Interview

Bremer Radsport-Überraschung Kämna: "Das ist der klassische Thrill"

Er gilt für einige Experten als künftiger Sieger der Tour de France. Mit dem Sportblitz sprach Kämna über seinen Etappensieg, die Erwartungen und die Sorgen seiner Oma.

Video vom 19. November 2020
Lennard Kämna im Sportblitz-Interview.
Bild: Radio Bremen

Der Wechsel zum Spitzenteam Bora-hansgrohe, der erste Profisieg bei der Critérium du Dauphiné, die zweite Tour de France-Teilnahme und als Krönung: der erste Tour-Etappengewinn – die Radsportsaison 2020 bescherte dem Bremer Lennard Kämna gleich mehrere Meilensteine in seiner noch jungen Karriere. Aus guten Gründen gilt der 24-Jährige vielen Experten als großes Versprechen für die Zukunft des deutschen Radsports. Im Gespräch mit dem Sportblitz blickt Kämna auf das erfolgreichste Jahr seiner bisherigen Laufbahn zurück.

Herr Kämna, wie hat sich Ihr Leben nach dem Tour-Erfolg verändert? Werden Sie auf der Straße erkannt?
Nein, nicht unbedingt. Der Etappensieg hat mir sicherlich hier und da ein paar Türen geöffnet und mir mehr Aufmerksamkeit verschafft. Aber im Großen und Ganzen ist nach der Tour alles wieder beim Alten. Wenn ich in Fischerhude bin, erkennen mich die Leute, aber die kannten mich auch vorher schon. Wenn ich in Bremen unterwegs bin, werde ich ganz selten mal erkannt. 
Wenige Tage vor Ihrem Etappensieg sind Sie als Zweiter ins Ziel gekommen. Haben Sie den Erfolg danach überhaupt noch für möglich gehalten?
Auf jeden Fall. Nach meinem zweiten Platz habe ich gedacht, dass ich eine gute Chance habe, eine Etappe zu gewinnen. Ich wollte mich nicht hängen lassen, nur weil ich hätte gewinnen können. Danach war ich eigentlich noch heißer als vorher. 
Wie lange haben Sie gebraucht, um zu realisieren, was Sie erreicht hatten?
Das kommt meistens immer erst ein paar Tage oder manchmal sogar Wochen danach. In dem Fall war ich sogar zu Hause unterwegs und bin im Blockland herumgefahren. Und da musste ich schon ein bisschen lächeln. Danach habe ich bewusst versucht, den Moment zu genießen und habe mit meinen Eltern und mit ein paar Freunden angestoßen, um das zu feiern. 
Zu Beginn der Tour sind sie dreimal gestürzt. Inwiefern hat Ihre Familie vielleicht auch ein wenig Angst um Sie?
Die Familie ist das gewohnt, die verfolgt den Sport, seit ich zwölf, dreizehn Jahre alt bin. Und Stürze gehören leider zum Radsport dazu. Meiner Oma gefällt das natürlich nicht so, die kann das nicht wirklich angucken.
Sie haben sinngemäß mal gesagt, dass man als Radfahrer eigentlich mehr für Etappensiege und gar nicht so sehr für den Gesamtsieg fährt. Was meinten Sie damit?
Ich hatte gesagt, dass ich Ausreißersiege spannender finde als einen neunten oder zehnten Gesamtrang, weil im Fernsehen mehr passiert. Wenn man Zehnter wird, dann ist das eine super Leistung, aber man fährt immer ein bisschen im Unsichtbaren. Der klassische Thrill ist hingegen maximal vorhanden, wenn man in die Ausreißergruppen geht, wo auch deutlich mehr mit Taktik gefahren wird.
Einige Radsportexperten sehen in Ihnen einen potenziellen Tour-Gesamtsieger. Wie gehen Sie mit den erhöhten Erwartungen um?
Ich denke, Erwartungen steigen immer mit dem Erfolg, den man hat. Ich versuche, das von mir wegzuhalten und mich einzuordnen. Ich weiß, dass es noch ein weiter Weg ist, um bei einer Grand-Tour vorne mitzufahren und von daher versuche ich mich nicht stressen zu lassen und nehme es, wie es kommt.
Können Sie nachvollziehen, dass es nach den Erfolgen der vor allem jungen Fahrer, die in den letzten Jahren steil nach oben geschossen sind, immer wieder Doping-Diskussionen gibt?
Ja, wir haben im Radsport nun mal eine schlechte Historie, die kann man nicht wegleugnen. Von daher verstehe ich es, wenn gewisse Zweifel aufkommen. Nichtsdestotrotz gehe ich davon aus, dass das saubere Leistungen waren.
Die Radsaison ist vorbei. Wie viel trainieren Sie und wo halten Sie sich zurzeit auf?
Ich bin natürlich viel im Blockland unterwegs, wo ich momentan zwischen einer und drei Stunden am Tag fahre. Ansonsten bin ich sehr viel unterwegs. Oft bin ich bei meiner Freundin in Hagen oder bei meinen Eltern in Fischerhude, und dann ab und an noch in Bremen. Gefühlt bin ich überall und nirgendwo.
Was sind Ihre Pläne für das kommende Jahr?
Das wird sich zeigen, wenn der Rennplan erscheint. Wir versuchen im Dezember ein Teamcamp zu machen, wo die Fahrer zusammenkommen und über ihre Ziele und Pläne für 2021 sprechen. Im Großen und Ganzen würde ich gerne zumindest auf das Niveau kommen, das ich in diesem Jahr bei der Tour hatte. Wenn möglich, sogar besser.

Die Fragen stellte Stephan Schiffner. Aufgezeichnet von Helge Hommers.

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Autor

  • Stephan Schiffner Redakteur und Moderator und Autor

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 19. November 2020, 18:06 Uhr