Strittige Szenen im Nord-Derby – alle richtig entschieden?

Bild: Imago | Nordderby

Schiedsrichter Daniel Siebert stand beim Duell zwischen dem HSV und Werder ständig im Fokus, auch der Videoschiedsrichter war im Dauereinsatz. Lief alles korrekt?

Umstrittene Tore, irre Dramaturgie und ein denkwürdiges VAR-Festival – viel mehr ging beim Spitzenspiel zwischen den Erzrivalen aus Bremen und Hamburg am Sonntag nicht.

Am Ende gelang Werder mit 3:2 der Prestige-Coup, doch waren alle Entscheidungen in diesem intensiven Nordderby wirklich richtig? Schiedsrichter Daniel Siebert stellte sich nach der Partie.

1 Das 1:0 für Werder – Elfmeter oder nicht?

Werder-Stürmer Marvin Ducksch verwandelt einen Elfmeter gegen den HSV.
Marvin Ducksch brachte Werder nach dem Handelfmeter mit 1:0 in Führung. Bild: DPA | Christian Charisius

In der 9. Minute brachte Werder-Kapitän Ömer Toprak eine Flanke von der halbrechten Strafraumkante vor den linken Pfosten, Leonardo Bittencourt köpfte ins Tor. Der Linienrichter hob die Abseitsfahne, der Treffer für die Bremer zählte nicht.

Schiedsrichter Siebert wurde dann in die sogenannte Review-Area am Spielfeldrand gerufen, denn der Videoschiedsrichter hatte bei Topraks Flanke erkannt, dass HSV-Spieler Jonas Meffert mit dem rechten Arm die Flugbahn verändert hatte.

Das erste Handspiel ist nach aktueller Regelauslegung ein strafbares Handspiel. Der Videoschiedsrichter hat mich informiert, dass die Hand seitlich am Körper leicht ausgestreckt ist. Und nur das Handspiel unterbindet in diesem Moment die Flanke.

Schiedsrichter Daniel Siebert bei Sky
Schiedsrichter Daniel Siebert steht an der Seitenlinie und schaut auf den Monitor für den Videobeweis.
Der Videobeweis im Dauereinsatz: Schiedsrichter Daniel Siebert schaut sich viele Szenen mehrfach an. Bild: Imago | Nordphoto

Doch kompliziert macht es eine nicht unbedingt sehr bekannte Regel, die sogenannte "Deliberate-Play-Regel", absichtliches Spiel. Wenn der Schiedsrichter in dieser Szene auf absichtliches Handspiel entscheidet, wäre das Abseits eigentlich aufgehoben, weil der Ball vom Gegner gekommen wäre und das Tor von Bittencourt hätte gezählt. So hatte Siebert jedoch auf Elfmeter für Werder entschieden, den Marvin Ducksch in der 10. Minute verwandelte.

Siebert erklärt dazu: "Für mich ist das Handspiel ein Blocken und kein bewusstes Weiterleiten mit der Hand zum Spieler, der im Abseits steht. Es ist ein Blocken des Balles und die Abseitsposition bleibt bestehen und es ist ein strafbares Handspiel."

2 Das nicht gegebene 1:1 für den HSV – Glatzel schubst Toprak

In der 21. Minute bejubeln die Hamburger Fans bereits den 1:1-Ausgleichstreffer durch Moritz Heyer, doch Siebert erkennt den Treffer nicht an. Robert Glatzel hatte Toprak leicht geschubst, dass dieser in Torwart Jiri Pavlenka fiel und dann zu Boden.

Auch da ist es leider ein Foul für mich von Glatzel. Man kann nicht sagen, dass es ein Zweikampf um den Ball ist und er zum Kopfball hochspringen will. Für mich hat Toprak die bessere Position zum Ball. Wir sehen Glatzel, der Toprak bewusst mit beiden ausgestreckten Händen in den Torwart schubst. Toprak verliert die Balance und prallt mit dem Torwart zusammen. Das war entscheidend. Es war nicht unglücklich im Zweikampf.

Schiedsrichter Daniel Siebert bei Sky

Werders Füllkrug sicher: "Das war ein klares Handspiel"

Bild: Radio Bremen

3 Weiser fällt im Strafraum – kein Elfmeterpfiff

In der 22. Minute passte Bittencourt den Ball zu Mitchell Weiser in den Strafraum, der Hamburger Faride Alidou drehte sich ein und traf Weiser mit der Hand im Gesicht. Doch der Elfmeterpfiff von Siebert bleibt aus.

Ich habe gesehen, dass die Hand ein bisschen im Gesicht ist, war mir aber ehrlicherweise nicht bewusst, ob es auf der Strafraumlinie war oder außerhalb. Für mich aber kein Elfmeterpfiff. Ehrlicherweise beim Einmaleins der Schiedsrichterei: Wenn ich vorher zwei strittige Entscheidungen gegen den HSV habe und dann eine Situation, in der man Foul geben kann, da bin ich ehrlich – das reicht mir nicht, um nochmal eine strittige Entscheidung gegen den HSV zu pfeifen.

Schiedsrichter Daniel Siebert bei Sky

4 HSV gleicht aus – wieder mit Videobeweis

Direkt nach Wiederanpfiff erzielte Jonas Meffert das 1:1 für die Hamburger. Doch als ob er es geahnt hätte, jubelte er gar nicht erst. Abseits oder nicht? Siebert beriet sich lange in der Review-Area. Schließlich konnten die Hamburger doch mit Verzögerung feiern, denn der Treffer war regulär.

5 Das 2:1 für Werder – der nächste Handelfmeter

In der 50. Minute ertönt erneut der Elfmeterpfiff und wieder war Schiedsrichter Siebert zuvor in die Review-Area gerufen worden. Bakery Jatta hatte sich beim Schuss von Weiser zwar weggedreht, doch sein rechter Arm war nach oben ausgefahren und blockte den Ball so ab. Niclas Fülkrug verwandelt den Strafstoß für Werder zum 2:1.

Hier war die Handposition noch deutlicher, sie ist fast auf Schulter- oder Kopfhöhe. Und auch hier ist es wie bei der ersten Handszene, dass der Ball erwartbar ist. Man kann ja nicht sagen, dass die Spieler nicht wussten, wo der Ball herkommt. Sondern es ist klar, dass der Ball Richtung Tor getreten wird. Auch, wenn sich der wegdreht, ist das kein Alibi und keine Entschuldigung, die Hand in eine Position zu bringen, wo sie nach aktuellen Regeln strafbar ist.

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen mit Sportblitz, 27. Februar 2022, 19:30 Uhr