Interview

Olympia in Peking: Das sind die "unnachhaltigsten Spiele aller Zeiten"

Blick von unten auf die olympische Skisprunganlage der Spiele in Peking im Sonnenschein mit Kunstschnee bedeckt.
Bild: DPA | Associated Press / Yosuke Hayasaka

Wintersport im Kunstschnee, Wasser kilometerweit gepumpt, gerodete Berge – Geowissenschaftlerin Carmen de Jong sieht die angeblich so nachhaltigen Spiele kritisch.

Zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Peking in dieser Woche geht es nicht nur um den Sport, sondern auch um den Sinn solcher Großveranstaltungen und die Frage, wie nachhaltig diese sein können.

Symbolisch für die Spiele werden oft Bilder der Skisprung- oder der Bobanlage gezeigt, die funkelnagelneu in die Berge gepflanzt wurden. Was man dabei nicht sieht: Für diese olympischen Skisprungschanzen mussten nicht nur tausend Jahre alte Terrassenkulturen weichen, sondern auch ganze Dörfer – 1.500 Menschen wurden umgesiedelt.

Dabei haben die Veranstalter in ihrer Bewerbung versprochen, nachhaltige Spiele zu liefern und dafür zum Beispiel ausschliesslich Strom aus erneuerbaren Energiequellen einzusetzen. Die Geowissenschaftlerin Carmen de Jong dagegen sagt: Das werden "die unnachhaltigsten Spiele aller Zeiten".

Blick von unten auf die Skiabfahrtspiste in Peking bei den Winterspielen mit Kunstschnee auf den Pisten.
Kunstschnee auf den Pisten, grüne Bäume ringsherum: Peking ist kein Wintersportort. Bild: Imago | SNA
Frau de Jong, beginnen wir mit dem Schnee, besser dem nicht vorhandenen Schnee. Der kommt aus Schneekanonen, das machen viele Skigebiete in den Alpen auch. Inwiefern ist das nicht nachhaltig?
Es ist überhaupt nicht nachhaltig, weil ungefähr drei bis vier Mal so viel Wasser benötigt wird als in den Alpen. Das Klima und die Böden sind nicht für die künstliche Beschneiung geeignet. Weil es starke Winde und hohe Verdunstung gibt.

Und die Böden müssen sogar vorher benässt werden, bevor der Kunstschnee überhaupt haftet. Und zudem ist es eine Gegend mit einer akuten Wasserknappheit. Es ist kaum Wasser vorhanden, das heißt, es ist auch nicht vergleichbar mit den Alpen.
Ein Wintersportort ist Peking auch nicht, die Pisten wurden ebenfalls neu angelegt. Wie nachhaltig ist es dabei zugegangen?
Das Problem mit den Pisten ist, dass ganze Böden und die Wälder entfernt wurden in sehr steilem Gebiet. Die sind nun der Erosion ausgesetzt. Da sieht man auch jetzt schon Rutschungen. Und zudem befindet sich der alpine Standort mitten im Kern eines Naturschutzgebiets.

Und das Wasser muss von sehr weit hergepumpt werden. Dafür wurden extra kilometerweite Leitungen und neue Wasserreservoire angelegt. An einem Standort wird das Wasser beispielsweise aus 70 Kilometer Entfernung 1.700 Kilometer den Berg hochgepumpt. Das ist fast halb so hoch wie der Mont Blanc. Bei den anderen Standorten sind es über 30 Kilometer und auch 1.000 Höhenmeter Höhe. Das kostet jede Menge Energie.
Es sind auch noch für die Infrastruktur Straßen, Flughäfen und Schienen gebaut worden. Wie fällt da Ihr Urteil aus?
Bei den Zugverbindungen hat man schon auf Nachhaltigkeit geachtet, aber man muss da auch mit einrechnen, dass für den Bau des olympischen Dorfes, der Straßen oder Piste auch jede Menge CO2 freigesetzt wurde. Wenn man es grob überschlägt, sind es Millionen von Tonnen CO2, die ausgestoßen wurden. Aber es wurde nicht gesagt, wie das alles kompensiert wird und es wird alles nicht beziffert.
Die Chinesen sagen, sie hätten zum Teil Bäume gepflanzt als Ausgleich. Reicht das?
Bäume zu pflanzen ist eine langfristige Strategie, die funktioniert ja nicht von einem Jahr auf das andere. Da muss man erstmal 20, 30 Jahre warten. Und es sind ja auch nicht solche Mengen verglichen mit dem Ausstoß und dem Energiebedarf für das Pumpen des Wassers, die Schneekanonen und so weiter. Zudem muss man noch in Betracht ziehen, dass das Klima sehr trocken ist, sehr ungünstig. Und dass das Bäumepflanzen gar nicht richtig funktioniert. Ich habe es auf manchen Luftaufnahmen gesehen, dass die gepflanzten Bäume zum Teil wieder weg sind durch die Erosion oder die Trockenheit. Das muss man weiter beobachten.

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Autorin

  • Anja Goerz Moderatorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 2. Februar 2022, 8:10 Uhr