Interview

11Freunde-Chef: "Kohfeldt ist für die 2. Liga der richtige Mann"

Falls die Bremer absteigen, sollten sie das als Chance begreifen, sagt 11Freunde-Chefredakteur Philipp Köster. Und dann wieder fix aufsteigen – Werder sei ja nicht der HSV.

11Freunde-Chefredakteur Philipp Köster lauscht in einem TV-Studio einer Frage.
Nach Ansicht von Philipp Köster, Chefredakteur des Fußball-Magazins 11Freunde, neige Werder zu einer Idealisierung des Trainerpostens. Bild: Imago | teutopress
Herr Köster, obwohl Werder mit einem Bein in der 2. Liga steht, soll Bremens Trainer Florian Kohfeldt bei Top-Klubs wie Hoffenheim und Dortmund im Gespräch sein. Wie erklären Sie sich das?
Florian Kohfeldt vereint vieles, was ein junger Trainer mitbringen sollte: charismatische Ausstrahlung, Taktikverständnis auf hohem Niveau, Begeisterungsfähigkeit. Auch wenn er all das in der aktuellen Saison nur selten gezeigt hat, sind sehr viele Bundesligisten bereit, darüber hinwegzuschauen oder die Umstände zu sehen, die zu Werders Situation geführt haben.
Also hat Werders Horror-Saison dem guten Ruf, den Kohfeldt in der Branche genießt, nur wenig geschadet?
Kohfeldt hat sicher viele Fehler gemacht. Er ist mit einer unrealistischen Prognose in die Spielzeit gegangen, hat Max Kruses Abgang unterschätzt und zu spät realisiert, dass es für Werder um den Klassenerhalt geht. Vieles von dem, was er vor und während der Saison prognostiziert hat, musste er wieder einkassieren. Da bleiben Kratzer im Lack. Allerdings wirkt auch bei anderen Klubs immer noch nach, dass Kohfeldt in der Saison zuvor mit Werder begeisternden Fußball gespielt hat. 
Statt um Europapokal-Plätze mitzuspielen, befindet sich Werder seit Saisonbeginn fast durchgehend im Abstiegskampf. Woher resultiert die Nibelungentreue der Bremer?
Bei Werder Bremen hat man sich wieder einmal in den Gedanken vernarrt, in Florian Kohfeldt einen Wiedergänger von Thomas Schaaf oder Otto Rehhagel zu sehen. Der Verein hat seit vielen Jahren eine ungesunde Fixierung auf den Posten des Coachs: Werder neigt zur Idealisierung des Trainers. Bei jedem neuen Trainer, egal ob es Alexander Nouri oder Viktor Skripnik war, hieß es schnell: Der muss jetzt aber mal bei uns eine Ära begründen.
Florian Kohfeldt legt mit frustriertem Gesicht an der Seitenlinie seine Hände in den Nacken.
Mit dem Ziel, Werder nach Europa zu führen, ist Trainer Florian Kohfeldt in die Saison gestartet. Nun droht der Abstieg. Bild: Neis/Eibner/Pool/via gumzmedia/nordphoto
Hat Werder zu lange an Kohfeldt festgehalten?  
Grundsätzlich ist es eine gute Idee, sich den üblichen Mechanismen der Branche zu widersetzen. Immer gleich hektisch den Trainer rauszuwerfen, kann ja nicht der Weg sein. Werder ist allerdings  im anderen Extrem gefangen. Nämlich dort, wo eine Trainerentlassung gleich als Niederlage fürs generelle Konzept empfunden wird. Werder geht aus diesem Grund lieber bockig den eigenen Weg und betont bisweilen Beständigkeit und Treue zum Personal über. 
Wie meinen Sie das?
Bei Werder hat man manchmal das Gefühl, die Nullerjahre sind noch nicht vorüber. Nicht wenige glauben, dass der Klub mit ein paar klugen Entscheidungen auch wieder ganz nach oben durchstarten könnte. Und alleine der Umstand, dass jemand wie Willi Lemke immer noch und immer wieder die öffentliche Diskussion befeuern kann, ist für mich ein klares Zeichen für erstarrte Strukturen. Ein Abstieg in die 2. Liga wäre ein guter Anlass, das eigene System zu hinterfragen und dann möglichst fix wieder hoch in die Bundesliga zu gehen – Werder ist ja nicht der HSV. 
Kohfeldt und Schaaf unterhalten sich am Rande des Werder-Trainings.
Nach seinen ersten Erfolgen galt Florian Kohfeldt schnell als designierter Nachfolger von Werders Meister-Trainer Thomas Schaaf (links). Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz
Was glauben Sie: Hält Werder bei einem Abstieg an Kohfeldt fest?
Das sollte Werder. Denn so unsouverän der Trainer im Abstiegskampf war, so sehr ist er für die 2. Liga der richtige Mann. Denn die Rolle, die Werder dann spielt, ist die des Klassenprimus, der in jedem Spiel mit spielerischen Mitteln kompakte Abwehrreihen knacken muss. Im Gegensatz zum Abnutzungskampf in der Bundesliga hätte Kohfeldt dafür genau die richtigen Rezepte.
Und wie ist es mit Kohfeldt selbst? Könnten ihn seine Ambitionen zum Wechsel motivieren?
Sollte Hoffenheim oder ein noch größerer Klub anklopfen, ist es schon möglich, dass Kohfeldt wechselt. Wer will ihm das auch verübeln? Für seinen Werdegang wäre es gar nicht verkehrt, mal den Verein zu wechseln. Ein anderes Umfeld, ohne die bisweilen behäbigen Strukturen in Bremen, würde ihm bestimmt gut tun. 

Lemke ist sicher: "Das lässt uns ein Fünkchen Hoffnung"

Video vom 20. Juni 2020
Willi Lemke sitzt in seinem Wohnzimmer beim Interview und deutet mit zwei Fingern Werders winzige Chance an.
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Helge Hommers

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, der Tag, 24. Juni 2020, 23:30 Uhr