Bremen-Marathon: Von falschen Hasen bis zum toten Punkt

Ob Sportfan oder Bewegungsmuffel: Am Sonntag kommt beim 13. Bremen-Marathon jeder auf seine Kosten. Alles, was man zum großen Lauf wissen muss, gibt's hier.

Die Starter des Bremen-Marathons nebeneinder aufgereiht vor dem Startschuss.
Auf die Plätze, fertig, los! 2016 gingen in Bremen über 1200 Teilnehmer über die 42,2 Kilometer lange Marathonstrecke an den Start. Bild: Imago | Nordphoto
  • Und sie laufen, laufen und laufen...

Laufen hat Tradition in Bremen, bereits 1949 fand in der Hansestadt die Deutsche Marathonmeisterschaft statt. Damals gewann Willi Bürklein in 2:53,11 Stunden, die Älteren werden sich sicher erinnern. Zwischen 1983 und 1991 wurde dann der "Bremen-Marathon durch Stadt und Land" ausgetragen. Seit 2010 verläuft die Strecke nun tatsächlich mitten durchs Herz der Bremer Innenstadt. Anwohners Freud' und Leid gleichermaßen, aber der Bremen-Marathon mit in diesem Jahr 7.300 Läufern gehört zu den zehn größten Veranstaltungen in Deutschland. Marathon, Halb-Marathon oder 10 Kilometer – jeder Grad der persönlichen Schmerzgrenze ist im Angebot.

  • Falscher Hase

Nein, hier ist nicht das Hackfleischgericht gemeint, sondern der so genannte Tempomacher oder Schrittmacher. In Bremen nennen sie sich auch Zug- und Bremsläufer, denn sie halten das Tempo konstant für ihre vorher festgelegte Zielzeit. 3:30 Stunden, 4:15 Stunden oder genau 5 Stunden – gut erkennbar ist die jeweilige Zeit aufgedruckt auf ihren neongelben T-Shirts und aufgemalt auf dem weißen Helium-Luftballon, den sie sich am Band ans Handgelenk binden. So können sich die Läufer an ihre Fersen heften, die ihr eigenes Tempo über komplette Marathon-Strecke nicht einschätzen können. Die falschen Hasen aber könnten eigentlich schneller laufen als ihre vorgegebene Zeit: Und trotzdem kommen sie fast auf die Sekunde genau an. Hut ab also vor diesen Hasen!

  • Die Letzten nehmen den Bulli

Wem auch der Helfer-Hase nicht mehr ins Ziel helfen kann, den kehrt dann spätestens um 15:30 Uhr der berühmte Besenwagen auf, irgendwann ist dann doch mal Schluss mit Laufen. Der Sieger ist meist schon seit drei Stunden beim Duschen und selbst das Motto: "Irgendwie ankommen ist alles" hat irgendwann auch seine Grenzen. Aufgekehrt wird natürlich im wörtlichen Sinne keiner, der sich noch über die Strecke schleppt oder nach Luft röchelnd auf dem Bordstein darniederliegt – man wird ganz gemütlich im Bulli ins Ziel chauffiert. Das mag das ehrgeizige Sportler-Ego zwar etwas kränken, aber der innere Schweinehund wird vor Glück grunzen.

  • Sind wir schon da?

Wenn wir ganz ehrlich sind, dann ist der Bremen-Marathon natürlich in erster Linie etwas für Hobbyläufer und Breitensportler. Selbst der schönen Aussicht in der Hansestadt wegen reist hier kein Top-Star extra aus Kenia an. Das macht auch nichts. So kann sich zumindest der Stuhrer Oliver Sebrantke sicher sein, dass er das Zielband vor dem Rathaus vermutlich zum siebten Mal als Erster durchtrennen darf. Mit seiner Siegerzeit von 2:32:14 Stunden im vergangenen Jahr lag er allerdings eine halbe Stunde über dem Weltrekord des Kenianers Dennis Kipruto Kimetto (2:02,57 Stunden). Aber der kommt ja nicht. Und Sebrantke läuft zumindest in Bremen in seiner eigenen Klasse und dreht ziemlich einsam seine Runden. Soviel Einsamkeit muss man auch mögen.

  • Gazellen, Schleicher, Hüpfer

Ganz klar: Erlaubt ist, was gefällt – und was einen ins Ziel bringt. Aber alle Läufer haben ihren ganz eigenen Stil entwickelt und der ist auch für die Beobachter an der Strecke unverkennbar. So machen sich die Kiebitze am Rand jedes Jahr einen Spaß daraus, die Boxer, Schleicher und Flügelläufer herauszufiltern – und die wiederum hoffen, dass ihr Stil nicht nur originell, sondern vor allem schnell ist.

  • Laufen als Jungbrunnen

Spätestens seit Dieter Hallervorden wissen wir wieder, dass Laufen kein Verfallsdatum hat. Im Gegenteil, laufen hält offenbar sogar jung. Der älteste Teilnehmer ist 78 Jahre alt (oder wohl eher jung!). 157 Kinder laufen am Sonntag auch mit, eine Strecke von 1.000 Metern. Der jüngste gemeldete Teilnehmer ist dabei drei Jahre alt. Ob der Hosenmatz am Ende doch ins Ziel getragen oder im Buggy geschoben werden muss, bleibt abzuwarten.

  • Vorsicht, toter Punkt!

Wir kennen ihn alle, den inneren Schweinehund. Jener fiese, dunkle Zwillingsbruder unserer guten Vorsätze, der uns regelmäßig sonntagsnachmittags an die Couch tackert – Marathonläufer haben den gut im Griff, sie laufen ja. Aber dafür haben sie einen anderen Intimfeind: den toten Punkt. Bei Kilometer 35 kommt er überfallartig und lähmend. Da geht beim Läufer eigentlich nichts mehr. Man kann nicht mehr, will nicht mehr. Und fragt sich: Wo steht bloß der Bulli? Aber aufgeben kann ja jeder, und daher ist es die große Kunst des Marathonläufers, den toten Punkt zu überstehen. Weiterlaufen, auch wenn man die Beine vielleicht schon nicht mehr fühlt. Weiter, immer weiter. Und während manche diesen Zustand als eine Art Tunnel beschreiben, berichten andere, dass sie in dieser Phase alle Eindrücke von Außen wahrnehmen. Obwohl sie nicht reagieren können. Also: Alle Motivationswilligen, bitte aufstellen bei Kilometer 35 an der Weserpromenade und die müden Kämpfer kräftig anfeuern! Hilft übrigens auch gegen Schweinehunde aller Art.

  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 29. September 2017, 18:06 Uhr