei Hauptgesellschafter. Selbst nach einem so schwierigen Corona-Jahr wolle man auch zukünftig an den Sixdays festhalten, sagt Kadir Soytürk vom Geschmackslabor. "Das ist eine Herzensangelegenheit und Tradition in Bremen. Das ist wichtig, dass wir diese Tradition in Bremen erhalten. Natürlich mussten wir als Sixdays-Gesellschafter immer gucken, wie kriegen wir die Kosten gedeckelt. Das ist immer ein Thema gewesen in den letzten Jahren und wird auch zukünftig ein Thema sein. Aber mit der richtigen Einstellung und den richtigen Leuten, wird man die Veranstaltung immer aufrecht erhalten können." Es liefen bereits Planung für das Rennen 2022, sagt auch Jens Wiegandt von AVM. Seine Firma bastelt an neuen Technik-Gimmicks für das Rennen.
Dass den Machern für die nächste Ausgabe im Januar 2022 viele Sponsoren abspringen, das glauben sie nicht. Schließlich gäbe es auch viele Branchen, die durch Corona gewonnen hätten, sagt Schneider. Und die gelte es, für die Sixdays zu begeistern.

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Autorin

  • Maike Albrecht Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen mit Sportblitz, 10. Januar 2021, 19:30 Uhr