Kohfeldt, der Bessermacher

Verletzte Spieler en masse, schwierige Gegner – doch Werder kämpft sich besser durch als erwartet. Denn die Mannschaft vertraut Trainer Kohfeldt völlig.

Die Mannschaft Werder Bremen nach dem Abpfiff im Kreis um Trainer Florian Kohfeldt.
Gemeinsam für alle: Nach dem Spiel schwört Werder-Coach Florian Kohfeldt (Mitte) seine Spieler und sein Trainerteam mit einer Ansprache ein. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

In Bremen war der Marathon am Sonntagmittag schon längst beendet, aber für Florian Kohfeldt ging er in Frankfurt am Abend erst richtig los. Nach 90 aufreibenden Minuten an der Seitenlinie und dem 2:2-Ausgleich in der Nachspielzeit wurde der Werder-Trainer im Akkord durch etliche Interviews, Live-Schalten und Mixed-Zonen geschleust. Und immer wieder bekam Kohfeldt jene Frage zu hören, die eigentlich Marathon-Läufern geläufig ist: Wie es denn um seinen Puls bestellt sei. "Ich freue mich über den Punkt und dass mein Puls sich wieder beruhigt hat", sagte Kohfeldt freundlich dem NDR Sportclub.

Dass ihm Eintracht-Manager Fredi Bobic unter der Woche ungefragt geraten hatte, doch ruhiger an der Seitenlinie zu werden, lächelte Kohfeldt einfach weg. Seine emotionale Art sei "gut fürs Herz", fügte der Trainer gelassen hinzu: "Man soll den Stress lieber rauslassen, als ihn in sich reinzufressen." Die "Bild"-Zeitung hatte mal errechnet, dass Kohfeldt während eines Spiels 24 Kaugummis verbrauche. Während der aufregenden Partie in Frankfurt malmten seine Kiefer sicherlich keinen einzigen weniger. Der Puls flog unter die Decke, kein Wunder. Pfostenschüsse, Lattentreffer und ein starker Gegner, der Werder überrollen wollte und doch etliche Chancen fahrlässig liegen ließ. "Wir haben ein schönes Fußballspiel gesehen", bilanzierte Kohfeldt, "nicht das beste meiner Mannschaft, aber für den neutralen Zuschauer war es ein gutes Spiel."

Neuer Anspruch: Mit einem Punkt nicht zufrieden

Werder Bremen Trainer Florian Kohfeldt gibt lautstark Anweisungen.
Immer mit voller Emotion bei der Sache: Werder-Coach Florian Kohfeldt. Bild: Imago | osnapix

Die Bremer waren mit einem kuriosen Billard-Tor von Davy Klaassen in Führung gegangen, hatten den Ausgleich und dann das 1:2 in der 88. Minute kassiert, mal wieder nach einem Eckball. Alles schien gelaufen. Aber dann wurde Klaassen elfmeterreif gefoult und Milot Rashica bescherte den Bremern mit dem versenkten Strafstoß noch das glückliche Remis. Erst ein Punkt in Dortmund, nun ein weiterer in Frankfurt – wer hätte das gedacht, wo die Grün-Weißen personell doch so gebeutelt sind. Acht Punkte und Rang elf statt Jammereien und der freie Fall. Werder schlägt sich beachtlicher, als man es erwartet hätte. Aber Kohfeldt ist nicht verwundert, er nennt es gerne Mentalität, den unbedingten Siegeswillen, den seine Mannschaft inzwischen atmet.

"Zufrieden sind wir nicht", beklagte daher auch Leonardo Bittencourt. Ein Punkt gegen ein Europa-League-Team reicht den Bremern in ihrem Selbstverständnis nicht. "Wir haben in der zweiten Hälfte einiges vermissen lassen, für das wir stehen", fügte der Neuzugang aus Hoffenheim hinzu: "Es wäre mehr drin gewesen." Kohfeldt gefällt, dass seine Spieler so reden. "Das ist genau die richtige Einstellung. Das zeigt, welche Ziele diese Mannschaft hat, welchen Ehrgeiz", meinte der Coach nicht ohne Stolz in der Stimme. Er hat seinen Spielern genau diese Mentalität mitgegeben, seit der 37-Jährige vor fast genau zwei Jahren eben gegen Frankfurt sein Debüt als Bundesliga-Trainer feierte.

Kohfeldt schafft Vertrauen

Zwei "sehr erfüllte, spannende, arbeitsreiche Jahre", seien das seither gewesen, erzählte Kohfeldt dem NDR Sportclub. Entscheidend sei für ihn aber, wie viele Dinge er in dieser Zeit intern gemeinsam mit Sportchef Frank Baumann "auf den Weg bringen konnte". Um die Richtung vorzugeben, die Kohfeldt mit Werder weiter gehen will. Und möglich sei das nur, weil seine Spieler darauf vertrauen, dass sein Weg der richtige ist.

Ich muss jeden Tag dankbar dafür sein, wie sehr mir die Jungs vertrauen. Dass sie mir dieses Vertrauen entgegenbringen, den Fußball zu spielen, den wir spielen wollen. Das ist kein Allerweltsfußball. Der erfordert Mut.

Werder-Trainer Florian Kohfeldt

Werder punktet immer weiter

Die Enttäuschung steht den Bremern nach Abpfiff gegen Frankfurt ins Gesicht geschrieben.
Werders neue Unzufriedenheit: Die Bremer Spieler sind nach dem Remis in Frankfurt enttäuscht. Bild: Imago | Jan Huebner

In der zweiten Halbzeit gegen Dortmund und in der ersten gegen die Eintracht hatten die Bremer ihn gezeigt. Und Kohfeldt lebt es vor. Nicht nur, weil er einem Regionalligaspieler wie Christian Groß vertraut. Oder Milos Veljkovic nach drei Monaten Verletzungspause ad hoc einfach in die Startelf stellt. Gegen die Borussen hieß Kohfeldts Marschroute in der Halbzeitpause: volle Power in der Offensive. Und der Trainer hätte es auf seine Kappe genommen, wäre diese Taktik schief gegangen. Das schafft Vertrauen. Und das ist in den schwierigen vergangenen Wochen noch weiter gewachsen. Die Mannschaft ist noch enger zusammengerückt.

Und obwohl viel individuelle Klasse verletzt ist, "haben wir trotzdem weiter gepunktet", betonte Kohfeldt. Die Konstanz fehlt den Bremern noch, aber die Jungs, wie Kohfeldt seine Spieler stets nennt, die "haben sich dagegengestemmt". Mit seiner Mentalität hat der Trainer die Bremer besser gemacht, als sie im Moment eigentlich sind. Ob Werder aktuell ohne ihn auf einem Abstiegsrang stehen würde, wollte Kohfeldt lieber nicht beantworten. Geschmeichelt fühlte er sich dennoch.

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  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: NDR, Bundesliga am Sonntag, 6. Oktober 2019, 21:45 Uhr