Kommentar

Sixdays: "Dieser Sport hat es verdient, gewürdigt zu werden"

Sport und Show gehören bei den Sixdays Bremen zusammen. Wer aber nur in den Partyhallen bleibt, verpasst das Beste, findet unsere Reporterin. Ein Plädoyer für einen Liebhabersport.

Siegerehrung Sixdays 2018 Reinhardt de Ketele
Hart umkämpft, hoch geschätzt, feucht gefeiert: Der Sieg beim Bremer Sechs-Tage-Rennen. Bild: gumzmedia

Dieses Klischee verfolgt das Bremer Sechs-Tage-Rennen seit Jahrzehnten: "Das Einzige, was hier stört, sind die Radfahrer". Was für ein Quatsch! Der Sport auf der Bahn ist über die letzten Jahre immer stärker, immer attraktiver, immer vielfältiger geworden. Es waren auch in diesem Jahr Weltmeister, Europameister und Olympia-Teilnehmer am Start. Zugegeben in einem Umfeld, wo die Leistungen der Profis im Dröhnen der Musik und beim Bier an der Bar auch mal untergehen. Und das ist bedauerlich.

Aber: Die Party gehört zu den Sixdays in Bremen dazu. Dieses Image ist europaweit bekannt und geschätzt – auch unter den Fahrern. Live-Musik, DJ und ein Hauch Jahrmarkts-Atmosphäre locken viele Menschen in die Halle, zum Klönen, Tanzen und Feiern. Doch außer am finalen Dienstag schaffen viele den Sprung von der Theke auf die Tribüne nicht – und verpassen so das Beste beim Sechs-Tage-Rennen.

Sixdays Bremen 2018 Robbe Ghys Wim Stroetinga
Athletik auf der Bahn, hier von Robbe Ghys (Mitte) und seinem Partner Wim Stroetinga. Bild: gumzmedia

Wer sich einmal die Mühe macht, die Regeln und die Taktik bei der Jagd um den Gesamtsieg zu durchschauen, wird einen Sport entdecken, der rasant, athletisch, spannend und spektakulär ist. Die Regeln im Bahnradsport sind komplex – aber zu kapieren.

Dieser Sport hat es verdient, gewürdigt zu werden. Das, was die Profis sechs Tage lang auf der Holzbahn leisten, ist schwer nachzuvollziehen. Mit Tempo 60 im Feld in uneinsehbare Kurven kacheln, mit 24 Fahrern auf einer nur 166 Meter kurzen Bahn im Kreis rasen, Wechsel auf den Partner in einer 53 Grad steilen Kurve. Von der Ausdauer, Kraft und Leidensfähigkeit mal ganz zu schweigen. Bahnradsport ist ein Liebhabersport, auf den Rängen und auf der Bahn. Die Fahrer sind Idealisten, fürs große Geld schindet sich hier niemand, denn großes Geld verdient hier niemand.

Bremen bietet dem Bahnradsport eine Plattform und den Bremern einen Ort zum Feiern und Staunen. Es ist eine Veranstaltung, auf die die Bremer stolz sein können – auch wenn die Resonanz nicht mehr dieselbe ist wie früher. "Früher", in den 80ern und 90ern, als man am Finalabend seinen Sitzplatz nicht mehr verlassen konnte, ohne ihn zu verlieren. "Früher", als in den Hallen an jedem Tag dichtes Gedränge herrschte. Diese Zeiten sind vorbei und werden nicht wiederkommen. Das ist schade aber o.k. und hat mehrere Gründe: Zum Beispiel ein geändertes Konsumentenverhalten, mehr Freizeitangebote, die Dopingkrise im Straßen-Radsport vor rund zehn Jahren.

Sixdays Bremen 2018 Fahrerlager Bühne
Unten Arbeit oben Vergnügen: Der Mikrokosmos Sixdays auf einem Bild. Bild: gumzmedia

In Dortmund, München, Stuttgart und Köln sind die Rennen damals eingegangen, Bremen aber hat den Wandel hin zu einer modernen Radsportveranstaltung geschafft. Dieses Niveau zu halten und auszubauen dürfte die größte Herausforderung für die kommenden Jahren werden. Die Sportler hätten dabei noch mehr Zuschauer auf der Tribüne verdient. Ein erster Tipp für alle, die mal Theke gegen Tribüne tauschen wollen: Rundengewinn geht vor Punktgewinn.

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  • Maike Albrecht

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 17. Januar 2018, 18:06 Uhr