Sprinter bei den Bremer Sixdays: Wenn die Gefahr mitfährt

Profi-Radsportler sind hart im Nehmen, Stürze gehören zum Geschäft. Doch so einen schweren Unfall wie Samstag gab es bei den Sixdays selten. Maximilian Levy erzählt, wie er damit umgeht.

Maximilian Levy im Gespräch.

Die Stimmung am Samstagabend in der Halle ist auf dem Höhepunkt, die Sprinter machen ihre Sache gut, reißen das Publikum mit beim Kampf gegen die Uhr – bis Sprintstar Robert Förstemann nach der ersten Kurve stürzt, rund 50 Meter weit über die Bahn schlittert und erstmal regungslos liegenbleibt.

Robert Förstemann-Selfie, das er nach seinem Unfall bei Facebook gepostet hat.
Bild: Facebook/Robert Förstemann

Die Diagnose am Sonntag: Der Weltmeister im Teamsprint 2010 hat sich zwei Rippen, das Schlüsselbein und das linke Schulterblatt gebrochen, beim Versuch seinen eigenen Bahnrekord zu unterbieten. Am Montag wird er in Bremen operiert. Am Sonntagnachmittag meldete sich Förstemann via Facebook zu Wort. "Ich komme zurück. Danke für eure Unterstützung."

Als Förstemann bei Tempo 70 ausgangs der ersten Kurve, da wo das Tempo am höchsten ist, wegen eines Vorderrad-Defektes ungebremst auf die Bahn knallt, ist sein Konkurrent und Kumpel Maximilian Levy am anderen Ende der Halle. Er kommt sofort angelaufen. "Wir kennen uns seit 15 Jahren, wenn da einer hinfällt, den man so gut kennt, dann rennt man da hin. Da versucht man zu beruhigen, und ich weiß auch aus eigener Erfahrung schon, worauf es in so einem Moment ankommt. Ein bisschen Ruhe reinbringen, Schuhe ausziehen, das Fahrrad ablösen. Da muss man einfach helfen", erzählt Levy am Sonntag.

Levy, Deutschlands Aushängeschild im Sprint, vierfacher Weltmeister, schießt auch die Erinnerung durch den Kopf an den schlimmen Trainingsunfall von Kristina Vogel im vergangenen Sommer. Heute ist Deutschlands beste Sprinterin querschnittsgelähmt, sitzt im Rollstuhl. Levy war auch am 26. Juni 2018 sofort bei seiner gestürzten Kollegin, hat eine große Spendenkampagne ins Lebens gerufen. Beim Sturz von Förstemann war Levy der Schock anzusehen: "Natürlich ist das erstmal ein Schreck, vor allem nach dem, was im letzten Sommer passiert ist. Da wieder hinzulaufen und jemanden auf der Erde liegen zu sehen, das ist nie schön, aber er war eben ansprechbar, und man konnte sich relativ schnell vergewissern, dass es keine langfristigen Folgen hat."

"Bei mir fährt die Gefahr nicht mit"

Sich auch nach einem schweren Sturz von Kollegen wieder frei aufs Rad zu setzen, wieder mit fast 70 km/h durch die Bremer Kurven zu kacheln, das gehört für Levy zum Geschäft. "Ich habe das selber auch schon oft genug erlebt. Ich weiß, das kann passieren, aber man kann deswegen nicht mit einer Hemmschwelle durch die Gegend fahren, dann muss man aufhören mit Fahrradfahren", so Levy.

Das Risiko ist teilweise draußen auf der Straße mit manchem verrückten Autofahrer viel höher als hier. Hier hat man die Sache ein stückweit unter Kontrolle. Draußen sieht man das Auto von hinten nicht kommen.

Maximilian Levy

Die Sprinter in Bremen sind Teil der Show. Klar, es geht ums Prestige, um den Rundenrekord, aber es ist eben kein richtig ernsthafter Wettkampf. Kein Weltcup, keine Meisterschaft. Levy und seine Kollegen genießen die Aufmerksamkeit, die Lichtshow, die Musik. Sie sollen das Publikum für den Radsport begeistern – auch nach einem schweren Sturz. Levy kriegt das ohne Probleme hin, auch weil schnell klar ist, wie es um Förstemann steht. "Ich habe nachts mit ihm telefoniert. Er nimmt es mit Fassung", sagt Levy. Und offenbar mit ein wenig Humor.

Maximilian Levy bei den Sixdays Bremen
Maximilian Levy beim Warmfahren vor dem Sprint.

Denn der Sportliche Leiter Erik Weißpfennig erzählt erstaunt: "Er hat mich gestern Nacht noch angerufen und sich erstmal entschuldigt, dass er die Stimmung versaut hat und meinte, es wäre eine Bombenzeit geworden. Ein irrer Typ." Dass solche Unfälle Fahrer nicht nachhaltig beeinflussen, erklärt der ehemalige Madison-Weltmeister von 2000 so: "Das ist wie beim Autofahrer. Sieht man da einen schlimmen Unfall, fährt man 20, 30 Kilometer lang vorsichtiger und danach auch wie immer."

Bremer Bahn hat ihre Grenzen

Trotzdem: Ein wenig irre muss man wohl sein, wenn man mit rund 70 km/h und einem Druck von mehreren G durch die Kurven rast – und ein Defekt am Rad einen in Sekunden ins Krankenhaus bringen kann. Der erst 18-jährige Elias Edberg hat seine Sprinterkarriere noch vor sich – und kratzt jeden Abend am Bahnrekord. Er selbst ist bisher von Brüchen verschont geblieben, der Sturz gestern hat ihn aber nicht kalt gelassen. "Heute Morgen beim Warmfahren habe ich schon dran gedacht. Ich hoffe einfach, dass mir sowas nicht passiert", sagt er. "Es ist nicht schön, einen so erfahrenen Sportler so schwer stürzen zu sehen."

Elias Edbauer bei den Sixdays Bremen
Der erst 18-jährige Elias Edbauer kratzt jeden Abend am Bahnrekord.

Viele Fahrer, so auch die Sprinter, sind so kleine und steilen Bahnen wie das Bremer Oval nicht gewöhnt – das macht den Hochgeschwindigkeitsritt umso gefährlicher. Selbst der erfahrene Levy sagt, er habe immer noch Probleme in den engen Kurven die Ideallinie zu halten, "weil wir auf so kurzen Bahnen selten trainieren".

Weil wir Sprinter seit Jahren immer schneller werden, wird es natürlich irgendwann eng, hier heil rumzukommen. Da ist viel Geschick gefragt, um das einigermaßen hinzubekommen.

Maximilian Levy

Trotzdem genießt der Ausnahme-Sprinter die Atmosphäre in Bremen und will nächstes Jahr wiederkommen – mit Robert Förstemann. Levy selbst hat sich übrigens schon dreimal das Schlüsselbein gebrochen. Berufsrisiko.

Samstagnacht, nachdem klar war, dass Förstemann keine langfristigen Schäden davontragen wird, wurden die Sprinter ihrer Rolle als Anheizer mehr als gerecht – mit einer Tanzeinlage bei der Bigband auf der Bühne. "Unser einer Brite kann extrem gut singen, da bot sich an, die Party auf der Bühne zu crashen."

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  • Maike Albrecht

Dieses Thema im Programm: buten un binnen mit Sportblitz, 13. Januar 2019, 19:30 Uhr