Kommentar

Kohfeldt hat Werder clever ausgekontert

Florian Kohfeldt bleibt Werder-Trainer. Dass der Bremer Verein ihn am Ende sogar fast anbettelte weiterzumachen, war eine taktische Meisterleistung, meint unsere Autorin Petra Philippsen.

Video vom 10. Juli 2020
Werder-Coach lächelt in die Kamera.
Florian Kohfeldt bleibt Cheftrainer von Werder Bremen. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Florian Kohfeldt wird auch in der neuen Saison Cheftrainer von Werder Bremen sein. Das wäre eigentlich keine Nachricht, denn der 37-Jährige hat schließlich einen Vertrag bis 2023. Doch nach einer Saison im freien Fall, der erst in der Nachspielzeit des zweiten Relegationsspiels in Heidenheim gebremst wurde, ist es zumindest erstaunlich, dass Kohfeldt für die gemeinsamen Verfehlungen nicht einmal zum Teil mitverantwortlich gemacht wurde. Dass sein Job in der angekündigten, "schonungslosen Analyse" überhaupt nicht mehr zur Diskussion stand. Im Gegenteil. Werder flehte Kohfeldt geradezu an, doch bitte unbedingt weiterzumachen. Mehr noch: Kohfeldt konnte sogar Forderungen stellen.

Bei Kohfeldt passiert nichts zufällig

Vom Mitschuldigen zum Chefankläger im Verein zu werden – so einen Kunstgriff muss man in dieser gnadenlosen Fußball-Branche erst einmal schaffen. Doch bei Kohfeldt passiert nichts zufällig, alles ist durchdacht und folgt einem klaren Plan. Er vermag es geschickt zu kaschieren mit seiner nahbaren Art, dem Auftreten, das in allem so authentisch und eloquent rüberkommt und weil er wie der nette Werder-Fan von nebenan wirkt, der nur das Beste für seinen Verein will. Und dann klingt das auch sympathisch, wenn er erzählt, dass er sich genau überlegt hatte, ob er diesen Job haben wollte, "sonst wäre ich jetzt vielleicht bei den Alten Herren von Jahn Delmenhorst und würde einen anderen Beruf machen". Vielleicht Lehrer, schob er mit einem Lächeln hinterher. Und dann fällt gar nicht mehr so auf, dass die Betonung der kleinen Ausführung eigentlich auf "genau überlegt" liegt.

Nie wirklich an Hoffenheim interessiert

Kohfeldt ist nicht naiv auf einen Cheftrainer-Posten in der Bundesliga gestolpert. An der Seite von seinem Berater Marc Kosicke, der schon die Karrieren von Trainern wie Jürgen Klopp und Julian Nagelsmann in die richtigen Bahnen lenkte, hat er in dieser heikelsten Phase seiner jungen Karriere Werder nun clever ausgekontert. Es war ein geschickter Schachzug, sich schon vor dem Saisonfinale gegen Köln, als der Abstieg scheinbar besiegelt schien, als neuer Trainer in Hoffenheim ins Gespräch zu bringen. Solche Jobanfragen kann man unter dem Deckel halten, wenn man es will. Wenn man aber möchte, dass jeder weiß, dass man auf die Stelle bei Werder nicht angewiesen ist, dann sickern solche Informationen eben schnell durch. Man mag etwas Mitgefühl mit den Hoffenheimern haben, die kaum mehr als die Dame in diesem Schachspiel gewesen sind, die man opfern konnte.

Dass Kohfeldt jemals ernsthaft an dem Wechsel zur TSG interessiert war, steht zumindest zu bezweifeln. Gerade hatte er sich im Herzen von Schwachhausen, inmitten einer der schönsten Wohngegenden Bremens, für seine Familie ein neues Zuhause geschaffen. Da steckte Werder schon tief im Abstiegskampf. Und wer sich in so einer Phase einen neuen Lebensmittelpunkt mit Frau und zwei kleinen Kindern schafft, legt es wohl nicht darauf an, direkt wieder umzuziehen oder sich eine Fernbeziehung anzutun. Kohfeldt hat die Waffen genutzt, die ihm blieben und ist in dem heikelsten Moment seiner Karriere, als er mit dem Rücken zur Wand stand, zum Angriff übergegangen.

Gewinner trotz desaströser Saison

Auch Kosicke ging parallel im Hintergrund in die Offensive, führte viele Gespräche mit Medien und tat sein Möglichstes, Kohfeldts Bild in der Öffentlichkeit positiv zu beeinflussen. Mit Erfolg. Kohfeldt geht als klarer Gewinner aus dieser desaströsen Werder-Saison hervor. Dass man nur zwei Heimspiele gewann, dass die Neuzugänge nicht griffen oder man unglaubliche 22 Gegentore nach Standards kassierte – all das perlt von Kohfeldts Weste ab, als hätte es nichts mit seiner Arbeit zu tun gehabt. Die Taktik abseits des Rasens ist aufgegangen. Doch wenn sie auf dem Rasen nicht zügig wieder fruchtet, wird der sorgsam zurecht gelegte Karriereplan doch eine Änderung erfahren.

Autorin

  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 10. Juli 2020, 19:30 Uhr