Kommentar

Die neue Demut des Profifußballs war eben doch nur Mittel zum Zweck

In Leipzig dürfen Fans ins Stadion, bei Werder oder andernorts noch nicht. Mal wieder drückt der Profifußball blindlings seine Interessen durch, findet unser Redakteur Karsten Lübben.

Das Maskottchen von RB Leipzig streckt die Finger in die Höhe.
Bei Heimspielen von RB Leipzig sollen bald die Zuschauer zurückkehren. Manche freuts, andere eher weniger. Bild: Imago | Action Pictures

Im Vorfeld war es ein großes Brimborium, am Ende ein großer Erfolg: Mit dem Neustart der Bundesliga ging die Deutsche Fußball Liga (DFL) im Mai als Pionier im europäischen Fußball voran. Die Geisterspiele sind zwar weiterhin ungeliebt, haben sich aber bewährt, um den Spielbetrieb – und somit einige Klubs – am Leben halten zu können. Und ja, auch ich war damals ein großer Befürworter des Restarts. 

Dass die DFL seinerzeit tatsächlich grünes Licht für den Spielbetrieb erhalten hat, lag neben dem schlüssigen Hygienekonzept an der gelungenen Öffentlichkeitsarbeit. Vor allem von Boss Christian Seifert. Der sonst so breitbeinig und protzig auftretende Profifußball zeigte plötzlich Demut. Lange gehalten hat diese aber nicht, vielmehr war sie wohl ein Treppenwitz und letztlich nur das Mittel zum Zweck. Dies zeigt die derzeitige Entwicklung um die Zulassung von Zuschauern in den Stadien.

Der Wunsch der Klubs ist dabei vollkommen legitim. Natürlich möchten diese bestenfalls wieder vor Fans spielen. Und bestenfalls vor so vielen wie möglich. Dies garantiert Einnahmen und Unterstützung bei Heimspielen. Forderungen von Fangruppierungen wie "Alle oder keiner" – also dass Stadien entweder voll besetzt werden dürfen oder komplett leer bleiben müssen – sollten dabei trotz des löblichen Solidaritätsgedanken nicht romantisiert werden. Teilzulassungen sind mittelfristig der einzige Weg, um trotz Pandemie überhaupt vor Publikum spielen zu können.

Leipzig setzt andere Standorte unter Druck

Zu akzeptieren gilt es allerdings, wenn die Politik dem vorerst einen Riegel vorschiebt. Und ebendies ist geschehen. Bundeskanzlerin samt Innenminister haben in der vergangenen Woche vereinbart, dass mindestens bis Ende Oktober noch vor leeren Rängen gespielt werden muss. Doch RB Leipzig schert sich nicht darum. Beim ersten Heimspiel der neuen Saison gegen Mainz 05 sollen bereits wieder 8.500 Zuschauer ins Stadion kommen dürfen. Möglich macht dies die Genehmigung durch das Gesundheitsamt der Stadt Leipzig aufgrund des geringen Infektionsgeschehens vor Ort. Werder lobt dieses Vorgehen. "Es ist ein sinnvoller Schritt, um das Leben mit Corona zu organisieren", sagt Pressesprecher Michael Rudolph.

Vor allem ist es aber ein berechnendes Agenda-Setting. Das Kalkül ist klar: Wenn in Leipzig wieder Fans ins Stadion dürfen, baut dies vor allem Druck auf die Behörden an anderen Bundesliga-Standorten auf. Schnell kommen die Fragen auf: "Warum dürfen die wieder vor Zuschauern spielen, wir hier aber noch nicht? Und warum beschert ihr uns einen Standortnachteil, weil wir noch auf Zuschauereinnahmen und Support von den Rängen verzichten müssen?"

Alle oder keiner?

Redlich ist das gesamte Vorgehen keineswegs. Und die Stellungnahme der DFL zur Entscheidung in Leipzig wirkt wie blanker Hohn. "Die DFL ist selbstverständlich bereit, umgehend mit den zuständigen politischen Stellen verbindliche Gespräche hinsichtlich eines bundeseinheitlichen Verfahrens zur Rückkehr von Fans in die Stadien zu führen", heißt es in dieser. Es scheint, als hätte die DFL den Spieß einfach umgedreht. Gespräche mit der Politik sind möglich. Und falls diese nicht zufriedenstellend enden, gehen die Klubs eben ihren eigenen Weg.

RB Leipzig wäre dabei gut beraten, zur Räson zu kommen und trotz der Genehmigung keine Sonderrolle einzunehmen. Die Leipziger sollten ihr Vorgehen überdenken und erst wieder Fans ins Stadion lassen, wenn es auch allen anderen Klubs in der Bundesliga wieder erlaubt ist. "Alle oder keiner" als gemeinsamer Weg der Klubs ist in diesem Fall der einzig praktikable.  

Werders Hoffnung: Bundesliga-Saison-Start doch mit Zuschauern?

Video vom 2. September 2020
Eine Aufnahme von leeren Rängen der Ostkurve des Bremer Weserstadions.
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Karsten Lübben

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 2. September 2020, 18:06 Uhr