Letztes Spiel für Einsatzleiter: "Früher war es harmloser"

Mehr als 13 Jahre war Heinz-Jürgen Pusch Polizei-Einsatzleiter bei Werder-Spielen. Das Pokalspiel war sein letztes. Vor dem Anpfiff erzählte er, wie brisant die Zeit war.

Polizeidirektor Heinz-Jürgen Pusch (Einsatzleiter Fußballspiele)
Heinz-Jürgen Pusch leitet beim Pokalspiel gegen Freiburg zum letzten Mal den Polizei-Einsatz.
Heute ist Ihr letztes Spiel. Wie geht es Ihnen damit?
Dadurch, dass dieses Spiel ein bisschen Brisanz hat und viel vorzubereiten ist, komme ich gar nicht auf den Gedanken, sentimental zu werden. Aber ich weiß, dass ich im Laufe des Tages den einen oder anderen Gedanken darauf verschwende, weil Kollegen sagen: "Oh, dein letztes Spiel." Da wird man dann doch ein bisschen wehmütig.
Sie haben diesen Job seit 2004 ausgeübt. Erzählen Sie doch mal von den Anfängen.
Bis 2004 war ich Polizei-Inspektionsleiter Süd und bin dann in die Polizei-Inspektion Mitte gewechselt. Damals galt noch das Regionalprinzip, und da das Weser-Stadion zu dieser Polizei-Inspektion gehört, war ich damit auch automatisch der Einsatzleiter für die Spiele im Weser-Stadion. Mein erster Einsatz war Werders Meisterfeier auf dem Markplatz, und mein erstes Spiel war dann die Partie des amtierenden Deutschen Meisters gegen Schalke 04. Das war auch ein herausragendes Spiel, denn das war die Partie, wo das Flutlicht ausging und die Muffe die Ursache war. Das war mein erstes Spiel. Ich wurde gleich ins Wasser geworfen.
Wie haben Sie das gemeistert?
Nach einer dreiviertel Stunde haben es SWB-Trupps geschafft, eine Umleitung für die defekte Muffe zu legen. Es war am Stadion ein bisschen grenzwertig, weil die Zuschauer auch langsam unruhig wurden. Und ich kann mich noch erinnern, dass man auf Schalker Seite ein Problem hatte, denn das Bier war plötzlich alle.
War das Aggressionspotential rund um die Fußballspiele zu Beginn Ihrer Zeit als Einsatzleiter vergleichbar mit heute, ist es schlimmer oder gar besser geworden?
Ich bin damals in einem Interview gefragt worden, was ich mir wünsche. Ich habe mir gewünscht, dass wir mit weniger Polizei bei den Einsätzen sind. In der Folge muss man aber sagen, dass wir mit immer mehr Polizei bei den Einsätzen gewesen sind. Das heißt, dass die Aggression und das Gewaltpotential damals wesentlich geringer gewesen ist. Die Anzahl der Leute und das, was da passiert ist, war im direkten Vergleich harmloser als heute.
Was war denn in Ihrer Laufbahn unter den 250 Spielen Ihr schlimmstes?
Das schlimmste Spiel war die Partie Werder gegen den HSV 2010. Da haben wir eine Blocksperre oben in der Westkurve gemacht. Es kam zu einem Treppensturz, bei dem es über 20 Verletzte gab, davon die Hälfte Polizeibeamte. Aus diesem Spiel resultierten Erkenntnisse, dass wir so eine Maßnahme dort nicht mehr durchführen können sowie die Kündigung der Tennisvereine um eine Freifläche für polizeiliche Maßnahmen zu schaffen.

Es ist in den dreizehneinhalb Jahren nie gelungen, in eine direkte Kommunikation mit den Ultras zu kommen.

Heinz-Jürgen Pusch
Sie haben erzählt, dass prügelnde Fans im Laufe Ihrer Zeit als Einsatzleiter schlimmer geworden sind. Was denken Sie über diese Fans?
Es gibt zwei Lager bei den Ultras. Da sind die unpolitischen Fans, die vor allem dem Support dienen und sich in den Dienst des Vereins stellen, um den zu unterstützen. Ob das nun im Spiel ist, mit Gesängen oder Bannern oder Choreografien. Bei denen ist öfter auffällig, dass sie auch Pyrotechnik anwenden, und das ist polizeilich gesehen ein No-Go. Auf der anderen Seite gibt es die linksorientierten-politisierten Ultra-Gruppierungen, die viele positive Anmerkungen haben, zum Beispiel gegen Nazis, Homophobie, Frauenfeindlichkeit und so weiter. Das, was wir dort nicht dulden können, ist, wenn sie selber Gewalt ausüben. Gewalt gegen rechts ausüben oder Gewalt gegen die Polizei ausüben. Dazu kommt, dass beide Gruppierungen gegen die Fans der einen oder anderen Gastmannschaft ein feindschaftliches Verhältnis haben.
Wie haben Sie am Anfang auf diese Fans geblickt?
Wir haben eigentlich immer versucht, in einen Dialog einzutreten, weil wir gedacht haben, wenn wir miteinander reden können und sich jeder der Rolle des anderen bewusst ist, kann man vielleicht auch Akzeptanz erzielen. Akzeptanz für polizeiliche Maßnahmen, und man kann vielleicht Vereinbarungen treffen. Es ist in den dreizehneinhalb Jahren, wo ich den Polizei-Einsatz mache, nie gelungen, in eine direkte Kommunikation mit den Ultras zu kommen. Wir haben die Fan-Betreuung von Werder Bremen, wir haben das Fan-Projekt und damit eine indirekte Kommunikation, bekommen aber nie eine Rückmeldung aus der Ultra-Szene, ob etwas, was wir gesagt haben, gemacht wird oder nicht. Wir haben in den letzten Jahren immer wieder Workshops durchgeführt mit Fan-Projekt und Fan-Betreuung, um dieses gegenseitige Rollenverständnis und möglicherweise Lösungen zu erarbeiten. Aber letztendlich ist es nie gelungen, die Ultras direkt in diesen Prozess mit einzubeziehen. Das ist schade.
War der Dialog mit den einzelnen Gruppen das Ziel Ihrer Laufbahn?
Explizit dieses Ziel hatte ich nicht. Ich hatte natürlich das Ziel, weniger Polizeikräfte einzusetzen, ein friedliches Fußballfest zu haben, um wenig Kräfte einsetzen zu müssen. Ein gewaltfreies Fußball-Event – das war mein Ziel und das ist halt nie gelungen. Der Dialog wäre eine Möglichkeit gewesen, um da den richtigen Weg zu gehen – und diesen Dialog hat es nicht gegeben.

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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 20. Dezember 2017, 17:45 Uhr